Zum Tod Jochen Hülders Der Mann, der die Hosen groß machte

Er hatte eine Schwäche für irre Ideen und machte am liebsten alles selbst: 1982 erkannte Jochen Hülders, dass diese Jungs aus Düsseldorf Rockstars werden könnten. Jetzt ist der Manager der Toten Hosen im Alter von 57 Jahren gestorben.

Ein Nachruf von

picture alliance/ Citypress 24

Es war im Frühling 2014, ein Freitagabend, da schlug Jochen Hülder vor, noch etwas essen zu gehen und ein bisschen zu reden, er habe ein paar Ideen, ein griechisches Imbissrestaurant in Düsseldorf in der Nähe des Rheins, wo Fernseher an der Decken hängen, auf denen das Bundesliga-Freitagsspiel lief. Hülder bestellte eine große Portion Pommes frites mit doppelt Zaziki, dazu eine Cola. Er trug eine schwarze Trainingsjacke, wie eigentlich immer, und eine hängende ausgebeulte Jeans.

Es dauerte nicht lange, da kam ein junger Mann an den Stehtisch und begann, Hülder von seinen wirren Geschäftsideen zu erzählen. Hülder hörte dem Mann zu, zumindest für eine Weile. Er hatte schließlich allen immer zugehört, die irgendwelchen Irrsinn vorzutragen hatten, denn in jedem Irrsinn steckte irgendwo auch eine gute Idee, glaubte Hülder. Man musste sie nur erkennen können und dann mit voller Überzeugung umsetzen.

So hatte er 1982 auch ein paar jungen Männern zugehört, die sich selbst eigenartige Namen gegeben hatten: Trini, Campino oder Kuddel. Sie wollten eine Punkband gründen, ausgerechnet 1982, in jenem Jahr, in dem Punk nun wirklich vorbei, aus, tot und Schnee von gestern war. "Genial", dachte Hülder sich damals. Außerdem kannte er die Typen, und er sah in ihnen, was sonst niemand erkannte: Dass diese jungen Männer Rockstars werden könnten - und falls nicht, dann würden sie zumindest für viel Spaß und Freude sorgen.

Das Hülder-Prinzip: Alles selbst in einer Hand haben

Als jemand vorschlug, man könnte diese neue Band doch "Die Toten Hosen" nennen, war selbst Hülder kurz skeptisch. Er fragte seine damalige Freundin Ute, die immerhin Lehramt studierte und später seine Frau wurde, ob dieser Bandname jetzt komplett verrückt wäre. Aber Ute gefiel er - und so wurde Hülder, der eigentlich nur Reggae hören wollte, der Manager der Toten Hosen.

Er besorgte ihnen Plattenverträge - nicht ohne die Plattenfirmen dabei auch stets ein bisschen auszutricksen mit seinem Charme, seiner Überzeugungskraft, seiner Begeisterung, manchmal auch mit seiner Härte. Manche seiner Verträge gelten in der Musikbranche bis heute als legendär.

Als Hülder in Solingen, wo er aufwuchs, durchs Abitur fiel, organisierte er wenigstens für seine Mitschüler die Abiturfeier und verdiente Geld. Er gründete eine Plakatierungsfirma, damit er die Konzerte, die er für deutsche Protopunk-Bands veranstaltete - darunter Abwärts, Malaria oder ZK (die Vorläuferband der Toten Hosen) - auch ordentlich bekannt machen konnte. Er arbeitete beim Düsseldorfer Stadtmagazin, damit dort die richtigen Artikel erschienen. Alles selbst in einer Hand haben, das war das Hülder-Prinzip, und es wurde auch das der Toten Hosen.

"Wieder so eine Jochen-Idee"

Man musste in Hülders Gegenwart vorsichtig damit sein, Ideen, Vorstellungen oder Spinnereien zu äußern, denn es konnte passieren, dass Hülder aufhorchte und die Spinnerei sofort umsetzte. Als die Toten Hosen 1983 ein Lied namens "Eisgekühlter Bommerlunder" aufgenommen hatten und darüber fantasierten, dass eigentlich jeder Single eine kleine Flasche des Branntweins beiliegen müsste, hatte Hülder schon den Telefonhörer in der Hand, rief bei dem Hersteller an, und zwei Tage später standen Kartons voller kleiner Bommerlunderflaschen in Hülders Büro in der Kölner Straße (die die Band dann allerdings in mühsamer Handarbeit jeder Single beilegen musste).

