"Jahrhundertsänger": Dietrich Fischer-Dieskau ist tot

Seine Interpretation von Schuberts "Winterreise" gilt bis heute als Standard: Dietrich Fischer-Dieskau war einer der großen klassischen Sänger des 20. Jahrhunderts. Im Alter von 86 Jahren ist der Bariton nun in Bayern gestorben.

Dietrich Fischer-Dieskau: Von Schubert bis Shakespeare Fotos
DPA

Hamburg/Berlin - Dietrich Fischer-Dieskau galt als "Jahrhundertsänger", als der wahrscheinlich bedeutendste Vertreter des romantischen Liedgesangs. Karriere machte er als Opernsänger, Musikpädagoge und Schriftsteller. Untrennbar verbunden mit seinem Namen bleiben vor allem seine Interpretationen von Franz Schuberts "Winterreise".

Fischer-Dieskaus Karriere als Sänger begann 1947, als er in Badenweiler ohne Probe für einen erkrankten Solisten im "Deutschen Requiem" von Brahms einsprang. Im Herbst 1947 gab er seinen ersten Liederabend in Leipzig. Wenig später trat er höchst erfolgreich im Berliner Titania-Palast auf. Im Herbst 1948 verpflichtete man ihn als ersten lyrischen Bariton an die Städtische Oper Berlin, wo er als Marquis Posa in Verdis "Don Carlos" debütierte.

Im gleichen Jahr spielte Fischer-Dieskau erstmals Schuberts "Winterreise" ein, von der er im Laufe seiner Karriere noch weitere acht Aufnahmen auf den Markt brachte. Den Liederzyklus bezeichnete er in einem Interview als seine größte Herausforderung und "das Beste, was einem als Bariton passieren kann".

Ab 1954 war er ständiger Gast in Bayreuth, ab 1956 in Salzburg. Die Kritiker rühmten immer wieder die verantwortungsbewusste Akribie seiner Interpretationskunst und die enorme stimmliche Schattierungsfähigkeit.

Bevorzugt sang Fischer-Dieskau an der Deutschen Oper in Berlin. Gerne gastierte er an der Wiener Staatsoper, am Münchner Nationaltheater, an der Londoner Covent Garden Opera und der New Yorker Carnegie Hall (erster Auftritt 1964). Zu den Höhepunkten seiner Laufbahn gehörten die Teilnahme an der Uraufführung von Benjamin Brittens "War Requiem" bei der Einweihung der neuen Kathedrale im britischen Coventry im Jahr 1962.

Aufbauarbeit leistete Fischer-Dieskau, den man vielfach mit dem Lied des 19. Jahrhunderts verband, immer wieder für Komponisten des 20. Jahrhunderts: So Hans Werner Henze, der die Hauptrolle seiner "Elegie für junge Liebende" für den Bariton schrieb. Der Sänger nahm sich Winfried Zilligs "Troilus und Cressida" und Gottfried von Einems "Dantons Tod" an, sang die Baritonrollen in Hindemiths "Mathis der Maler", Busonis "Doktor Faust" und Bergs "Wozzeck". 1978 übernahm er die Titelrolle in der Uraufführung von Aribert Reimanns "Lear". Am 31. Dezember 1992 verabschiedete sich Fischer-Dieskau von der Bühne mit einem Galaabend in der Bayerischen Staatsoper.

Einen kongenialen Begleiter hatte Fischer-Dieskau in Gerald Moore, mit dem er in den siebziger Jahren alle Schubert-Lieder für Männerstimme einspielte. Als Schubert-Gestalter hatte der Sänger nach Meinung des Kritikers Joachim Kaiser nur einen wirklich gefährlichen Konkurrenten: sich selbst.

Am Freitag ist Dietrich Fischer-Dieskau im bayerischen Berg bei Starnberg kurz vor seinem 87. Geburtstag gestorben. Das teilte seine Frau, die Sopranistin Julia Varady mit.

