DJ Dangermouse Aus die Maus

Das vielleicht beste Album des Jahres 2009 gibt es nicht zu kaufen. Um "Dark Night of the Soul" stritt DJ Dangermouse mit der EMI und läutet das Ende der alten Musikindustrie ein.

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Wenn zum Ende dieser Pop-Saison Bilanz gezogen wird und rechtzeitig zu Weihnachten die Listen der besten Platten kommen, muss ein Album berücksichtigt werden, das es gar nicht zu kaufen gibt. "Dark Night of the Soul" heißt das Wunderwerk, eine Kollaboration der Amerikaner Brian Burton, der sich DJ Dangermouse nennt, und Mark Linkous, der als Sparklehorse zu Werke geht.

Zwei hoch geschätzte Pop-Abenteurer - was sich bereits an der Gästeliste für "Dark Night of the Soul" ablesen lässt, einem "Who is Who" des gehobenen Alternativ-Rock. Mit Namen wie Iggy Pop, Julian Casablancas (The Strokes), Wayne Coyne (The Flaming Lips), Nina Persson (The Cardigans), Suzanne Vega, Frank Black (The Pixies), Jason Lytle (Grandaddy), Gruff Rhys (Super Furry Animals), James Mercer (The Shins) und Vic Chesnutt. Und im Hintergrund brabbelt noch Regisseur David Lynch.

Unglaublicherweise ist die Platte sogar besser als die Summe ihrer Namen: 13 raffinierte Lieder über die dunkleren Regionen der Seele, arrangiert und instrumentiert von Dangermouse und Sparklehorse, die sich erstaunlich mit den Gastsängern ergänzen. Und weil die Macher wahrhaft ambitioniert sind, gibt es obendrauf noch ein Buch mit begleitenden Fotos des auf dunkle Phantasien spezialisierten David Lynch. Ein rundum geglücktes Werk, das vermutlich eine Menge Käufer gefunden hätte. Dummerweise kam es nicht dazu. Warum? Schwer zu sagen, weil sich alle Beteiligten darüber ausschweigen. Sicher ist, dass die altehrwürdige Plattenfirma EMI mit Rabatz drohte, wegen etwaiger Urheberrechtsverletzungen. Ebenso gesichert ist, dass Mr. Dangermouse nach zähen Verhandlungen irgendwann so schlechte Laune bekam, dass er bei "Dark Night of the Soul" den Stecker zog und das fertige Album zurückzog.

Die alte Musikindustrie ist der große Verlierer

Veröffentlicht wurde am Ende auf der eigenen Web-Seite (dnots.com) der Lynch-Bildband, mit einer Blanko-CD, die man sich selber bespielen solle ("For legal reasons, enclosed CD-R contains no music. Use it as you will"). Parallel dazu landeten auf mysteriöse Weise die 13 "Dark Night of the Soul"-Lieder im Internet. Wohlgemerkt nicht bei iTunes zum Kaufen, sondern eingespeist von einem großen Unbekannten auf ungezählten Blogs zum Gratis-Download!

Bis heute findet sie jeder, der einen Computer einschalten kann und weiß, wie eine Suchmaschine funktioniert. Schwierig zu beurteilen, wie legal das ganze ist. Dangermouse hat mehrfach kommentiert, dass er sich freut, dass die Musik im Umlauf ist. Auch von den beteiligten Künstlern hat sich keiner beschwert. Ja, selbst die erzürnte Plattenfirma EMI schweigt.

Der große Verlierer hier ist die alte Musikindustrie, in diesem Fall repräsentiert durch die EMI. Hier stößt ein System an Grenzen, das die Zeichen der Zeit nicht erkennt oder stoisch ignoriert. Beides ist fatal und auch ein Grund, warum immer mehr relevante Künstler einem Traditionsladen wie EMI den Rücken kehren und junge nicht im Traum daran denken, überhaupt erst zu kommen. Auf Urheberrechten zu bestehen, ist in diesen Zeiten so sinnvoll, wie gegen den Sonnenuntergang zu demonstrieren. Fakt ist, irgendwann landet alles irgendwie im Netz und damit bei allen Interessierten. Ob legal oder illegal. Die Herausforderung besteht darin, sich damit zu arrangieren. Wer da Anwälte ins Rennen schickt, unterstreicht nur seine Hilflosigkeit.

