"Die Trikont-Story" Stimme des Widerstands, seit 50 Jahren

"Wir befreien uns selbst" - ein Prachtband feiert die Geschichte des Musik- und Buchverlags Trikont als Geschichte von 50 Jahren linkem Kulturkampf und Widerstandsgeist.

Heyne Verlag/ Sebastian Weidenbach

Die blutige Lippe von Achim Bergmann war eines der prägenden Bilder der Frankfurter Buchmesse 2017 - und man muss sagen, der Mann hat sie sich auf eine Weise eingehandelt, die ihn treffend charakterisiert. Am Stand der rechten Zeitschrift "Junge Freiheit" hörte Bergmann am Buchmessenfreitag einen Redner über das angeblich verhängnisvolle Erbe der 68er-Rebellen sprechen, weshalb er (so jedenfalls berichtete er hinterher) laut "Halt's Maul!" rief. Daraufhin versetzte ihm einer der Zuschauer im Getümmel einen Faustschlag ins Gesicht; "mit Killerinstinkt", wie Bergmann gegenüber den vielen Journalisten, die über die Attacke berichteten, so grimmig lächelnd anmerkte, als staune er nicht bloß über die Brutalität des Angreifers, sondern auch über die eigene Chuzpe.

Der Verleger Bergmann, 74, ist in den vergangenen Jahrzehnten selten einem Streit aus dem Weg gegangen. Zusammen mit seiner Arbeits-, Kampf- und Lebensgefährtin Eva Mair-Holmes leitet er den 1967 in Köln gegründeten und seit 1968 in München beheimateten Verlag Trikont, der mehr als 600 Tonträger und Bücher publiziert hat.

Trikont verlegte die Schriften von deutschen Anarchisten, Sympathisanten der "Rote-Armee-Fraktion" und Hausbesetzern, aber auch Schallplatten mit Liedern marxistischer Arbeiter und Gesängen von Atomkraftwerksgegnern und Haschrebellen. Trikont brachte "Indianische Texte aus dem Widerstand" aus den USA heraus, umstürzlerische "Mestizo Music" aus Mexiko und antifaschistische "Songs from the Greek Underground", nebenbei auch Platten nicht unbedingt revolutionärer deutscher Unterhaltungskünstler wie Rocko Schamoni, Funny van Dannen oder Eric Pfeil. Der mit seinen Tonträgern heute erfolgreichste Trikont-Künstler ist der bayerische Liedermacher Hans Söllner, der unter anderem wegen seiner Hasstiraden gegen die staatliche Obrigkeit in viele juristische Raufereien verwickelt ist. Söllners Lieder tragen Titel wie "A Drecksau is a Drecksau".

"Agitation, Diskussion, nicht Literaturproduktion"

50 Jahre Trikont, das sind viele Jahre tapferer, oft närrischer und manchmal heroischer Kulturkampf. Das ist die Geschichte eines einst linksradikalen Verlags und Plattenlabels, dessen Betreiber sich bis heute ihren Trotz und Widerstandgeist zugutehalten und die doch auf ihre (eher wenigen) kommerziellen Erfolge stolz sind. Der Autor Christof Meueler hat diese Geschichte aufgeschrieben, mit Unterstützung des Augsburger Schriftstellers Franz Dobler. Herausgekommen ist dabei der liebevoll illustrierte Prachtband "Die Trikont-Story. Musik, Krawall & andere schöne Künste", der jetzt bei Heyne Hardcore erschienen ist.

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Christof Meueler mit Franz Dobler:
Die Trikont-Story. Musik, Krawall & andere schöne Künste

Heyne Hardcore, 464 Seiten, 30 Euro

Ausgerufen wurde das Projekt Trikont 1967 in Köln von ein paar Studentinnen und Studenten, die den Namen von der 1966 in Havanna ausgerichteten "Trikontinentalen Konferenz der Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas" abkupferten und im Jahr darauf mit Trikont nach München umzogen.

Erstes Produkt des Hauses war die "Botschaft an die Völker der Welt" des im Herbst 1967 ermordeten Che Guevara, ergänzt durch einen Redetext von Fidel Castro. Guevaras "Bolivianisches Tagebuch" wurde dann ein echter Bestseller, mit dem Segen Castros ins Deutsche übersetzt und in vermutlich 100.000 Exemplaren verkauft. Ein mindestens ebenso großer Knüller wurde die von Trikont verlegte sogenannte Mao-Bibel mit den "Worten des Vorsitzenden Mao Tsetung." Die 1972 publizierte erste Schallplatte des Labels Trikont trug den Titel "Wir befreien uns selbst".

Natürlich wirkt das Pathos solcher Slogans heute rührend und ein bisschen lächerlich. Damals war es üblich und vielleicht sogar angebracht. "Wir wollten die linken, antikolonialen Botschaften der Welt zugänglich machen", berichtet Verlags-Mitgründerin Gisela Erler in der "Trikont-Story". "Es ging um Agitation und Diskussion, nicht um Literaturproduktion", schreiben die Autoren Meueler und Dobler.

Zeitweise gab es im Münchner Universitätsviertel Ende der Sechziger einen Trikont-Laden, der wie viele linke Buchläden der Zeit irgendwann Bankrott ging - im Jubiläumsbuch kann man erfahren, dass der damalige Betreiber, als er den Laden schließen musste, Teile der Einrichtung und die restlichen Bücher auf offener Straße verbrannte.

