Abgehört - neue Musik Die Party ist vorbei, Boys

EDM-Partyboss Diplo gibt sich auf seiner neuen EP verkatert, Skandal-Rapper XXXTentacion zerfasert. Umso stärker die Frauen: Kacey Musgraves treibt Country die Bromance aus, Jenny Wilson exorziert ihre Vergewaltigung.

Von und


Diplo - "California" (EP)

(Mad Decent/Caroline, seit 23. März)

Woran merkt man, dass es mit einem Genre zu Ende geht? Daran, dass sich dessen Hauptvertreter, älter und ruhiger geworden, allmählich umorientieren. Zehn Jahre lang, seit er mit M.I.A.s Single "Paper Planes" die Szene betrat, definierte der US-Produzent Diplo das, was man heute vor allem in den USA unter EDM (Electronic Dance Music) zusammenfasst: einen wuchtigen, hysterisch überfrachteten, tiefdröhnenden Bounce-Tanzsound, der sich aus karibisch-jamaikanischen Rhythmen ebenso bedient wie aus brasilianischen Favela-Grooves.

Stile, die Thomas Wesley Pentz auf seinen Reisen als DJ aufgesogen hat - und dann für Remixe anwendete, die bald auch Stars von Gwen Stefani über Snoop Dogg bis Madonna und Beyoncé anlockten. Sein Label Mad Decent wurde zum Sprungbrett für junge Künstler, seine Band Major Lazer lieferte verlässliche Klubhits in die ganze Welt, eine Kollaboration mit Skrillex ("Jack Ü") gewann 2013, auf dem Peak des EDM-Hypes, den Grammy als bestes Dance-Album.

Und jetzt? Kehrt Diplo, der demnächst 40 wird, nach längerer Abwesenheit mit einer EP zurück, die gar nicht mehr brutal überdreht und laut klingt, sondern so reflektiert und emotional wirkt wie Diplos Album-Debüt von 2004. Schon "Florida" begann damals, als ihn noch keiner kannte, mit einem Sample von Jim Croces "Time in a Bottle"-Wehmut; auf "California" gibt es gleich im ersten von sechs kurzen Tracks einen ähnlichen Besinnungsmoment: "I just want a nice house on the shore/ I just want a big house like Gatsby" lässt er Gastrapper Lil Yachty auf "Worry No More" singen - ein echter "Haus am See"-Moment, wie bei Peter Fox auf gemächlich hüpfenden Beats, fröhlichen Flötentönen und glitzernden Gitarren aufgebaut.

ANZEIGE

Der junge Yachty, wie Diplo eher als Partyboy bekannt, liefert einen ungewöhnlich berührenden, introvertierten Vortrag, ebenso wie danach Desiigner in "Suicidal" und DRAM in "Look Back". Es ist ein mächtiges Song-Triple, das Diplos Hinwendung von EDM zum angesagten Nabelschau- und Wundenleck-Emo, der die US-Rap- und Elektro-Szene gerade bestimmt, eindrucksvoll vollzieht. Nach einer Dekade im Druffi-Modus kommt bei Diplo jetzt Katerstimmung durch; der Superstar stellt die Sinnfrage: "Might just blow my brain/ I'd be Kurt Cobain", singt Trippie Redd in "Wish", um dann, etwas gestrig, The Weeknd zu zitieren: "I can't feel my face".

Wer diese EP unvorsichtigerweise im Klub auflegt, weil halt Diplo draufsteht, läuft Gefahr, den Floor leerzuspielen. Hier werden jetzt, kompetent wie eh und je, Tearjerker statt Rumpshaker produziert. Fair enough: Seit auch politisch und gesellschaftlich Ernüchterung herrscht, ist die große EDM-Party eh vorbei. (7.5) Andreas Borcholte

Jenny Wilson - "Exorcism"

(Gold Medal Recordings/Kobalt/Broken Silence, seit 23. März)

"The scar is my only proof/ The scar is my autobiography", wiederholte Jenny Wilson 2013 in "Autobiography" ein erschütterndes Mantra. Damals, auf ihrem Album "Demand the Impossible", glaubte sie noch, ihr Leid nicht in Worte fassen zu können. Damals ging es vor allem um eine besiegt geglaubte Brustkrebserfahrung, die heimtückisch zurückkam. Doch das Schicksal hielt noch mehr Horror für die heute 42-jährige Sängerin aus Stockholm parat. Vor zwei Jahren wurde Wilson von einem Mann vergewaltigt, eine traumatisierende Erfahrung, die sie nun aber in Texten und Musik verarbeiten konnte.

