Die Toten Hosen Busfahrer der deutschen Seele

Einst saß man mit ihnen im Opel, jetzt im ICE zurück nach Düsseldorf: Auf ihrem 16. Studioalbum "Laune der Natur" laden Die Toten Hosen mal wieder zur launig-sehnsüchtigen Gruppenreise durchs deutsche Gemüt ein.

DPA

Keine Band ist eigentlich so sehr Deutschland, wie die, die seit Jahren unter der Flagge des knöchernen Bundesadlers reist: Die Toten Hosen. Thematisch immer voller German Angst, ein musikalisches Noppenschuhballett zwischen Fernweh und Freibierzelt, getragen von der Idee einer Mannschaftsfreundschaft. In langen Hand-auf-die-Schulter-Ketten grölt man sich ewige Treue zu, auch wenn - es ist so eine "Laune der Natur" - natürlich immer wieder ein Spieler die Kette verlässt.

Wie gern würde man einfach immer so weitermachen, alles lassen, wie es gewesen ist, bis zum bitteren Ende. Dass Campino, wie er in einem seiner jüngsten Interviews andeutet, bei der Bundestagswahl Merkel wählen wird, weil man in Tagen wie diesen jemanden braucht, der sich mit dem Job schon auskennt, ist eigentlich keine Überraschung, denn diese Einstellung passt zu ihm, wie auch zu seinem neuen Album. Die Toten Hosen machen auf ihrem 16. Studioalbum "Laune der Natur" den Job, mit dem sie sich seit der Ära Kohl gut auskennen: Sie nehmen den Hörer mit auf eine testosteronsatte Busreise durchs Land.

Hosen-Seele auf Reisen

Saß man während ihres ersten Albums, 1982, noch mit ihnen im Opel und hörte Punk, der (übrigens auch sehr deutsch) Amerika und Großbritannien imitierte, so hatten sie schon damals den exakt gleichen Unterton: Sehnsucht. Wegwollen aus diesem Düsseldorf. Der Anti-Patriotismus, das sich immer irgendwie Wegsehnen, weil es woanders - London? Buenos Aires? - aufregender zu sein scheint, bei zeitgleich ambivalent spöttelnder Heimatliebe ("Modestadt Düsseldorf") - genauso geht die deutsche Hosen-Seele auch heute noch auf Reisen.

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Die Toten Hosen: Väter der Deutschpoeten

Nach 30 Jahren Bandgeschichte fuhren die Hosen mit "Tage wie diese" 2012 ihren größten Hit ein. Auf ihrem neuen Album sitzt man mit ihnen nun im "ICE nach Düsseldorf", zurück nach Hause also. Musikalisch geht es in vielen Tracks trommelnder, schmutziger und schneller zu als auf dem Vorgänger. "Urknall" etwa eröffnet das Album mit Maximalgeschwindigkeitsschlagzeug und sirenenhafter E-Gitarre, ganz so, als würde man sich mit aller Kraft abstoßen wollen, von allen Stadionschlager-Erwartungen. "Wir wollen zurück auf den Bolzplatz", versichert Campino textlich noch mal hinterher, denn das weiß ja jeder: Doppelt hält besser. Der ganze Song ist ein Versprechen an den Fan: Alles wird wieder beim Alten geblieben sein, wirklich, wirklich! Und der Fan hat keine Zeit zu zweifeln, denn dann stimmt der Song schon in den Mannschaftsbus-Gesang ein: "Oooh-Hoo-Hoooh".

Ein guter Busfahrer macht das so. Er achtet darauf, dass seine Passagiere mitsingen können, und die Hosen sind sehr gute Busfahrer. Sie wissen, Mitsingvokale sind der Kitt zwischen ihnen und ihren Fans, also ist das ganze Album selbstverständlich voll davon. In "Wannsee" singt ein "Woah"- Chor. Im Titeltrack geht es "Hey hey hey" und "Oo-oh". In "Energie" tanzt ein Zauberflöten-artiges "Pa-pa-pa-papap" während die Beziehungsendegeschichte aus "Alles Passiert" wieder in ein: "Oooh!" mündet.

"Wooooah-Woooahhh"

Die Hosen singen zwar davon, ihre Reise im ICE zurück nach Düsseldorf "schwarz zu fahren" und außerdem natürlich "im Sarg am Fensterplatz" zu sitzen, aber all das ist, wie ihr "Urknall"-Versprechen, nur ihre Art, ihren Lieblingsthemenkomplex Erinnerungen und Vergänglichkeit zu verstilmitteln, für immer Punk. Denn eigentlich, klar, sitzen die Hosen heute über einem Biomenü von Johann Lafer im Bordrestaurant. Gitarrist Breiti verträgt nämlich nur noch Bio - das verraten sie in "Wie viele Jahre/Hasta La Muerte", das im Refrain zwar melodische Ähnlichkeiten mit Matthias Reims "Verdammt ich lieb dich" aufweist, aber dank all der angeschlagenen Saiten angenehmer daherkommt, als das jetzt klingt.

