Frankreich vom Feinsten Aufforderung zum Spitzentanz

Musikalische Sternekost servieren Dirigent Francois-Xavier Roth und Sopranistin Christiane Karg. Poetische Lieder und ein komplettes Ravel-Ballett vereinen Opulenz und Eleganz. Da darf es gern etwas mehr sein.

Céline Gaudier

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Selbst als Überbringer einer eher traurigen Nachricht macht Francois-Xavier Roth eine gute Figur. Als der französische Dirigent gemeinsam mit dem inzwischen weggesparten SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg im Frühling 2016 auf Abschiedstournee war, schoss das Ensemble unter seiner Leitung ein glänzendes Musik-Feuerwerk bestehend aus Schostakowitsch (Violinkonzert), Edgar Varèses komplex-sinnliche "Amériques" sowie Beethovens Fünfter ab, das keine Zweifel an der Klasse aller Beteiligten ließ.

Jegliche der verschiedenen Stilarten entwickelten Pultchef Roth und sein Orchester in klaren Farben, technischer Brillanz und diffizilen Akzenten. Kannte man das SWR-Orchester doch schon vorher, so rangiert der vielseitige und international erfahrene Francois-Xavier Roth bei uns oft noch unter Geheimtipp. Was er in Sachen Maurice Ravel (1875-1937) für Pfeile im Köcher hat, demonstriert er mit dem Orchester Les Siècles auf einer neuen CD.

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F. Roth, Les Siecles:
Daphnis et Chloé

Maurice Ravel

Harmonia M, 15,99 Euro

Da darf es denn auch Ravels komplette Balletmusik zu seinem Werk "Daphnis et Chloé" sein, das ohnehin den Untertitel "Symphonie choréographique" trägt. Die runde Stunde Spieldauer verfliegt dann auch wie in einem Rausch. Francois-Xavier Roth fächert die Ballettmusik, die einst für den russischen Ballett- und Kunstinnovator Sergei Djagilew (1872-1929) erdacht wurde, mit federnden Rhythmus und Sinn für große Spannungsbögen auf, ein Film für die Ohren und Fest des Klangsinns.

Ravel wie im Rausch

Aufgenommen hat Roth den vielfarbigen Ravel-Rausch mit seinem eigenen Orchester Les Siècles, das er 2003 gründete. Geboren aus der Idee, sowohl historische wie moderne Instrumente nicht stets nach stilistisch gegebenem Schema sondern kreativ zu verwenden, wurde das Ensemble schnell zu einem hochklassigen Team mit oft überraschenden künstlerischen Ergebnissen.

Nun klingt bei Les Siécles der Ravel zwar nicht revolutionär, doch das hochkonzentrierte und flüssige Dirigat von Francois-Xavier Roth lässt die Fähigkeiten des Orchesters hell leuchten. Man höre nur die Passagen "Danse générale" aus dem ersten Teil oder "Danse guerrière" aus dem zweiten Teil: Eleganter und betörender kann dieser typische Ravel-Sound kaum gelingen. Besonders, wenn auch die Staccato-Ausbrüche der Trompeten so präzise aufblitzen.

Ergänzt werden die tänzerisch bestimmten Momentaufnahmen vom seit 2005 existenten Chor Ensemble Aedes, dessen Repertoire sich von der Renaissance bis in die Gegenwart erstreckt. Das Ensemble Aedes flieht oft die gängigen Konzertorte und stellt sein vielseitiges Repertoire auch in Krankenhäusern und Gefängnissen dar.

Wenn die Trompeten blitzen

Francois-Xavier Roth, der neben dem französischen Repertoire ebenso bei Mahler, Strawinsky und Richard Strauss zu Hause ist, entwickelte mit seinem Les-Siècles-Ensemble auch neue Wege zum Publikum, wie mit der Presto!-Reihe im französischen Fernsehen und aktuell auch mit der Ohren auf!-Reihe für junge Musikfans beim Kölner Gürzenich-Orchester. Sein Nachfolger beim jetzt in Stuttgart ansässigen SWR-Orchester wird übrigens der international umworbene Teodor Currentzis, und der kann sich auch dank Roth auf eine bestens trainierte Mannschaft freuen.

Die poetisch-textorientierte Seite der französischen Konzertmusik präsentiert die deutsche Sopranistin Christiane Karg auf ihrem neuen Album "Parfum" (Berlin Classics/edel), eine weitere ihrer Reihe von klugen Programm-CDs. Christiane Karg, die ja ansonsten längst ein gefragter Star auf internationalen Opernbühnen ist und 2016 als "Rosenkavalier"-Sophie erfolgreich in Mailand debütierte, geht weiter diesen smarten Weg der attraktiven Programme, um auch auf Tonträgern individuell präsent zu bleiben. Und sich obendrein als konzeptionell denkende Künstlerin zu profilieren.

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Christiane Karg:
Parfum

mit David Afkham und den Bamberger Symphonikern

Berlin Classics (Edel), 15,99 Euro

Christiane Karg mit klugem Konzept

Auf "Parfum" vereinigt die Texte von Baudelaire, Verlaine und Victor Hugo, perfekt vertont von dem Impressionismus verpflichteten Komponisten wie Claude Debussy und eben auch Maurice Ravel, dessen drei Kompositionen aus dem "Shéhérazade"-Zyklus das Album eröffnen. Christiane Kargs modulationsreiche, warme Stimme klingt wie geschaffen für die oft fragilen Klangstudien, und ihr gestalterischer Geschmack, der sie stets vorm stimmlichen überagieren bewahrt, wirken Wunder bei den sanft schimmernden Kleinoden.

Da darf auch Benjamin Britten als Komponist vorbeischauen, dem Christiane Karg bei diesen Frühwerken ungemein viel französisches Gefühl bescheinigt. Der junge deutsche Dirigent David Afkham und die Bamberger Symphoniker begleiten extrem hörenswert und engagiert. Vielleicht auch eine emotionale Verbindung: Schließlich ist Christiane Karg heimatverbundene Fränkin aus Feuchtwangen, und liegt Bamberg samt seiner Symphoniker recht nahe.



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