"Exorcism" heißt Wilsons viertes Album folgerichtig. Es transportiert so viel Düsternis, Verzweiflung und Wut, dass es nur schwer als Popalbum zu ertragen ist. Aber gleichzeitig ist es ein befreiendes künstlerisches Statement, der Versuch einer Frau, nicht stumm und schamhaft in der Opferrolle zu verharren, in die sie brutal gedrängt wurde. Und ein beklemmender musikalischer Kommentar zur #MeToo-Debatte, auch wenn der Täter wohl nicht aus der Musikbranche oder sonstigen Arbeitszusammenhängen stammte.

Die allein am Keyboard erstellten Elektronikklänge, die Wilson für die schmerzhaft detailreiche Rekapitulation ihrer Vergewaltigungsnacht wählte, sind aggressiv, klar und präzise - und gerade nicht balladesk emotional. Es ist ein Sound zwischen M.I.A.s Agitprop, Robyns Dance-Pop und regennasser, nachtschwarzer "Blade Runner"-Dystopie.

ANZEIGE

In "Rapin*", dem ersten Song des Albums, erzählt Wilson, distanziert rappend über einem reduzierten Gruselfilmsoundtrack, wie die Tat passiert, von der Lähmung, der Einsamkeit währenddessen und danach, als ihr geschundener Körper vom Arzt examiniert wird: "I'm a victim, cause there's no one else around". Das zugehörige Animationsvideo von Gustaf Holtenäs liefert schockierende Illustrationen dazu. "Listen close/ I said NO", berichtet sie mit vor Fassungslosigkeit überkippender Stimme in "LO'HI'", dann geht es tiefer in eine kalte Gesellschaft, die Gewalt gegen Frauen stumm sanktioniert: "Disrespect Is Universal" und "Your Angry Bible" simmern mit getragenen, dystopischen Sounds vor sich hin, "The Prediction" wütet rasend auf dem Bergkönig-Motiv aus "Peer Gynt", als fühlte sich Wilson in Schwedens Männerreich wie in einem bösen Traum mit Trollen und Dämonen gefangen.

"It Hurts" und "It's Love (And I'm Scared") stellen am Ende die Frage, wie es weitergehen soll, wie normale Gefühle, ein normales Leben möglich sein sollen mit diesen neuen Narben. Vielleicht, hoffentlich, hilft ihr dieser öffentliche Exorzismus dabei, es herauszufinden. (8.0) Andreas Borcholte

Hier das Video zu "Rapin*" (Hinweis der Redaktion: Es ist nicht jugendfrei)

Andreas Borcholtes Playlist KW 13
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

1. Snail Mail: Pristine

2. Hinds: The Club

3. Haley Heynderickx: Oom Sha La La

4. Kacey Musgraves: High Horse

5. Courtney Marie Andrews: Lift The Lonely From My Heart

6. Diplo feat. DRAM: Look Back

7. Jenny Wilson: Rapin*

8. Smerz: No Harm

9. Let's Eat Grandma: Falling Into Me

10. Kat Frankie: Home

XXXTentacion - "?"

(Bad Vibes Forever, LLC, seit 15. März)

Selten war ein Albumtitel so passend wie "?": Man kann XXXTentacion auf keinen Fall unfallfrei abfeiern. Nachdem der junge Rapper (bürgerlich: Jahseh Dwayne Onfroy) 2016 mit seinem Soundcloud-Nihilismus-Hit "Look At Me" über Nacht zum Hip-Hop-Zugpferd geworden war, holte ihn prompt seine kriminelle Vergangenheit und Gegenwart ein.

Ein ganzes Anklagenregister wurde gegen den damals 18-Jährigen verlesen, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung einer schwangeren Frau und wiederholter Einschüchterungsversuche von Zeugen und Opfern. In jeder anderen Branche hätte das wohl gereicht, um eine Karriere augenblicklich zu beenden. Nicht aber im speziellen Ökosystem Hip-Hop. Die Kontroverse schien Onfroy mittelfristig sogar zu nutzen - zumindest kommerziell: Sein Debütalbum "17" stieg auf Platz zwei der Billboard-Charts ein, "?" sicherte sich vergangene Woche folgerichtig die Nummer eins. Darüber kann man sich ärgern, Fakt ist aber auch: Keine der Anschuldigungen ist final bewiesen, es gilt also bis auf Weiteres die Unschuldsvermutung. Was also tun? Ignorieren ist auch keine Lösung, reden wir also einfach mal über seine Musik.

Das ist im Grunde schnell erledigt. Genauer gesagt in einer Minute und 57 Sekunden. So lange referiert Onfroy nämlich in einer Art Intro darüber, was das Album für ihn transportiere. Mehr Emotion, weniger Aggression, eine Wagenladung Vielseitigkeit. Und zumindest Letzteres stimmt: "?" ist ein heilloses Durcheinander. Die in schlanke 37 Minuten gepressten 18 Songs arbeiten alles ab, was gerade zeitgeistig ist: Gitarren-Samples, Emo-Rap, Hardcore-Geschrei, Trap-Beats und ihre jeweiligen Crossover-Varianten laufen ineinander wie die Farben im Malkasten eines Viertklässlers. Die einzelnen Songs sind dabei wenig mehr als Skizzen, nur das Latin-Gefärbte "I Don't Even Speak Spanish LOL" (Justin Bieber, anyone?) reißt die Drei-Minuten-Latte.

