Dirigent Andris Nelsons: Fettfrei und Spaß dabei

Von Kai Luehrs-Kaiser

Reden kann er ja nicht, aber dafür besticht er durch Schmelz, Show und Schmackes am Pult. Der Lette Andris Nelsons übertrifft als Tschaikowsky-Dirigent alle Erwartungen - und lässt für die ganze Zunft hoffen.

Der Dirigent: das unzeitgemäße Wesen. Oberlehrer-Attitüden wie Unberechenbarkeit, Gewaltherrschaft und Starrsinn verwandeln sich bei ihm in etwas göttergleich Positives. So das Klischee. Bloß: Wer entspricht eigentlich heute noch diesem unausrottbaren Bild des Maestros?

Dirigent Nelsons: Lettisches Energiebündel
Marco Borggreve

Dirigent Nelsons: Lettisches Energiebündel

Bei Christian Thielemann und Lorin Maazel ist die Selbstherrlichkeit in Überdruss gekippt. Riccardo Muti ist in Wirklichkeit schüchtern. Und Simon Rattle bastelt am Bild eines demokratischen Maestro, was ein Widerspruch in sich scheint. Die begründete Befürchtung: Aufgrund fehlender CD-Chancen wird es nie mehr Dirigenten-Karrieren vom Format eines Leonard Bernstein oder Georg Solti geben. Eine Maestro-Dämmerung.

An ihr könnte die Branche untergehen.

Dies sagt man so dahin, und dann kommt ein lettisches Energiebündel wie Andris Nelsons daher, der mit Schwung und einer naiven Überportion Begeisterung Orchesterseelen in Brand setzt und Partituren aufwirbelt.

In Großbritannien, wo der 30-Jährige das City of Birmingham Symphony Orchestra 2007 übernahm (als indirekter Nachfolger von Rattle), verlängerte man schon jetzt seinen Vertrag. Auf der ersten CD, die Nelsons dem darbenden Markt abtrotzt, versetzt er ein altes Schlachtross wie Tschaikowskys 5. Symphonie in Galopp und schnaubende Ekstase.

Der Schüler von Mariss Jansons, genau wie er ausgestattet mit einer Neigung zur Leningrad-Cowboy-Frisur, besticht durch Schmelz, Show und Schmackes. Das ausladende Rudern, mit dem er bei Dvorak oder Wagner abzuheben scheint, wirkt keineswegs aufgesetzt. Sein Sinn für Höhepunkte und Strukturen ermöglicht Durchblicke selbst bei - so dachte man - ranzig verschmierten Werken wie der Hamlet-Ouvertüre von Tschaikowsky (auf der CD). Es sind Frischzellen-Kuren von einem, dem die Musik locker im Ärmel sitzt.

Nur Auskunft geben, etwas sagen, das kann der ursprünglich zum Trompeter ausgebildete Nelsons kaum. So rückhaltlos freundlich er sich in Gespräche stürzen mag: Interviews mit Andris Nelsons sind zum Verzweifeln unergiebig. Vielleicht liegt darin ein Zeichen echten Maestrotums. Auch Karajan oder Günter Wand wussten über Musik selten mehr zu sagen als Allgemeinplätze. Musiker müssen nicht Interviews geben können. Sondern Musik machen.

Im kommenden Jahr wird Nelsons als "Lohengrin"-Dirigent bei den Bayreuther Festspielen debütieren, als Einspringer hat er zuvor Eindruck gemacht bei großen Opernhäusern von Wien bis Berlin und London. Freilich auch deswegen, weil ihm die Gunst einer potenten Konzertagentur gewiss ist. Auch dies heute eine Seltenheit.

Seine Tschaikowsky-CD ist derweil ein echter Glücklichmacher: sanguinisch überschwänglich in den Kantilenen, fettarm auf Linie gebracht durch sein formidabel blühendes Orchester. Dass Nelsons einer der Dirigenten der Zukunft ist, pfeifen die Spatzen lange schon von den Dächern. Dass ihn die hohen Erwartungen nicht irritieren, lässt für die Dirigenten-Zunft hoffen.

Gustavo Dudamel (der freilich auf CD schwächelt) ist nicht mehr allein.


CD Peter Tschaikowsky: "Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64, Hamlet-Ouvertüre op. 67", City of Birmingham Symphony Orchestra, Ltg. Andris Nelsons (Orfeo C 780 091 A).

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