DJ Dangermouse wird sich nicht wirklich beschweren, ein Copyright-Streit mit der EMI machte ihn vor fünf Jahren berühmt, als er völlig illegal das "White Album" der Beatles mit dem "Black Album" von Jay-Z zum sogenannten "Grey Album" kreuzte, das millionenfach heruntergeladen wurde.

"Dark Night of the Soul" markiert aber auch noch einmal deutlich die Nutzlosigkeit von CDs. Denn heutzutage reicht es den meisten Menschen einfach, wenn sie Musik auf ihrer Festplatte haben. Die Kunst ist es, trotzdem irgendwie Geld zu verdienen.

Das kommende Jahr beginnt übrigens mit einer Art Fortsetzung von "Dark Night of the Soul", einer weiteren Zusammenarbeit von DJ Dangermouse und James Mercer von the Shins. Gemeinsam ist ihnen ein weiteres tolles Werk gelungen, das im Januar ganz legal erscheinen soll. Wenn es nicht wieder Ärger gibt.


"Dark Night of the Soul"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
mister_L, 27.11.2009
1. Bitte einmal alles! Umsonst. Nur für mich.
"Auf Urheberrechten zu bestehen, ist in diesen Zeiten so sinnvoll wie gegen den Sonnenuntergang zu demonstrieren." [...] "Wer da Anwälte ins Rennen schickt, unterstreicht nur seine Hilflosigkeit." So einen infantilen Schwachsinn habe ich schon lange nicht mehr in einer seriösen Publikation gelesen. Ich hoffe der Autor ist hauptberuflich als Journalist tätig, und wird sich selbst irgendwann wundern, warum ihn niemand mehr bezahlt...
karsten112 27.11.2009
2. .
Artist: Danger Mouse & Sparklehorse Title: Dark Night Of The Soul Label: EMi Genre: Indie Bitrate: 209kbit av. Time: 00:45:44 Size: 71.95 mb Rip Date: 2009-05-23 Str Date: 2009-00-00 01. Revenge (Ft. Flaming Lips) 4:53 02. Just War (Ft. Gruff Rhys) 3:43 03. Jaykub (Ft. Jason Lytle) 3:52 04. Little Girl (Ft. Julian Casablancas) 4:32 05. Angel's Harp (Ft. Black Francis) 2:56 06. Pain (Ft. Iggy Pop) 2:51 07. Star Eyes (I Can't Catch It) (David Lynch) 3:10 08. Everytime I'm With You (Ft. Jason Lytle) 3:11 09. Insane Lullaby (Ft. James Mercer) 3:09 10. Daddy's Gone (Ft. Nina Persson) 3:08 11. The Man Who Played God (Ft. Suzanne Vega) 3:10 12. Grain Augury (Ft. Vic Chesnutt) 2:31 13. Dark Night Of The Soul (Ft. David Lynch) 4:38
Lexington67 27.11.2009
3. Infantiler Schwachsinn?
Zitat von mister_L"Auf Urheberrechten zu bestehen, ist in diesen Zeiten so sinnvoll wie gegen den Sonnenuntergang zu demonstrieren." [...] "Wer da Anwälte ins Rennen schickt, unterstreicht nur seine Hilflosigkeit." So einen infantilen Schwachsinn habe ich schon lange nicht mehr in einer seriösen Publikation gelesen. Ich hoffe der Autor ist hauptberuflich als Journalist tätig, und wird sich selbst irgendwann wundern, warum ihn niemand mehr bezahlt...
Und gibt es auch noch eine Begründung dafür oder müssen wir jetzt raten? Im gegensatz zu ihrem Satandpunkt, der einfach nur ein Nachplappern der Aussage der Content-Industrie ist hat der Autor des textes wenigstens ein paar Punkte dazu angemerkt. Also , Butter bei die Fische: Warum ist es besser seinen Kunden die Bluthunde auf den Hals zu hetzen und zu versuchen überholte Geschäftsmodelle per Gesetz festzuschreiben statt sich im Informationszeitalter mal ein paar Gedanken über Alternativen zu machen und neue Vertriebsmethoden zu nutzen statt zu bekämpfen? Es muss den Labeln nur endlich klar werden, das man mit Gesetzen nicht die fetten Jahre, in denen eine CD mit 13 Liedern für 25 Euro und mehr verkauft wurde, zurückholen kann. Und zu guter Letzt ist das Urheberrecht/Verwertungsrecht kein "natürliches" Recht, sondern ein