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Die Toten Hosen:
Laune der Natur

JKP (Warner); Audio CD; 17,99 Euro

Der überraschendste Track des Album ist "Wannsee". Eine viel zu späte Antwort auf das "Westerland" der Ärzte, das in den Strophen auf einem lichtdurchlässigen Reggaebeat dahintuckert. Das klingt ganz nett, fast will man sagen: neu, aber dann bricht über einem voluminösen "Wooooah-Woooahhh" wieder alles im typischen Hosenrock-Refrain zusammen. "Wannsee, wann sehn wir uns wieder?" Irgendwie ist man verwundert, dass es diese Zeile bisher noch nicht gegeben hat.

Wo die Reise endet? Da, wo sie begann natürlich. Im Nichts. Der erste Satz des Albums ist "Der Manager ist tot", und das letzte gesungene Wort hat ihr 2016 verstorbener langjähriger Schlagzeuger Wolfgang "Wölli" Rohde. Sein 2011 veröffentlichtes "Kein Grund zur Traurigkeit", auf dem er klingt wie ein guter, alter Fan des guten, alten Johnny Cash eben klingt, darf das Album schließen.

Wie wetterfestes Metall

Und auch dazwischen liegt Trauer. In "Eine Handvoll Erde" berichtet Sänger Campino zur Gitarrenmelodie tagebuchartig von der Beerdigung ihres Managers Jochen Hülder. Reisen, egal, ob sie im Opel, im Bus oder im ICE angefangen haben, sie enden unweigerlich zu Fuß, auf dem Friedhof.

Zwischendurch findet auch das schon leicht ausgetretene Thema "Campino wehrt sich gegen Kritik" einen Platz, im Song "Pop & Politik". Darin brüstet er sich ironisch damit, dass er sich nicht politisch äußern soll, weil angeblich keiner die Vermischung von Pop und Politik hören wolle, nur um dann, abgesehen von der Vorabsingle "Unter den Wolken", tatsächlich keinen politischen Song mit auf das Album zu nehmen.

Sich jetzt die Frage zu stellen, ob all das noch Punk ist, wäre, wie sich jedes Jahr aufs Neue zu ärgern, dass die Bahn schon wieder nicht auf den Winter vorbereitet war. Die Hosen sind die Väter all dieser Deutschpoeten, der "Auf uns"-Bouranis und "80 Millionen (Döö-döp-dööö-döp dööö")"-Giesingers. Das Radio ist voll von "Toten Höschen" wie Jennifer Rostock.

Ja, das sind die Referenzgruppen, in die man Die Toten Hosen heute stellen muss. Sie wirken darin wie wetterfestes Metall: solide, ein bisschen langweilig, aber eben auch selten so blank poliert, dass ihr Radiorock allzu kitschig wirken würde. "Laune der Natur" ist so gemeint und so gefühlt. Eine Busreise auf Platte, für alle, die früher Pfadfinder waren.



insgesamt 76 Beiträge
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jens.schroeter 06.05.2017
1. Campino...
der Drops ist gelutscht, schon seit Jahrzehnten: fade, farb- und geschmacklos. Übereitle, eisgekühlte Tote Hose.
Hans_R 06.05.2017
2. Tote Muke
von den Toten Hosen. Warum wird eigentlich immer Werbung für die Hosen gemacht? Berichtet doch mal über richtige Musik. Ich habe mir mal das verlinkte Video angetan, leider nur ein langweiliges Einheitsgeschraddell mit fadem Text welches man von den Hosen schon hundert mal gehört hat. Also nix neues nur aufgewärmter pseudo Kunstbrei der voraussichtlich in den deutschen Medien wieder rauf und runter gespielt wird. Schade, es gibt 1000 bessere/interessantere -> Musiker/Gruppen/Künstler. Schwacher Bericht im Bereich Kultur und Musik.
wosmoschno 06.05.2017
3. Leben, Tanzen, Lachen, Welt
Oh Oh Ehoho Oh oh Ehoho
modemhamster 06.05.2017
4. Hosen, die Merkel wählen
Da kann man dem Böhmermann wohl nur noch beipflichten. Vielleicht sollten sie nur noch mit U2 auftreten, die steuersparenden Gutmenschen.
pejäh 06.05.2017
5. Nichts neues...
..von den Plattenmilionären aus Düsseldorf. Da entwickelt sich musikalisch wirklich nichts mehr weiter. Immer schön auf dem Mainstream mitschwimmen mit Blick auf die Charts. Mit Punk hat das schon seit mindestens 20 Jahren nix mehr zu tun. War das denn jetzt endlich das letzte Album?
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