Anti-Popstar DJ Koze "Vielleicht habe ich Angst vor Hits"

Elegantere und internationalere Elektronik-Musik macht in Deutschland niemand - aber um Popstar zu sein, ist DJ Koze zu verschroben. Ein Gespräch über Katzenschnurren, Phil Collins und die große Klassik-Lüge.

Gepa Hinrichsen

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Über Beethoven heißt es, er habe die Wut in die Musik gebracht. Über DJ Koze sagen die Leute, er habe den Humor in die Schaltkreise gebracht. Stimmt das?

DJ Koze: Ich kann es nicht mehr hören. "Nur wer das Leben ernst, bitter ernst nimmt, hat auch wirklich Humor." Das hat Kant gespittet. Ich nehme Musik sehr sehr ernst und ich glaube, das kann man hören. Deshalb reagiere ich meist ein bisschen biestig, wenn ich gleich als erstes auf meinen Humor angesprochen werde. Ein richtiger Kaltstart für unser Gespräch.

SPIEGEL ONLINE: Also kein Humor?

Zur Person
  • Gepa Hinrichsen
    Stefan Kozalla alias DJ Koze, 1972 in Flensburg geboren, war in den Neunzigerjahren Teil des Hip-Hop-Kollektivs Fischmob, bevor er sich als Elektronik-Musiker selbständig machte. Zuletzt wurde seine psychedelische Tanzmusik spürbar wärmer, auf seinem neuen Album ("Knock Knock") arbeitet er mit so unterschiedlichen internationalen Stars wie Bon Iver, Róisin Murphy oder Kurt Wagner von Lambchop zusammen. Wir trafen DJ Koze, dessen Name übrigens "cosy" ("gemütlich") ausgesprochen wird, im Hamburger Schanzenviertel.

DJ Koze: Nein, ich bin an Irritation und Psychedelik interessiert. An Verwirrung und Überraschung. Das ist etwas anderes. Ich versuche Musik zu machen, die jederzeit die Möglichkeit der unerwarteten Wendung in sich trägt. Das muss nicht zwingend passieren. Es würde sogar zu einer Formel verkommen, wenn es zu häufig passiert. Aber es muss immer die theoretische Möglichkeit mitschwingen! Das ist spannende Musik für mich. Schon die Beatles haben die verrücktesten Arrangements vorgelegt, und die Menschen haben die Arme in die Luft geschmissen und "Endlich" geschrien. In der zeitgenössischen, für den Mainstream durchformatierten Musik ist das alles gänzlich verschollen.

SPIEGEL ONLINE: Es darf nicht stören?

DJ Koze: Mehr noch! Es muss für die aus Hörgewohnheiten analysierten Muster entsprechend angeliefert werden. Es gibt sogenannte bliss points: exakte Sekundenzahlen, an denen der Gesang spätestens einzusetzen hat, damit der ADHS-kranke Streamer nicht hektisch zum nächsten Song skippt. Denn das Ziel ist ein "Add to Playlist". Dann rollt der Rubel. Allerdings auch nur im Nano-Bereich.

SPIEGEL ONLINE: Diese Formatiertheit gab es früher nicht in diesem Maße?

DJ Koze: Ich glaube nicht. Sogar Phil Collins hat überrascht, mit seinem legendär brutalen Drum Fill bei "In The Air Tonight". Der Clou dabei war übrigens, dass Phil Collins jeden Anschlag jeweils mit beiden Händen auf sechs unterschiedlich gestimmten Toms ausgeführt hat. Vom höchsten bis zum tiefsten Ton. Kein normales Schlagzeug-Set hat sechs Toms! Wie die das gefeiert haben müssen, damals im Studio! Auch wie Duran Duran manche Songs arrangiert haben, durchblicke ich bis heute nicht. Und wo die auch herkamen! Auf einmal, aus dem Nichts: schöne Männer mit guten Haaren, die alles können. Gibt's heute nur noch in Schweden.

