15 Jahre Staatsakt-Label Musik mit Kraut und Seele

Warum betreibt man in Zeiten von Streaming noch eine Plattenfirma? Weil es geil ist natürlich! Ein Treffen mit Label-Chef Maurice Summen zu 15 Jahre Staatsakt und dem neuen Album seiner Hippieband Die Türen.

Gabriele Summen

Von Tobi Müller


Im Rest der Welt träumen Buben und Mädchen davon, Rockstars zu werden. In Deutschland sehnen sich gestandene Musiker danach, auf dem Land eine Platte aufzunehmen. Die Berliner Band Die Türen hat sich in die Märkische Schweiz zurückgezogen, um in einem alten Festsaal ein Dreifachalbum einzuspielen. Es heißt "Exoterik", klingt allerdings eher nach kompetent verspulter Esoterik, ist oft trippig, mal poppig, immer verschwenderisch und knüpft an die westdeutsche Tradition des Krautrocks an. Was der Gruppe Can in den Siebzigerjahren Schloss Nörvenich und Weilerswist südwestlich von Köln waren, ist den Türen Ringenwalde nordöstlich von Berlin.

"Regionalexpress", singt Maurice Summen auf dem gleichnamigen Stück mit viel Hall, "auf den Schienen der Vergangenheit". Zum einen rufen Die Türen damit einen weiteren Krautrock-Mythos auf, nämlich Kraftwerk und den "Trans Europa Express". Zum anderen liegt die Bahntrasse direkt an der Ringenwalder Pension, in der Summen mit Ramin Bijan (Bass), Gunther Osburg (Gitarre), Chris Imler (Schlagzeug) und Andreas Spechtl (Synthesizer) die heißeste Woche des Rekordsommers 2018 verbracht hat. "Exoterik" erscheint bei Summens eigener Plattenfirma Staatsakt.

Ob das Album deshalb so kosmisch klingt, weil die lichtverseuchten Städter auf dem Land endlich den Sternenhimmel sehen konnten? Summen winkt ab: "Wir haben bis drei oder vier Uhr morgens gespielt und gingen danach wortlos ins Bett." Das Resultat ist vielleicht ein krautiger Traum - das Land, die langen Stücke, die kollektive Improvisation und der noch längere Prozess des Editierens am Computer, wenn anderthalbstündige Versionen auf zwölf Minuten heruntergeschnitten wurden. Doch es ist Hippiekram unter heutigen Bedingungen: Eine Woche Studiozeit für gut zwei Stunden Musik, das ist eher effizient als entspannt.

"Exoterik" offenbart die Freude, etwas zu schaffen, dem weder Kundenbefragung noch Zielgruppenoptimierung vorausgegangen war. "Ein Türen-Album muss uns nicht 'Miete, Strom, Gas' bezahlen", sagt Summen und zitiert damit die treibende erste Single, auf der er nur diese drei Worte singt, wie einen Slogan auf einer Demo. Oder wie im Museum, vorne, wo die Pop Art steht: Miete, Strom, Gas - das knallt, ist bunt, das versteht jeder, wie Tomatensuppe in Dosen. Die meisten Texte auf dem Album blinken wie Signale: "Keine Zeit, keine Liebe, kein Glück, kein Geld" in "Ich bin eine Krise" zum Beispiel. Oder "Oma": klingt bei Summen im stimmlichen Soulkeller ein bisschen wie "Woman", während die "bildungsbürgerlichen Ideale" im Lied "BBI" "in die Jahre kommen, in die Regale".

Doch was steht in den Regalen herum? Im Staatsakt-Büro im ehemaligen Szenestadtteil Prenzlauer Berg sind es CDs und Vinylschallplatten aus den letzten 15 Jahren. So lange gibt es Staatsakt schon. Für ein unabhängiges, sogenanntes Independent-Label, das lediglich Konzert-Booking und Vertrieb an Partnerfirmen auslagert, ist das beachtlich.

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Staatsakt-Label: 15 Jahre funky Handwerk

Neben der Hausband Die Türen und ihrer Inkarnationen (u.a. Der Mann, Maurice & Die Familie Summen) veröffentlichen bei Staatsakt nicht nur erfahrene Künstlerinnen und Künstler wie Bonaparte, Barbara Morgenstern, Jens Friebe oder Christiane Rösinger. Auch junge Bands der Stunde wie Isolation Berlin, International Music und The Screenshots erscheinen hier. Zusammen mit der Berliner Konkurrenz von City Slang und Buback Tonträger in Hamburg gehört Summens Label zu den ersten Indie-Adressen Deutschlands.