ANZEIGE

Die Inhalte dazu: die ungefilterte Nabelschau einer offenbar gequälten Seele, deren Stimmungsbild so beständig ist wie bei einem pubertären Teenager: "What do I do? Do I run?/ I'm tired of hate, I'm tired of love", säuselt Onfroy etwa noch in "Alone, Part 3", während er wenige Minuten später die Beschaffenheit seiner Hoden lobt. Stringenz und Stilsicherheit klingt anders.

Doch genau darin liegt die Stärke dieses Sounds. In seiner radikalen Sprunghaftigkeit schüttelt Onfroy nicht nur die trägen Manierismen des Hip-Hop ordentlich durch, er schafft sich auch ein Vehikel, das seine Erzählung vom zerrissenen Leidensmann glaubhaft trägt. Und provoziert damit eine zwiespältige Erkenntnis: Ob es einem gefällt oder nicht, hier entsteht gerade die Blaupause des Sounds der Zukunft. Den Rest müssen Gerichte klären. (7.5) Dennis Pohl

Kacey Musgraves - "Golden Hour"

(MCA Nashville/Universal Music, ab 30. März)

Um zu verstehen, warum Kacey Musgraves zurzeit eine so große Nummer in der US-amerikanischen Schlager-, äh, Country-Szene ist, braucht man erst mal nur "High Horse" zu hören, die aktuelle Single vom dritten Album der 29-jährigen Texanerin. Da klimpert dann irgendwann doch noch ein erdendes Banjo durch einen ansonsten seidenmatt fließenden Siebzigerjahre-Disco-Groove, den vielleicht die Bee Gees oder die Scissor Sisters komponiert haben könnten (falls die noch jemand kennt). Im Refrain platziert Musgraves, die immer sehr laid back singt und sich elektronisch verhallen und verkunstnebeln lässt, dann frech "Giddy-up", also rauf auf den Discogaul, electric Cowboy!

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Natürlich ist in Nashville schon wieder vom Untergang des Genres die Rede, seit Musgraves vor fünf Jahren antrat und seitdem zahlreiche Nachahmerinnen auf den Plan rief, darunter junge Talente wie Kassi Ashton oder Jillian Jacqueline, deren Country-Prägung eher mit Taylor Swift erfolgte, als mit Patsy Cline und Dolly Parton. Denn natürlich häutet sich das Genre, wie jeder Pop, ständig. Schon als Garth Brooks und Shania Twain einst, also vor 20 Jahren, die Massencharts countryfizierten, wurde in der Grand Ole Opry "Ausverkauf" gezischt.

Entsprechend erfindet auch Kacey Musgraves auf ihrem bisher pop-affinsten Album "Golden Hour" ihr Genre nicht neu. Wie sang sie doch gleich in einem ihrer bisher größten Hits "Dime Store Cowgirl": "You can take me out of the country/ But you can't take the country out of me, no". Brachial anbiedernde Hip-Hop- oder EDM-Zitate finden sich bei ihr (zum Glück) nicht, dafür löst sie zählederige Hee-haw-Traditionen in helle Reverb-Räume und feine, unaufgeregte Vintage-Melodien auf.

Ihre Songs zitieren Joni Mitchell ("Slow Burn") ebenso wie Sheryl Crow ("Butterflies"), luftigen Yacht Rock ebenso wie Laurel Canyon. Mit selbstironischen Texten und kluger Weiblichkeit ("Wonder Woman") stemmt sie sich gegen Intoleranz und Ignoranz. Und gegen den machohaft-vermieften Bromance-Country, der Mainstream-Nashville zuletzt ziemlich nervtötend machte. (7.2) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Drunken Masta 31.03.2018
1.
Von den vorgestellten Alben ist nichts so richtig für mich dabei. XXXTentacion - Moonlight hat es mir allerdings angetan. Ansonsten läuft im Moment The Voidz - QYURRYUS auf Heavy Rotation.
sekundo 04.04.2018
2. Persönliche
Befindlichkeiten sind in einer Diskussion über Musik nicht relevant. Ob ich Ihnen nun meine Verehrung für Herbie Hancock mitteile oder nicht, ist doch vollkommen unwichtig! Und ob dessen Musik mein Herz und/oder meinen Verstand berührt, ebensowenig.
Drunken Masta 04.04.2018
3. Kurze Frage:
Diese Woche (03.04.) keine erwähnenswerte Musik? Schade =/ - - - - - - - - Offensichtlich leider nein, tut uns leid. MfG Redaktion Forum
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.