SPIEGEL ONLINE: Apropos "aus dem Nichts", wir wechseln mal das Thema: "Knock Knock" ist eine sehr warme, ruhige Platte.

DJ Koze: Ich finde das Album ja eigentlich sehr energetisch, teilweise sogar anstrengend. Aber vielleicht ist das auch nur meine eigene Wahrnehmung, und ich habe längst den Kontakt zur Realität da draußen verloren. Eigentlich ist mir mittlerweile auch alles egal, ein sehr luzides Gefühl. Ich habe übrigens keinen einzigen Refrain auf meinem Album. Meine poppigste Platte - aber die Hauptzutat vergessen. Vielleicht habe ich Angst vor Hits?

SPIEGEL ONLINE: Wäre das exakte Gegenteil eines Hits nicht auch belanglos? Ein Ambient-Sound, wie Sie ihn früher auch schon gemacht haben?

DJ Koze: Im Gegenteil. Neulich habe ich ein schönes Interview mit Brian Eno über sein Album "Music For Airports" gelesen, seine Blaupause für das ganze Genre. Er sagt, diese Musik muss dich genauso in Ruhe lassen wie motivieren. Und genau das ist das Faszinierende an dieser Musik. Ambient ist wie ein Wald. Du kannst irgendwann nicht mehr die einzelnen Bäume sehen oder zählen. Du lässt los. Und trotzdem fordert es dich, weil es eben kein Kitsch ist. Ambient kann auf unerklärliche Weise tief glücklich machen. Und ich liebe es, glücklich zu sein! Apropos: Forscher haben wohl eine Glücksformel destilliert: Glück = 1/3 Haben + 1/3 Lieben + 1/3 Sein.

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DJ Koze: Stur wie eine Bergziege

SPIEGEL ONLINE: Hören Sie klassische Musik?

DJ Koze: Ich habe Angst davor. Die Vorstellung einer Hochkultur hat für mich etwas Beklemmendes. An Bach mag ich das Mathematische - da gibt es für mich auch einen klaren Link zu Minimal Music - und auch die Melancholie. Aber eigentlich nervt mich die Virtuosität in der Klassik. Wenn ich also das Nicht-Klassische in der Musik will, warum suche ich es dann dort? Ich höre dann lieber gleich Wolfgang Voigts Gas. Außerdem glaube ich, dass das eine große Lüge ist mit der Klassik.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

DJ Koze: Ich sehe da immer Väter, bei denen es in der Tiefe brodelt, und obenrum sitzen sie ach so beseelt im Sessel und hören dieses "fidelfidelfidel", bevor ihnen dann die Hand ausrutscht. "Peter und der Wolf" zum Beispiel! Erwachsenklassik für Kinder. Ist das nicht psycho? Echte Kinderschändermusik. Da bekomme ich gleich Gänsehaut.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben und arbeiten teilweise in Spanien, in einem Städtchen an der Küste mit den Pyrenäen im Rücken. Wie wichtig ist für die Musik der Ort, an dem sie entsteht?

DJ Koze: Man denkt den Raum immer mit, wie eine imaginäre Zielgruppe, für die man arbeitet. Aber der Hausfrauentest findet eigentlich gleich hinter der Haustüre statt. Ich kann keinen dubsteppigen-UK-Garage machen, wenn ich auf Olivenhaine schaue. In Brixton hingegen könnte ich unmöglich folkigen Olivenhain-Ambient machen. Die Menschen in dem Dorf nennen mich übrigens "The Dee Jee".

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet eigentlich der Beat? Was ist das?

DJ Koze: Kleine Gage: Ambient. Große Gage: Beat. So einfach ist das. Beat ist fest, stabil, das Fundament . Während Ambient vielleicht der Wind ist, der durch die Fenster zieht. Das ist eine fantastische Brise, aber oft hat man einfach Bock auf den Herzschlag.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Geräusch außerhalb der Musik, das Sie besonders mögen?

