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10. Juli 2018, 15:47 Uhr

Abgehört - neue Musik

Sesamstraße für Erwachsene

Von und

Hätte Prince Paul Simons "Graceland" produziert, klänge es ungefähr so wie das neue Album der Dirty Projectors. Außerdem: Tropicália-Beat von 77:78 und Bay-Area-Shoegaze von Deafheaven und Tanukichan.

Dirty Projectors - "Lamp Lit Prose"
(Domino/Goodtogo, ab 13. Juli)

Wie hätte es wohl geklungen, wenn Prince "Graceland" produziert hätte - oder Paul Simon "Parade"? Vielleicht ein wenig so wie das neunte Album der Brooklyner Experimental-Rockband Dirty Projectors um den polyrhythmisch begabten Gitarristen, Arrangeur, Wurlitzer-und Rhodes-Spieler David Longstreth. Wie diese beiden Klassiker aus den Achtzigern explodiert auch "Lamp Lit Prose" förmlich vor Spiellust und instrumentalem Buhei: Es summt und tiriliert und brummt, es klappert, röhrt und bratzt, dass es eine mitreißende Freude ist. Solche Alben ist man, außer vielleicht von Arcade Fire, gar nicht mehr gewohnt. Und von den Dirty Projectors hätte man ein so positivistisches Statement schon gar nicht mehr erwartet.

Die schienen nämlich nur wenige Jahre nach ihrem bisher besten und erfolgreichsten Album "Swing Lo Magellan" (2012) am Ende implodiert. Longstreths langjährige Co-Sängerin, Co-Gitarristin und Geliebte Amber Coffman verließ nicht nur ihn, sondern auch die Band, zu der sie seit 2007 entscheidend beigetragen hatte. Longstreth fror alles ein und veröffentlichte 2017 ein Quasi-Soloalbum, auf dem er seinen Liebeskummer abgerockt mit Soul, Beats und R'n'B linderte. "Lamp Lit Prose" illustriert nun sowohl Longstreths euphorische Ankunft in einer neuen Liebe als auch die Rückkehr markanter Gitarren.

Die klingen nicht immer wie sie sollen, sondern werden zu lustigen Quak-Geräuschen gezwungen wie in "Break-Thru". Das hört sich an, als wäre Justin Timberlake bei Vampire Weekend eingestiegen. Ganz traditionell folky klampft Longstreth hingegen im hymnischen Öko-Protestsong "This Is A Lifestyle", zu dem die Haim-Schwestern süße Choräle beitragen. "I Feel Energy" (mit Sängerin Amber Mark) lässt die Brass Players of Los Angeles durch einen wiederum afrikanisch angetriebenen Funk-Jam tröten, der den frühen Michael Jackson und den späten Prince energisch zusammenrückt. "Zombie Conqueror" (mit Empress Of) ist der einzige Track, der komplett aus dem Rahmen fällt - eine akustische Hardcore-Hommage irgendwo zwischen White Stripes und Led Zeppelin. Ähnlich chaotisch, aber charmant, geht es in dem Song "I Found It In You" zu, der Trommeln, Gitarrenriffs (und -Soli) sowie Handclaps so lustvoll und versiert gegeneinander schubst, dass man glaubt, man bekomme George Harrisons alten Gassenhauer "I've Got My Mind Set On You" vorgespielt. Herrlich.

"What Is The Time" ist die vielleicht klarste und schönste Prince-Ballade, die Longstreth je geschrieben hat. Im ähnlich schwelgenden "You're The One" bildet er mit Rostam (Vampire Weekend) und Robin Pecknold (Fleet Foxes) das, was er in den Liner Notes die "Indie-Rock Three Tenors" oder auch "The Migos of Soft Rock" nennt, um dann im Schlussstück "(I Wanna) Feel It All" (mit Dear Nora) doch wieder beim Jazz- und R'n'B-Vibe von Solanges "A Seat At The Table" zu landen, das er als Produzent betreut hatte. Blockflöten-Gepuste inklusive.

Einem Genre ist diese detailreich überbordende - und dabei sehr putzige - Musik schon längst nicht mehr zuzuordnen. Nennen wir's Sesamstraßen-Sound für Erwachsene. (9.2) Andreas Borcholte

Deafheaven - "Oridnary Corrupt Human Love"
(Anti-/Epitaph/Indigo, ab 13. Juli)

Den Traditionalisten war es von Anfang an Hipstermetal und ein Greuel, als Deafheaven aus San Francisco ihre eigene Black-Metal-Variante entworfen haben. Die Methode ist simpel und war auch 2013, als das zweite Album "Sunbather" erschien, nicht neu, aber in dieser Konsequenz bislang ungehört: Die Band legte einen melodiösen Gitarrenteppich über die Blastbeats, unterbrochen von Mogwai-artigen Passagen zum Runterkommen - und die Herzen gingen auf, quer durch die Genres: Shoegaze-, Indie- und Metalfans badeten glücklich vereint im selben Meer aus Sound. Musik, die von Haus aus harsch sein soll, klang mit einem Mal überquellend und traumschön. Die Endorphin-Ausschüttungen waren enorm.