Beschreibt der Katalog physischer Staatsakt-Tonträger bereits einen eigenen Kanon, einen popbildungsbürgerlichen gar? Summens Vater war Fliesenleger im Münsterland und passionierter DJ mit Vorliebe für Soul und Funk. "Habt Ihr was für den Jungen?", fragte Papa am Wochenende im Plattenladen, erinnert sich der Musiker. Dass die Geschmäcker von Vater und Sohn viele Schnittmengen aufwiesen, hört man dem Gesang von Summen und auch dem Katalog von Staatsakt bis heute an: blauäugiger Soul, funky Schreie, und immer ein Auge aufs Handwerk - Musik aus Summens Händen hat saubere Fugen. Der Hintergrund aus der Arbeiterschicht führt wohl auch dazu, dass gesellschaftspolitische Themen auf vielen Staatsakt-Alben im Vordergrund zu hören sind.

Ist das bald vorbei, dieses mittelständische Pophandwerk, wenn Streamingdienste wie Spotify den Musikmarkt ähnlich auf den Kopf stellen wie die illegalen Tauschbörsen vor knapp 20 Jahren? "Für die Labels, auch für uns, ist Streaming weniger problematisch", sagt Summen. "Weil der Katalog sofort verfügbar ist und so stets ein bisschen etwas hereinkommt."

Aber viele erwarten von Spotify, dass der Branchenriese künftig selbst Musik produzieren und die Labels umgehen will. Für Musikerinnen und Musiker hat das vorerst auch Vorteile, wie Türen-Mitglied und Bandleader (Ja, Panik) Andreas Spechtl sagt: "Spotify ist der einzige Vertriebspartner, der nicht dem Label, sondern mir als Künstler persönlich schreibt. Ob ich nicht eine Playliste zusammenstellen wolle, zum Beispiel."

Die Frage, die das Gespräch grundiert, braucht man nicht zu stellen - warum man das überhaupt auf sich nimmt, ein Musiklabel in dieser prekären Zeit für Urheber. Der Mittvierziger Summen strahlt unentwegt so entwaffnend, dass die Antwort nur sein kann: Weil es geil ist natürlich.

Die Musik antwortet auf ihre Art. Denn auf dem Türen-Album "Exoterik" herrscht die hörbare Freiheit, die Freude am Quatsch mit der Liebe zu einem halben Jahrhundert Musik zu paaren. Mit großer Hingabe und der ewigen Hoffnung, der Moment möge sich dehnen.

Die Türen: "Exoterik" (Staatsakt/Caroline) wurde am 25. Januar veröffentlicht



insgesamt 2 Beiträge
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toninotorino 25.01.2019
1. Wenig Kohle - aber Ideen!
Das Label "Staatsakt"/Maurice Summen waren mir bisher total unbekannt. Aber was ich hier lese: Super. Gefällt mir. Klasse.
Max Dralle 26.01.2019
2.
Die Türen hatte ich bisher nicht so mit Kraut in Verbindung gebracht, aber auf dem aktuellen Album sind die Einflüsse ja zum Teil doch recht deutlich hörbar. Meinem Eindruck nach scheint Kraut, auch wenn der Genrebegriff natürlich unscharf ist (Kraftwerk in ihrer rein elektronischen Phase würde ich persönlich z.B. höchstens noch bedingt dazuzählen), in diesem Jahrzehnt ohnehin so etwas wie eine Renaissance zu erleben. Das extremste Beispiel ist meines Erachtens die amerikanischen Formation Verstärker, die mit ihrem Album "Aktivität" - letztes Jahr auf Vinyl veröffentlicht -, tatsächlich beinahe wie ein zeitgemäßes Update von Neu! klingt. Hierzulande kamen in den letzten Jahren Bands wie z.B. Stabil Elite oder Lovs-Songs auf, die klar von einschlägigen Vorbildern beeinflusst sind. Die altgediente Band Mutter hat vor zwei Jahren mit "Der Traum vom Anderssein" eine stellenweise recht krautig anmutende Scheibe rausgebracht, und der Teaser-Song zum neuen Album der ebenfalls schon betagten Goldenen Zitronen, das die Tage erscheint, erinnert mich in manchen Passagen stark an "Spoon" von Can. Normalerweise stehe ich Retrobewegungen jeglicher Art ja eher skeptisch gegenüber, aber in diesem Fall muss ich sagen: Mir gefällt's.
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