Im Jahr 1975 druckte Trikont dann ein Buch, das gleich nach Erscheinen verboten wurde: "Wie alles anfing", den Bericht von Bommi Baumann, der die der RAF zeitweise nahestehende und für die Entführung des CDU-Politikers Lorenz verantwortliche "Bewegung 2. Juni" mitgegründet hatte. "Gegen das Buch hatte nicht nur die RAF etwas, sondern auch der Staatsanwalt", so Meueler und Dobler. "Nach dem Verbot wurden die Verlagsräume von Trikont durchsucht. 300 Bücher wurden beschlagnahmt, 1300 weitere Exemplare von verdächtigen Titeln wie 'Bewaffneter Kampf und Massenlinie' mitgenommen. Dazu wurden alle Schreibmaschinen des Verlags von der Polizei eingepackt."

Kluge Kuratoren für starke Sampler

Vor der nostalgischen Beschwörung der wilden Jahre Westdeutschlands schützt sich die "Trikont-Story" durch demonstrative Nüchternheit. Über die Trennung von Plattenlabel und Verlag im Jahr 1980 heißt es beispielsweise: "Auf die Krise des Linksradikalismus, dessen revolutionäre Gruppen sich mangels Revolution aufgelöst hatten, folgte die editorische Krise." Achim Bergmann, fast von Beginn an bei Trikont dabei, machte sich mit dem Plattenlabel "Trikont - Unsere Stimme" selbstständig; der Trikont-Mitgründer Herbert Röttgen übernahm den Buchverlag, verlegte sich auf Esoterisches wie "Aradia. Die Lehre der Hexen" und benannte seine Hälfte des Betriebs in "Trikont-Dianus" oder wahlweise "Dianus-Trikont" um, bevor er 1986 endgültig Pleite machte.

Mit dem Label Trikont, das von da an nur in einem Ausnahmefall (Hans Söllner) noch ein Buch publizierte, ging es aufwärts. "Die beste Zeit war Mitte der Achtziger bis Anfang der Neunziger", heißt es einmal. Damals kamen Bands wie Attwenger und Accordions Go Crazy zur Firma, später auch die zeitweise sehr erfolgreichen Musiker von LaBrassBanda, von denen man sich in einem branchentypischen Streit ums Geld trennte, den das Buch ausführlich dokumentiert.

Nach und nach entwickelten Bergmann und seine Mitstreiterin Mair-Holmes ein auf kluge Kuratoren setzendes Sampler-Konzept, dem man kommerzielle Hits wie "Russendisko" und "Finnischer Tango" verdankt. Ihre Begeisterung für halbvergessene Kulturrevoluzzer beweisen die Trikont-Leute bis heute mit Sammel-Tonträgern, die sich etwa den aufmüpfigen "Stimmen Bayerns" widmen; im Backkatalog finden sich aber auch Alben von großartig abseitigen Bands, die so herrliche Namen tragen wie Drei Eier oder Ich schwitze nie.

Und wo ist der Aufrührergeist der frühen Trikont-Tage geblieben? "Prozesse - Feinde - Verbündete" und "Fortschritt und Zurücknahme" heißen typische Kapitelüberschriften in der "Trikont-Story". Einmal zitiert Achim Bergmann den berühmten Appell des amerikanischen Dichters Walt Whitman für den Widerstand und gegen das Gehorchen, der für ihn ebenso als Motto gelten kann wie für den Verlag, dem er große Teile seines Lebens widmete: "Resist much, obey little" - ganz egal, ob man sich dabei die eine oder andere blutige Lippe holt.



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Lark 28.10.2017
1. Geht´s noch?
"[...] im Jubiläumsbuch kann man erfahren, dass der damalige Betreiber, als er den Laden schließen musste, Teile der Einrichtung und die restlichen Bücher auf offener Straße verbrannte." Bücher verbrennen? Auf offener Straße? Sekunde, da war mal was ... Moment, ich hab´s gleich ...
Lark 28.10.2017
2. Geht´s noch?
"[...] im Jubiläumsbuch kann man erfahren, dass der damalige Betreiber, als er den Laden schließen musste, Teile der Einrichtung und die restlichen Bücher auf offener Straße verbrannte." Bücher verbrennen? Auf offener Straße? Sekunde, da war mal was ... Moment, ich hab´s gleich ...
doc_snyeder 29.10.2017
3. 50 Jahr Widerstand - Wogegen eigentlich?
Klar doch. Gegen das Schweinesystem. Und wofür? Auch klar. Für Mörder wie Mao, Pol Pot, Baader Meinhof und Ernesto Guevara. - "Keine Macht für niemanden!" - Infantile Randale um der Bambule willen. Und Gewalt um jeden Preis. - Das ist der linke Widerstand. - Gegen Recht, gegen Ordnung und gegen Zivilisation. Kaputt machen, was anständige Menschen geschaffen haben. Zerstörung um der Zerstörung willen. Und möglichst nie erwachsen werden.
Japhyryder, 17.11.2017
4. Ohne TRIKONT
wären wir ärmer. Glückwunsch zum Jubiläum. Kann mich noch erinnern, dass ich als junger Mann beim Durchstöbern von Buchläden immer wieder auf Trikont-Schallplatten gestoßen bin, die in irgendwelchen Pappkartons zum Kauf angeboten wurden. Warn schon ein paar interessante Sachen darunter. Damals hatte ich aber einen anderen Musikgeschmack. Legte mein schmales Budget lieber in amerikanische Rockmusik an. Duane Allman und so. Jefferson Airplane, Quicksilver. Das packte mich mit Haut und Haaren.Trotzdem: Bei Trikont habe ich interessante Liedermacher gefunden. Die hatte doch kaum Jemand auf dem Schirm.
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