Auf "Ordinary Corrupt Human Love" ist die Luft nun zum ersten Mal ein wenig raus. Sänger George Clarke kreischt nicht mehr so losgelassen wie bislang, sondern wullackt sich routiniert durch die Tracks. Gniedelnde Gitarrensoli, ein jetzt neues Klavier und getragener Background-Gesang ("Canary Yellow") zeigen an, dass die Band Großes vorhat. Wenn es so weitergeht, werden Deafheaven demnächst als erste stadiontaugliche Black-Metal-Band in die Geschichte der Schreihalsmusik eingehen. Eine Art Power-Rock-Ballade gibt es mit "You Without End" auch schon. Die Platte krankt am Postrock-Syndrom: Instrumentalpassagen, die einst elegisch durch den Raum geisterten, fungieren hier eher als Muzak, die die Zeit bis zum nächsten bezaubernden Ausbruch überbrückt.

Am Ende ist das alles nicht schlimm, und vielleicht ist die Fallhöhe nach dem meisterlich austarierten Vorgänger "New Bermuda" auch schlicht zu hoch. Wäre das hier der Erstkontakt, man würde vielleicht ähnlich gebügelt dasitzen wie beim Hören des Debüts "Roads To Judah" (2011). Am schönsten klingen Deafheaven immer dann, wenn sie den Hörer formvollendet zusammenschreien. (7.0) Benjamin Moldenhauer

Tanukichan - "Sundays"
(Company Records/Indigo, ab 13. Juli)

Shoegaze scheint ein nachhaltiger Retro-Trend in der Bay Area zu sein. Wie Deafheaven kommt auch Tanukichan aus San Francisco, hängt aber am liebsten in Downtown Oakland in der Bier-Pinte "The Hatch" ab. Und auch ihre Musik könnte kaum weiter entfernt vom Blackgaze ihrer Nachbarn sein. Hannah Van Loon spielte bereits in mehreren Bands, entschloss sich aber nun, ihr Glück als Solo-Musikerin zu versuchen. Als Produzent und Mentor bot sich Chef-Chillwaver Chaz Bear von Toro Y Moi an, der ihren verschlafenen Songs einen kontrastierend brillanten Klang verordnete.

Denn das genretypische Wabern und Wolken des Sounds in eine größtmögliche Diesigkeit des Gemüts findet sich bei Tanukichan vor allem in den schwer prokrastinösen Texten, die Van Loon schön heliumhell dahinleiert. Schon in die verstolperten Beats und Bassläufe des verpennten Fummelsongs "Lazy Love" dröhnt jedoch urplötzlich eine Gitarrensalve, als hätte es der Hausmeister gewagt, am frühen Sonntagmorgen nebenan den Fußboden zu schleifen, während man noch halbkomatös in den Kissen lummert. Aus dieser gestörten Balance einer immer wieder durch den Noise der Realität durchbrochenen Tagträumerei zieht die knappe halbe Stunde dieses Albums einen unaufdringlichen Charme.

Variationen gibt es wenige: "Huned Bandz", "Natural" und "Perfect" raffen sich kurz zu schnellerer Gangart auf und offenbart eine offensichtliche Schwäche Van Loons für Elliott Smith. Und "This Time" überrascht ganz zum Schluss mit sonnig-klarem Yacht-Rock-Flair. Musik also für den Morgen danach, an dem man sich träge ein anderes, vielleicht energiereicheres Leben imaginiert, sich dann aufraffen möchte, aber… Nee, doch nicht. Zu anstrengend. (7.0) Andreas Borcholte

77:78 - "Jellies"
(Heavenly/Pias, seit 6. Juli)

Tropicália-Feeling stellt sich in der aktuellen Pop-Musik ja nur noch in sehr verwässerter (manche sagen: vergewaltigter) Form ein, von "Despacito" bis Vanessa Mai feat. Olexesh (WTF!?). Egal. Geht ja auch anders. Aaron Fletcher und Tim Parkin beherrschten die Kunst der Stil-Synthese bereits, als sie einst zusammen die Band The Bees gründeten und sehr schön das lateinamerikanisch beschwingte "A Minha Menina" von Os Mutantes in einen Beat-Schlager verwandelten.

Mit ihrem neuen Projekt 77:78 knüpfen die beiden Briten von der Isle Of Wight genau dort wieder an: "Love Said (Let's Go)" ist nicht nur einer der besten Songs dieses Debüt-Albums, sondern zwingt entspannte Westcoast-Psychedelia so leichthändig mit brasilianischem Bahia-Sound zusammen, als wäre das schon immer ganz naheliegend und selbstverständlich gewesen (was natürlich auch irgendwie stimmt). "Retro" ist das angemessen abgegriffene Schlagwort, das hier fallen muss, denn die Musik von 77:78 klingt, als hätte man sie in genau diesen beiden Jahren irgendwo am Strand vergraben und jetzt, sonnenverblichen und angenehm kratzig, wiederentdeckt.

Man muss hier zum Glück nicht die Beach Boys bemühen, wäre ja langweilig, sondern kann sich auf die Doors, Zombies und Box Tops berufen, wenn "Compass Pass" einen robusten Sixties-Charme entfaltet oder "Chilli" einen zackigen Mod-Groove anzettelt. Wenn's ruhiger wird ("Poor It Out"), gerät die Party immer ein bisschen zu arg ins Schunkeln ("Papers"), kriegt dann aber durch Mariachi-Steeldrum-Kreationen ("Copper Nail") oder Gospel-Verkrautungen ("Sheperds Song") wieder die Hüfte hoch. Zum Schluss, in "Wagons", geht dann aber auch wirklich alles wild durcheinander: Tempi, Genres, Pop-Epochen, Euphorie und Melancholie. Ein Album wie ein Sonnenstich. Aber ohne Kopfschmerz und Erbrechen. (7.7) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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