sha/dpa

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1. Fritz Wunderlich darf nicht hinter Dieskau vergessen werden
vincentius 18.05.2012
Mich persönlich stört es seit Jahren, dass Dieskau als "DER Schubertsänger" geführt wurde, dies umso verbindlicher, je länger der seinerseits unübertroffene Schubert-Lieder-Sänger Fritz Wunderlich (gest. 1966 mit 35, 1 Woche vor seinem Engagement in Covent Garden)tot war. Dieskau betreffend war es möglich, dass ein Rundfunkmoderator einmal thematisierte, ob "Dieskau überhaupt singen könne" - bei Wunderlich wäre niemand auf diese Idee gekommen. Denn bei Wunderlich waren alle Register, inkl. Kopfstimme, sehr ausgewogen. Und seine dargebrachten Gefühle waren "rein" und "authentisch". Dieser Beitrag soll keineswegs die Gesangsleistung von Dieskau schmälern - allenfalls diese monopolisierende/hegemonisierende Allokation von Dieskau relativieren, insb. was die Schubert- (Schumann-)Lieder angeht
2. An Sylvia
vincentius 18.05.2012
In gewisser Weise tut es mir leid, dieses Forum anlässlich des Tods von Dieskau mit einem Verweis an Wunderlich zu beginnen (im Beitragsfortlaufe hätte es besser gepasst) Ich kann aber zu meinem vorherigen Beitrag auch darauf verweisen, dass sich die Leute selbst einen Eindruck verschaffen. Von Dieskau (und Wunderlich) ist viel auf Youtube zu hören Hier ein Beispiel: Das Lied "An Sylvia" von Schubert D891 1) gesungen vom Bariton Dieskau: Schubert D 891 An Silvia - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=y1m4-tTMdg4) 2) gesungen vom Tenor Fritz Wunderlich: FRITZ WUNDERLICH--SCHUBERT-An Sylvia (Gesang) op106no4d891 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=14AT7-79oJk)
3. Thema verfehlt
frunabulax 18.05.2012
Zitat von vincentiusMich persönlich stört es seit Jahren, dass Dieskau als "DER Schubertsänger" geführt wurde, dies umso verbindlicher, je länger der seinerseits unübertroffene Schubert-Lieder-Sänger Fritz Wunderlich (gest. 1966 mit 35, 1 Woche vor seinem Engagement in Covent Garden)tot war. Dieskau betreffend war es möglich, dass ein Rundfunkmoderator einmal thematisierte, ob "Dieskau überhaupt singen könne" - bei Wunderlich wäre niemand auf diese Idee gekommen. Denn bei Wunderlich waren alle Register, inkl. Kopfstimme, sehr ausgewogen. Und seine dargebrachten Gefühle waren "rein" und "authentisch". Dieser Beitrag soll keineswegs die Gesangsleistung von Dieskau schmälern - allenfalls diese monopolisierende/hegemonisierende Allokation von Dieskau relativieren, insb. was die Schubert- (Schumann-)Lieder angeht
Dieser Kommentar ist aus Anlaß der Todesnachricht völlig deplaziert. Im übrigen sehr seltsam einen Tenor mit einem Bariton zu vergleichen.
4.
Dauthendey 18.05.2012
Zitat von vincentiusMich persönlich stört es seit Jahren, dass Dieskau als "DER Schubertsänger" geführt wurde, dies umso verbindlicher, je länger der seinerseits unübertroffene Schubert-Lieder-Sänger Fritz Wunderlich (gest. 1966 mit 35, 1 Woche vor seinem Engagement in Covent Garden)tot war. Dieskau betreffend war es möglich, dass ein Rundfunkmoderator einmal thematisierte, ob "Dieskau überhaupt singen könne" - bei Wunderlich wäre niemand auf diese Idee gekommen. Denn bei Wunderlich waren alle Register, inkl. Kopfstimme, sehr ausgewogen. Und seine dargebrachten Gefühle waren "rein" und "authentisch". Dieser Beitrag soll keineswegs die Gesangsleistung von Dieskau schmälern - allenfalls diese monopolisierende/hegemonisierende Allokation von Dieskau relativieren, insb. was die Schubert- (Schumann-)Lieder angeht
Selbstverständlich ist FiDis Winterreise richtungsweisend gewesen (vor allem die Einspielung mit Jörg Demus am Klavier) und seine erste Dichterliebe ist herzzerreißend. Es gab wohl kaum einen Bariton, der so nah an der tiefen Empfindung der Deutschen Romantik war wie FiDi. Letztlich ist er der Erbe des großen Hans Hotters gewesen, so wie sein Erbe wohl Matthias Goerne sein wird. (Und das schmälert selbstredend nicht die Leistungen Wunderlichs).
5. Tieftraurig in Amerika
littleelf 18.05.2012
Ich bin Musikbibliothekarin in New Jersey. Ich bin tieftraurig und kann kaum arbeiten. Fischer-Dieskau hat meinen Berufslaufbahn und mein Studium stark beinflusst. Er war die Inspirationsquelle und die Ursache von meiner Liebe an Lied und Oper.
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