Die meisten Ideen aber hatte Jochen Hülder selber. Es gab Phasen, da rief er mehrmals am Tag an, weil ihm wieder etwas eingefallen war, zuletzt häufig aus irgendwelchen Emiraten am Golf, und es machte Spaß, ihm in seiner Begeisterung zuzuhören. Natürlich klappte nicht jede seiner Ideen (bei den Toten Hosen gibt es deswegen das halb bewundernd, halb resignierend gemeinte geflügelte Wort von "Wieder so einer Jochen-Idee"), doch die wichtigen sind aufgegangen.

Vor allem die, 1995 für die Toten Hosen ihre eigene, nämlich "Jochens Kleine Plattenfirma" zu gründen. Dass eine Band alles selbst macht, auf die Dienste einer klassischen Plattenfirma verzichtet und dafür maximal autark ist: das gab es damals in Deutschland noch nicht. Manche prophezeiten Hülder, er würde scheitern. Doch es funktionierte - und machte die Toten Hosen erst zu der Band, die sie heute sind. Im Laufe der Jahre hat Hülder mit den Toten Hosen fast ein Dutzend Firmen gegründet, eine Tourneeagentur, ein Merchandise-Unternehmen, Verlage für die Rechte.

Nicht nur Manager, sondern Vaterfigur

Später eröffnete er Diskotheken und Restaurants in Düsseldorf, er wurde eine Art Malcolm McLaren - nicht von King's Road in London, sondern aus der Fortunastraße in Flingern.

Dreiunddreißig Jahre stand Jochen Hülder an der Seite der Toten Hosen. Natürlich war er nicht nur ihr Manager, er war auch eine Art Vaterfigur für die Band, obwohl er nur fünf Jahre älter war als beispielsweise Campino. Dank seines immer relativ unspektakulären Aussehens galt er im Toten-Hosen-Zusammenhang immer als der Vernünftige, doch das konnte täuschen.

Bei der jüngsten Tour der Toten Hosen im Jahr 2013 sah man ihn oft Abend für Abend auf den Konzerten, er suchte die Nähe seiner Band. Er stand dann irgendwo in der Garderobe in einer Halle oder einem Stadion neben einem Rauchverbotsschild und rauchte.

Als ich vergangenes Jahr an einem Buch über die Toten Hosen arbeitete und manchmal, wenn mal alles feststeckte, nicht wusste, wo es weitergehen sollte, rief ich Jochen Hülder an, oft mitten in der Nacht. Hülder hörte zu, benannte Probleme. Wenn ich auflegte, hatte Jochen Hülder die Bahn für mich wieder freigeräumt.

Wir beide wussten da noch nicht, dass er an Magenkrebs erkrankt war. Als er festgestellt wurde, gab es kaum Überlebenschancen. Jochen Hülder ist am Donnerstagvormittag nur wenige Monate nach der Diagnose mit 57 Jahren in Düsseldorf gestorben. Seine Tochter und seine Frau waren bei ihm.

Der SPIEGEL-Redakteur Philipp Oehmke ist Verfasser der Biografie "Die Toten Hosen. Am Anfang war der Lärm" (Rowohlt).



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Bernd² 16.01.2015
1.
RIP Jochen - du hast die deutsche Musikindustrie gut aufgemischt und hier und da renomierte Plattenfirmen gut geärgert. Danke dafür - deutschen Mukkern hat das immer Mut gemacht und gezeigt das mit Musik sein Leben bestreiten zu wollen nicht zwingend heißt Studiomusiker zu werden oder in Top40 Coverbands zu spielen. Die Musikszene in Deutschland verneigt sich....
voliant 16.01.2015
2. Möge er in Freiden ruhen
nur leider viel zu früh.
moin8smann 16.01.2015
3. Zuvorkommend
Erstmal: Ruhe in (Un)Frieden - lass es krachen. Dann bevor die üblichen Trolle kommen: jeder wie ich, aus dem Alter 40+ wird sich erinnern, das in jedem Punk-"Haushalt" neben den Dead Kennedys auch die Toten Hosen-LPs standen und ebenso geliebt wurden. Danke für ein paar sehr gute Stunden.
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