Zum Tode von Dieter Moebius Ein Abenteuerreisender in Sachen Musik

In Deutschland verkannt, im Ausland verehrt: Mit seinen Bands Cluster und Harmonia prägte Dieter Moebius die freie und radikale Musik, die "Krautrock" genannt wurde - ein Begriff, der dem am Montag verstorbenen Musiker immer fremd blieb. Ein Nachruf.

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Am frühen Morgen nach einem Auftritt an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, der sich bis tief in die Nacht zog, saß Dieter Moebius vor zwei Jahren matt, aber zufrieden in einem kleinen Hotel am Hauptbahnhof vor einem Kaffee. Das sei "anstrengend" gewesen, sagte er und setzte dann verschmitzt lächelnd nach: "Aber auch ganz schön laut!"

Neben ihm stand ein Kasten mit Tonträgern, die der damals fast Siebzigjährige bei Konzerten immer anbot: Darin waren diverse Moebius-Solo-Werke und natürlich Platten von Cluster und Harmonia, die beiden Bands, mit denen der 1944 in der Schweiz geborene und am Montag gestorbene Künstler in den Siebzigerjahren Musikgeschichte geschrieben hatte.

Die freie, abenteuerlustige und immer wieder radikale Musik, die Moebius damals mit Geistesverwandten wie Conrad Schnitzler, Michael Rother und insbesondere Hans-Joachim Roedelius produziert hatte, nannten Experten gern "Krautrock", ein Begriff, der ihm immer fremd geblieben ist:

"Krautrock? Was für ein Missverständnis, denn wir waren ja nicht mal Rocker. Aber der Begriff funktionierte wohl gut für Leute aus dem Ausland, die damit eine gewisse deutsche Musik aus den Siebzigerjahren verbinden."

Bewusst nicht den Rock der Briten und Amerikaner kopieren

Es waren dann auch diese "Leute aus dem Ausland", die die unkonventionelle Kunst von Dieter Moebius und vielen seiner Mitstreiter zu schätzen wussten. Hochachtung blieb den Musikern in Deutschland immer verwehrt. Was allein der kuriose, man kann auch sagen: traurige Umstand belegt, dass Dieter Moebius zu Lebzeiten zwar Wikipedia-Einträge auf Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch und selbstverständlich Englisch hatte - aber nicht auf Deutsch.

Hierzulande hat man sich immer schwergetan mit den sogenannten Krautrockern, dieser Generation, die um 1968 beschloss, eigene Wege zu gehen, nicht nur mit Lehrern und Eltern über Verantwortung zu streiten, sondern sich auch musikalisch zu befreien und eben ganz bewusst nicht den Rock der Briten und Amerikaner holprig zu kopieren.

Berlin war damals ein zentraler Ort für diese Künstler, viel wichtiger als es im aktuellen Jahrhundert ist. Dort, im Umfeld des legendären Zodiac-Club, modernisierten junge Wilde wie Edgar Froese (Tangerine Dream), Klaus Schulze, Manuel Göttsching (Ashra Tempel) und viele mehr die zeitgenössische Musik.

Dieter Moebius traf dort auf Conrad Schnitzler und Hans-Joachim Roedelius, die den Laden in Kreuzberg gegründet hatten. Er war mit 18 nach Berlin gekommen, studierte "halbherzig" Kunst, ließ sich die Haare lang wachsen und demonstrierte gegen die Springer-Presse: "Eine wilde Zeit. Zu meiner Oma, bei der ich wohnte, kam ich nur sporadisch zum Essen. Was sollte die schon tun?"

Es waren die spontanen Sessions im Zodiac-Club, die Dieter Moebius dann wirklich elektrisierten. Am meisten packte ihn die elektronische Musik mit diesen neuen Geräten, Synthesizer genannt. Manchmal bis zu zwölf Stunden am Stück stieß er mit Kumpanen wie Schnitzler und Roedelius und später Michael Rother, mit instrumentalen, herausfordernden Klängen in neue musikalische Welten vor.

Eno holte sich auf dem Bauernhof einen Vitaminschub

Besonders war auch, dass der kommerzielle Aspekt nie eine Rolle spielte. Ob es für seine Musik ein Publikum gibt, das im Idealfall noch Geld dafür zahlt, hat Moebius nie weiter interessiert: "Unsere Musik taugte nicht für Radios, das war doch klar."

