Clubmusik von Terranova: Ein Fetisch für uns alle

Von Philipp Oehmke

Rock baut ab, HipHop kriselt, R&B ist egal: Jetzt gilt Electronic Dance Music weltweit als Sound der Stunde - auch dank Terranova. Hinter dem Projekt steckt der Berliner DJ Fetisch, der seit 30 Jahren immer mitmischt, wenn Pop sich irgendwo auf dem Globus neu erfindet.

DJ Fetischs Projekt Terranova: Berlins "heimlicher Bürgermeister" Fotos
Terranova

Das ständige Neudenken, das Häuten, Feinjustieren, Zitieren, die ewige Neugeburt des Bestehenden - also all das, was wir Pop nennen -, findet im Moment, so sagt es Fetisch an diesem Vormittag in seiner Zweitwohnung in Berlin, eher in den Clubs statt.

Die Clubs waren immer wichtig, sicher. Sie waren immer da in den letzten 30 Jahren, auch wenn es selten eine so massive Clubkultur gab wie im Moment. Doch die Clubmusik bestand immer aus ihrer eigenen Welt, sie schrieb eine Parallelgeschichte. Nur ab und zu hat sie dem Pop einen kleinen Wink gegeben.

Pop aber interessierte sich vor allem für den Künstler, seine Inszenierung, sein Konzept und die Geschichte, die er den Menschen erzählte: Madonna also oder Lady Gaga. In der Clubmusik aber ging es um den Track, das einzelne Stück. Der, der diese Tracks geschaffen hat, blieb in den meisten Fällen unbekannt.

Terranova - "Question Mark"
Der Mann, der schon immer Fetisch hieß, und an dessen echten Namen sich selbst engste Freunde nur mit Mühe erinnern, bespricht all diese Dinge auf und ab laufend auf dem Linoleumboden seiner "Punkrock-Wohnung", wie er sein Zweitdomizil ob ihrer unsanierten alt-ostberliner Kargheit nennt. Es ist ein hektischer Vormittag Mitte März, Fetisch ist am Telefon mit Nicolette Krebitz, die zusammen mit Udo Kier für Fetisch eine düstere Elektroballade eingesungen hat, am Telefon mit Michael Mayer, dem Chef von Kompakt Records in Köln, dann sitzend vor dem Rechner und anderen Maschinen. Auf einer Couch döst sein inzwischen schon als kongenialer Partner zu bezeichnender Labrador Rokko.

Das Pop-Urversprechen: Eltern ausschließen

Fetisch beginnt in diesen Tagen an Remixen zu arbeiten, Remixe von den Stücken seines neuen Albums "Hotel Amour", das er zusammen mit dem Berliner Produzenten &Me unter seinem Projektnamen Terranova im Berliner Club "Cookies" vorgestellt hat. Das war ein paar Tage vor seinem 50. Geburtstag. Man kann jetzt schon sagen, dass das Album, beim legendären Kölner Label Kompakt erschienen, ein sensationeller Erfolg ist. Viele nennen es das Beste, das Fetisch in seiner über 25-jährigen Geschichte als Musiker gelungen ist, ein Meisterwerk schrieben andere, und das Merkwürdige ist, auf der Platte ist eigentlich nur reine Clubmusik versammelt, House im weitesten Sinne.

Terranova - "So Strong"
Doch es klingt wie reinster Pop. Die Stücke heißen "Make Me Feel" oder "Paris Is for Lovers", es geht um die großen Gefühle und damit, wie immer im Pop, um große Melodien. Das Cover zeigt die Finger einer Hand, wie sie sich einer Kerze nähern und langsam schwarz und rußig werden. Es ist von der Künstlerin Oda Jaune.

Das Album ist deswegen grandios, weil es zeigt, wie Clubmusik außerhalb eines Clubs klingen kann: dass das geht. Und Clubmusik ist die Musik der Stunde, nicht nur in Berlin. Die Amerikaner haben ein neues, ganz wunderbar altmodisch klingendes Wort für sie gefunden: Electronic Dance Music sagen sie, und können nicht genug bekommen von ihren neuen Vertretern, die Deadmau5 heißen oder Skrillex. Sogar das das Upper-East-Side-Intellektuellenblatt "The New Yorker" berichtet über diese neue Bewegung, die gute 25 Jahre nach der Erfindung von Techno in die Lücke springt, die der Niedergang des Rock, die andauernde Krise des HipHop und die Bedeutungslosigkeit des R&B hinterlassen haben.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Terranova?
Markenfetischist 22.03.2012
Die gibt es immer noch? Ohne Nicolette Krebitz... Ich kann mich erinnern, dass die damals auch schon so gehyped wurden, aber außerhalb Deutschlands total unbekannt blieben.
2. <->
silenced 22.03.2012
Zitat von Markenfetischistdas für Clubmusik eher langsame Tempo, die Acid-Bässe, es ist eine Pop-Platte für die Nacht geworden.
Nachdem ich mir die beiden Titel angehört habe, steh ich irgendwie auf dem Schlauch. Electronic Dance Music? Also ich könnte dazu nicht tanzen. Da lieber etwas nehmen wie 'Lindsay Stirling - Shadows (http://www.youtube.com/watch?v=JGCsyshUU-A)'. Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden, und 'Terranova' trifft meinen irgendwie überhaupt nicht. Acid Bässe? Brain ... Acid, pure! (http://www.youtube.com/user/ifilgoodx) (Brain 8 - Into The Future (Wizzard Mix) kommt wirklich gut.) Ok, genug herumgemeckert, get out and listen to some music!
3. |||||||||
sample-d 22.03.2012
ich frage mich warum in der Club-Szene für gefühlt jedes neue Lied ein neuer Gattungsbegriff gefunden werden muss.... vermutlich damit jeder DJ sich als Gründungsvater einer neuen Musikrichtung fühlen kann... der erste Track könnte auch von moby stammen - ist der jetzt auch electronic dance musiker ?!? und wenn ist er das schon lange und diese gattung zumindest nicht neu...^^
4.
callistonairi 22.03.2012
Also mich reißt es jetzt auch nicht mit... aber vielleicht gehört man ja mit 28 schon zur Nicht-Zielgruppe, zu denen, die nicht mehr verstehen, was "die Jugend" da so treibt ;-)
5. Seiner Zeit voraus ?
ManeGarrincha 22.03.2012
"Viele nennen es das Beste, das Fetisch in seiner über 25-jährigen Geschichte als Musiker gelungen ist, ein Meisterwerk schrieben andere, und das Merkwürdige ist, auf der Platte ist eigentlich nur reine Clubmusik versammelt, House im weitesten Sinne." Das ist, vom Sound her, etwa in den späten 80er zu verorten. Seiner Zeit voraus ? Vordenker ? Lachhaft. Durchschnittliche, epigonale Musik. Warum müssen so viele Musik-Besprechungen immer in völlig überzogene Hypes ausarten ? Schlimm, dürfte ein reiner Freundschaftsdienst gewesen sein.
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