Dirigent Krzysztof Urbanski Jugendliches Feuer für die Elbphilharmonie

In Hamburg liebt man den polnischen Dirigenten Krzysztof Urbanski. Bei seinem Debüt erfrischte er das NDR-Orchester und möbelte Musik seines Landsmannes Witold Lutoslawski auf. Jetzt erscheint seine CD.

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Als das ZDF zwischen 1969 und 1988 in seinem "Magazin" mit stramm konservativem Kurs für politischen Wirbel sorgte, hatte die von Gerhard Löwenthal moderierte Sendung immerhin ein avantgardistisches Intro: Ein Thema aus Witold Lutoslawskis "Konzert für Orchester" prägte mit seinen markanten Akkordschlägen den Auftakt des Kontrapunktes zu "Report" und "Panorama".

Heute erinnern wahrscheinlich mehr Menschen Lutoslawskis "Intrada" als das "ZDF-Magazin". Wie sehr sich ein Wiederhören mit dem Konzert lohnt, beweist jetzt die zupackende Version des jungen polnischen Dirigenten Krzysztof Urbanski, die er mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester einspielte. Nie gehört? Doch, bestimmt.

Soeben hat sich das ehrwürdige Sinfonieorchester des NDR zukunftssicher umbenannt, damit auch jeder weiß, dass ebendieser Klangkörper das "Resident Orchester" der Elbphilharmonie in der Hafencity sein wird. Der Bau hat nun - komme, was da wolle - seine Premiere am 11. Januar 2017, und das designierte Musikensemble des Hauses robbt sich schon einmal zielstrebig heran, auch namentlich. Unter seinem Chefdirigenten Thomas Hengelbrock schlägt das Orchester Brücken zwischen Barock und 20. Jahrhundert, wozu man auch gern mal Temperament-Impulse von außen hinzubucht.

Einstand eines jungen Stars

Für den gewünschten juvenilen Schwung wählte man als aktuellen Dauergast der Saison 2015/2016 den aufstrebenden polnischen Pultstar Urbanski, mit dem man von Anfang an erfreulich zusammenarbeitete. Als erste Visitenkarte passten Werke seines Landsmannes Lutoslawski perfekt, es wurde, im Dezember 2014, ein Einstand nach Maß, der nun noch einmal auf CD nachvollziehbar ist.

Hier bei Klassik.TV sehenZwischen 1950 und 1954 komponierte Witold Lutoslawski das populäre und durchaus zugängliche "Konzert für Orchester", das einen wichtigen Punkt in seinem Werk markiert. Es war bis dahin kein leichter Weg für den Musiker, dessen internationaler Erfolg erst nach dem Abtauen des polnischen Stalinismus einsetzte. Ab Mitte der Fünfzigerjahre erkannten immerhin die Kulturoberen seiner Heimat die Qualität von Lutoslawskis Ideen. Zuvor hatte er sich gemeinsam mit seinem Komponisten-Kollegen Andrzej Panufnik als Pianist und Kaffeehausmusiker durchschlagen müssen.

Humor und Leichtigkeit gehören ebenso in Lutoslawskis Formenwelt wie gedankliche Tiefe und komplexe Strukturen. Gönnt er dem Hörer im zweiten Satz seines "Concerto" noch ein federnd verspieltes "Capriccio", so nimmt er im Schlusssatz "Passacaglia, Toccata e Corale" noch einmal den langen Atem und nachdenklichen Ernst des Beginns auf - als hole ihn die Welt wieder aus seinen Träumen. Fast unhörbar leise schälen sich die sparsamen, tiefen Streicherklänge aus der Stille heraus, die dabei wie mitkomponiert wirkt. Nach fast einer Minute erst fällt Lutoslawski in die selbstbewussten akkordischen Ballungen der "Intrada" zurück, nun allerdings breiter und formbewusster entfaltet: ein mitreißender Schluss.

Temperament und Eleganz, Form und Vollendung

Einen geradezu entzückenden Gegensatz bildet dann die nicht mal zehnminütige "Little Suite", die skizzenhaft angerissene Folkthemen und Tänze bietet, aber vor Temperament und Eleganz strotzt. Ein ideales Intermezzo vor der einsätzigen, aber zweigeteilten "Symphonie Nr. 4", die als Auftragswerk des Los Angeles Philharmonic Orchestra 1993 uraufgeführt wurde - ein Höhepunkt in Lutoslawskis Schaffen, bevor er ein Jahr später verstarb.

Krzysztof Urbanski, 1982 im polnischen Pabianice als Sohn eines Kfz-Mechanikers und einer Chemikerin geboren, leitete schon internationale Orchester in Trondheim und Indianapolis, war gefeierter Gastdirigent bei europäischen und amerikanischen Top-Orchestern und war seinerzeit erster Gewinner des Leonard-Bernstein-Preises des Schleswig-Holstein-Festivals. Sein Lutoslawski-Debüt brachte ihm 2014 sogleich die Sympathien des Publikums ein. Kein Wunder: Sein frischer, klarer Dirigierstil passt blendend zur Orchesterkultur, wie sie Thomas Hengelbrock erfolgreich beim NDR Elbphilharmonie Orchester etabliert hat. Ein Glücksfall.

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Werner Theurich
Christian O. Bruch/ laif

Werner Theurich ist verantwortlicher Redakteur für den Bereich Forum sowie die Moderation der Leserkommentare zu den Artikeln. Darüber hinaus schreibt er als Autor für das Kultur-Ressort über Musik, Theater und Literatur.

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EKB 06.03.2016
1.
Das klingt nach einer erfreulichen Aufnahme. Eine kleine stilistische Kritik zum Artikel möchte ich aber anbringen: Lutosławski hat seine "Kleine Suite" von 1950/51 natürlich original nicht englisch (oder deutsch) betitelt, sondern polnisch: "Mała suita". Ich halte es einigermaßen für eine Unart, in deutschsprachigen Texten englische Übertragungen von original nicht englischsprachigen Titeln oder Namen zu verwenden. Bitte entweder richtig originalsprachlich (wir reden ja auch nicht von Debussys "The Sea" oder Monteverdis "Return of Ulysses") oder, zumindest ergänzend in Klammern, eindeutschen. Amüsant auch, daß das Label anscheinend die Umbenennung zum NDR Elbphilharmonie Orchester noch nicht mitmacht, sondern für den internationalen Markt weiterhin die englische Form des altbekannten Namens NDR-Sinfonieorchester verwendet. Mag aber daran liegen, daß die Produktion bei der Bekanntgabe der Umbenennung schon fix war.
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