DJ Koze: Katzenschnurren. Ganz klar bester Sound, wie ein heiliges Senkblei. Katzen schnurren übrigens nur für Menschen. Untereinander kommunizieren die wahrscheinlich per mentaler WhatsApp-Gruppe oder so. Es muss mal eine Katze gegeben haben, die das street knowledge an die Anderen weitergegeben hat. Nach dem Motto: "Und wenn du auf einen Menschen triffst, dann mach mal das!" - "Warum?" - "Mach' einfach, wirst schon sehen..."


DJ Koze: "Knock Knock" ist am 4. Mai bei Pampa Records/Rough Trade erschienen.



insgesamt 22 Beiträge
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Jota.Nu 05.05.2018
1. ...Jep, beste Beschreibung von Klassik
DJ Koze: "Ich sehe da immer Väter, bei denen es in der Tiefe brodelt, und obenrum sitzen sie ach so beseelt im Sessel und hören dieses "fidelfidelfidel", bevor ihnen dann die Hand ausrutscht." -Auch bei mir kommt ein eher beklemmendes Gefühl aus dunklen längst vergangener Zeiten auf. Als Soundschnipsel für 80er Jahre Anti-Kriegsfilmmusik wurde nochmals ein Maximum an Dramatik herausgeholt und jetzt ist es aber auch gut. Ambient ist die Klassik der Neuzeit und Moderne - mal sehen, ob diese Musik es auch über mehrer Jahrhunderte schafft. Das wird möglciherweise nur geschehen, wenn sie es schafft über mehrere Jahre stilprägende Genres zu schaffen und über den Gehörgang tiefe Emotionalität heraus zu kitzeln -ohne kitschig zu wirken. Viel Erfolg dabei!
sverris 05.05.2018
2.
"schöne Männer mit guten Haaren, die alles können. Gibt's heute nur noch in Schweden" :D - wer sowas sagt, muss fähig sein.
s.raudolf 06.05.2018
3. Klasse!
Kannte weder den Herrn, noch seine Musik, das Interview hat mich aber sehr amüsiert. Scheint ein cooler Typ zu sein, mit dem ich mich jetzt mal ein bisschen beschäftigen werde....
supersteher 06.05.2018
4. Beim Thema Katzenkunde...
...muss der Herr Koze aber nochmal nachsitzen, dass kann man so nicht stehen lassen. Das Schnurren der Katze zählt zu den bekanntesten stimmlosen Lautäußerungen. Katzen schnurren bereits nach der Geburt, sobald sie von ihrer Mutter das erste Mal gesäugt werden. Die Mutter schnurrt während des Säugens und beruhigt so die Jungen und sich selbst. Das Schnurren zeigt dem Muttertier an, dass die Kätzchen gut mit Milch versorgt und somit zufrieden sind. Einer der Urväter der Katzen-Verhaltensforschung, Paul Leyhausen definierte das Schnurren so: „Seinem Ursprung nach ist es wohl eine kindliche Lautform, die der säugenden Mutter anzeigt, dass die Jungen sich wohlfühlen“. Er hat bei seinen Forschungen herausgefunden, dass die Kätzchen während des Saugens weiter schnurren. Ebenso schnurrt die Mutterkatze weiter, selbst wenn sie döst oder schläft. Schnurren dient bei Katzen jeden Alters in erster Linie der Beruhigung und gilt bei Annäherung von Katze zu Katze als Signal der Friedfertigkeit.
zorngibel 06.05.2018
5. Langweilig.
Habe mir „knock knock“ angehört. Dazu fällt mir wirklich nichts ein. Dass so jemand keinen Zugang zu klassischer Musik hat, ist verständlich. Es ist aber immerhin sehr beruhigend, dass Väter, die auf „DJ Koze“ stehen, ihre Kinder nicht prügeln!
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