willkürliches das durch den Technischen Fortschritt erst möglich wurde. Shakespeare, Mozart, Wagner, Beethofen..die werden sich um solche Sachen wie möglichst lange, auch über ihren Tod hinaus andauernde, pekuniäre Ausbeutung ihrer Werke nicht halb so viel Gedanken gemacht haben wie Brittney Spears. Erst konnte keiner Verfioelfältigen, dann durch die technik einige wenige, jetzt kann es jeder, was den Status Quo wieder an die Zeit vor Erfindung der Tonträger annähert. Der Künstler muss wie jeder andere Mensch auch täglich arbeiten (Konzerte geben) und kann nicht nach einmal getaner Arbeit jahrzehntelang davon zehren. Und ihr Argument, er muss von seiner Arbeit leben können ist sicher gut und richtig, aber was hat das damit zu tun? jeder Mensch muss von seiner Arbeit lebene können, wenn er das nicht kann, dann hat er wohl einen Beruf gelernt, den keiner braucht. Wenn meine Arbeit keinem Geld wert ist, dann ist sie scheinbar nicht wertvoll, warum sollte das ein Problem gerade für die neoliberale Gesellschaft sein in der Profitmaximierung und Gewinnsteigerung zum Dogma erhoben wurde?
slartybartfasd 27.11.2009
4. Fahrstuhlmusik
Hat der Autor sich die 13 "verfügbaren" Titel angehört? Latürnich ist es Geschmackssache, aber da ich Musik bewusst wahrnehme, und nicht im Hintergrund hören kann, finde ich das Gejammer so unangenehm wie bei vielen anderen, aktuellen Titeln. Beim zweiten Versuch konnte ich mich mit Nummer 13 anfreunden - aber das ist ja Geschmackssache.
hansen19, 27.11.2009
5. Ein bisschen
Zitat von mister_L"Auf Urheberrechten zu bestehen, ist in diesen Zeiten so sinnvoll wie gegen den Sonnenuntergang zu demonstrieren." [...] "Wer da Anwälte ins Rennen schickt, unterstreicht nur seine Hilflosigkeit." So einen infantilen Schwachsinn habe ich schon lange nicht mehr in einer seriösen Publikation gelesen. Ich hoffe der Autor ist hauptberuflich als Journalist tätig, und wird sich selbst irgendwann wundern, warum ihn niemand mehr bezahlt...
Recherche hätte dem Artikel tatsächlich nicht geschadet. Es wäre schon interessant gewesen, worin nun der Grund des Streits zwischen EMI und dem Künstler bestand. Ging es tatsächlich um Urheberrechte - diese scheint Dangermouse ja innezuhaben, sonst hätte er's nicht zurückziehen können. Oder einfach um die Rechte an den Songs, die große Plattenfirmen gerne mal den Urhebern der vermarkteten Songs vorenthalten? So daß beim Künstler eben nur ein marginaler Anteil vom Erlös hängenbleibt und der Löwenanteil im Sumpf der Plattenfirma verschwindet bei Leuten, die sich eigentlich nicht um Musik scheren (übrigens einer der wichtigsten Gründe für den Scherbenhaufen Majorlabels). Oder passten EMI die gefeatureten (nice wording!) Gastmusiker nicht, weil das in deren Verträgen anders geregelt ist oder weil es sich nicht um Pferdchen aus dem eigenen Stall handelt? Oder hat Dangermouse bei diesem Werk Urheberrechte anderer Künstler verletzt und verwurstet, worauf EMI aus Vorsicht -und in dem Fall berechtigt - die Veröffentlichung aussetzte? Alles Fragen, die der Artikel nicht beantwortet und weshalb er eigentlich völlig sinnlos ist. Gekrönt von der überraschenden Aussage, dass Urheberrechtsschutz im Grunde überflüssig geworden ist. Eine Variante wäre, wenn diese Informationen nicht zu erhalten gewesen wären, wenigstens eine vernünftige Rezension der Platte oder Beleuchtung des Hintergrundes von Dangermouse zu bringen. Aber na ja - "die Kunst ist eben, trotzdem Geld zu verdienen".
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