Hier in Deutschland fand sie auch nur in Szene-Kreisen ein kleines Echo, dafür reiste Mitte der Siebziger Brian Eno aus England beeindruckt an: "Eno hat seine Ambient-Klänge nicht zu uns gebracht, sondern wir haben sie ihm überlassen", sagte Moebius. Eno sei nach Deutschland gekommen und habe seiner Karriere damit einen Vitaminschub verpasst, erklärte mal Stephen Morris von New Order.

Damals hatte sich Moebius, dem Berlin bald zu "langweilig" geworden war, bereits auf einem alten Bauernhof im niedersächsischen Forst eingerichtet, wo er mit Michael Rother und Hans-Joachim Roedelius eine unkonventionelle Künstlerkolonie eingerichtet hatte: "Bei Eno musste alles so schnell gehen. Wir bevorzugten die paradiesische Ruhe. Aber Abwaschen musste Eno trotzdem."

Ein Reisender, der von Kollegen wie David Bowie, Radiohead, New Order oder eben Brian Eno verehrt wurde, ist Dieter Moebius geblieben. Auch nach dem späten Konzert in Hamburg wollte er am nächsten Morgen schnell weiter, zum nächsten Auftritt, in die nächste Stadt.

Als er nach seinem Plattenkasten griff, sagte er noch: "Wären wir in Frankreich zuerst beachtet worden, hätte man uns vielleicht "Boche-Rock" genannt. Auch nicht schön, oder?" Dann machte er sich wieder auf den Weg.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
FrischFrosch 21.07.2015
1. Danke moebius!
Dein Werk hat hat wesentlich dazu beigetragen, mir die Ohren und den Kopf zu öffnen - und das Radio auszuschalten. Als Krautrock habe ich eure (Plank, Czukay, Neumeier, Engler...) Musik auch nie gesehen. Krautrock war eine Mode, die - wie später die NDW - natürlich auch “richtige“ Musik hervorgebracht. Und die stirbt niemals, sondern “ist“ einfach... Klassik eben, wie Bach und Stockhausen oder, um mal von den “Krauts“ wegzukommen, Dvorak und Zappa. Du lebst weiter - nicht nur auf meinem Plattenspieler...
ffuffu 21.07.2015
2. Auch auf de.wikipedia.org ...
Bei aller Trauer, bitte besser recherchieren: https://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Moebius_(Musiker) angelegt 2006 ...
_stefan 22.07.2015
3. @ffuffu
Sieht zwar auf den ersten Blick vielleicht so aus, ist aber leider falsch. Die englische Version wurde 2006 erstellt und am 21.05.2015 in die deutschsprachige Wikipedia importiert und dann übersetzt, siehe: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Dieter_Moebius_(Musiker)&diff=next&oldid=144238044
andreas90 22.07.2015
4. Trauer
Danke für deine Musik und deine bescheidene Art. Ein großer Fan
michel-watcher 22.07.2015
5. wild, revolutionär, hochkreativ... schluchz...
Moebius steht für einen Typus von Musikern, die heute keine Chance mehr hätten. Sparten wir damals noch auf eine LP, die wir dann wie einen Schatz behandelten, auf dem Boden liegend, einen Jolly ziehend, die unglaublich kreativen Cover betrachtend und auf eine Musikreise gehend. Kraan, Embryo, Can, Guru Guru, Birth Controll und wie sie alle heißen, beinflussten die Musikszene weltweit, wie Fripp und Eno, Bowie usw., aber auch viele 'Sub-Pop' (coole Sampler- Reihe, aber genuasowenig spezifizierend wie 'Krautrock') Geschichten der 80er. Authentische und wirklich personenspezifische Musik ist so wertvoll, leider aber haben wir durch das Internet Zugang zu einem so großen Überangebot, dass die meisten Musik in 100er Packen mit sich rumtragen und es echte, langjährige Fans kaum noch geben kann. Moebius hatte sie, wenngleich auch ihm im eigenen Land kaum Beachtung fand (ähnlich wie FZ in den USA). Ich schließ mich an, sag danke und wünsch Dir, dass dort, wo Du jetzt bist, auch eine Steckdose existiert...
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