DJ Shantel Surfen auf der Balkanwelle

Vom Klischee der lustigen Bauernhochzeit will Shantel nichts wissen. Der Frankfurter DJ und Produzent hat das Genre des Balkan-Dubs mit seinem "Bucovina Club" populär gemacht. Mit seiner neuen Platte will er die Charts erobern.

Von Thomas Winkler


Wie ein Zuhälter sieht er nicht gerade aus. Viel zu klein. Und ziemlich schmächtig. Die lockigen Haare trägt er nicht streng mit Gel zurück gekämmt, sondern lässt sie eher unkontrolliert vom Kopf abstehen. Tätowierungen sind auch nicht zu sehen, genauso wenig wie dicke Klunker. Der Händedruck ist fest und verbindlich, der Umgangston höflich. Und doch soll Stefan Hantel, behaupten einige, ein ganz übler Kuppler sein.

Stefan Hantel ist ein kleiner Mann mit vielen Professionen. Er ist DJ, Musiker und Produzent, Label-Chef und Talent-Scout, Impresario und Party-Macher. Für die Bewältigung dieser Ämterhäufung hat der 39-jährige Frankfurter seinen bürgerlichen Namen zu einem griffigeren verkürzt: Als Shantel ist er das prominenteste Gesicht, der Erfinder und noch immer eifrigste Propagandist eines Bastards, der mal Balkan-Pop heißt, mal Gypsy Grooves, Bukowina-Dub oder R'n'Balkan. Doch egal, wie man es nennen mag: Die gewagte Mischung aus traditioneller osteuropäischer Folklore und westlichen Dance-Rhythmen ist ungemein erfolgreich. Die Essenz dieser "spannenden Symbiosen" hat Shantel selbst nun noch einmal eingefangen - auf seinem neuen Album "Disko Partizani".

Die Geschichte, wie es soweit kommen konnte, ist mittlerweile Legende: Nach einer Reise in die Bukowina auf der Suche nach seinen familiären Wurzeln begann Shantel im Jahr 2002 mit der Party-Reihe "Bucovina Club" im Frankfurter Schauspielhaus. Ohne jedes Marketing, wie Hantel betont, entwickelten sich die Partys zu schweißdurchtränkten Happenings, die dazugehörigen CD-Kompilationen zu Bestsellern und Shantel zum Star des neu geschaffenen Genres. Und damit zu einer umstrittenen Figur.


"Ich bin heftigst dafür kritisiert worden", erregt er sich, "das Original zu verzerren". Nichts, sagt er, läge ihm ferner: "Ich zolle den Wurzeln jeden erdenklichen Respekt, und ich würde den Sound niemals zurecht bügeln. Diese Verstimmungen und Schwankungen, diese Traditionen will ich beibehalten. Aber dazu einen HipHop-Beat zu programmieren, das ist kein Verrat."

Das sehen andere naturgemäß anders. Doch den Traditionalisten, die die Musiken aus Südosteuropa möglichst unverfälscht in die erste Welt tragen wollen, hält Shantel entgegen: "Man kann Musik nicht nach moralischen Kriterien bewerten. Es gibt nur gute oder schlechte Musik. Und es ist Quatsch, das mit der Landkarte auseinander pflücken zu wollen, denn diese Musik ist selbst schon ein Hybrid, ein musikalischer Bastard. Das ist eine lebendige Musikkultur, die sich immer schon durch Einflüsse von außen erneuert hat."

Bewegendes aus Ost und West

Immerhin handelt es sich um alte mitteleuropäische Traditionen, die dort auf dem Balkan neu zu entdecken seien, so Shantel. Die Blechblasinstrumente der so genannten Zigeunerkapellen stammen aus dem Fundus des K.u.K.-Militärs, und Heinrich Band, der Erfinder des im Genre so beliebten Bandoneons, wirkte in Krefeld. "Die Türkei ist für mich europäischer als der Norden Englands", sagt Shantel. Vor allem die Bukowina, die Heimat seiner Großeltern mütterlicherseits, war eine Schnittstelle zwischen Ost und West, dort trafen Christenheit und Islam aufeinander: "Das alles hat friedlich zusammen gefunden. Und dieses Mythos bediene ich mich."

Die Argumentation ist schlüssig. Ihre praktischen Konsequenzen sind nachzuhören auf dem neuen Album, das scheinbar problemlos Musiker und Musiken aus Serbien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Frankreich, Kanada, Österreich, Russland, England, Israel, der Türkei und Deutschland zusammenführt. Sprachen und Stile fügen sich unter dem Diktat der Feierlaune zu einem schier endlosen Party-Mix, der aber, so will es der Meister, nicht nur auf dem Tanzboden funktioniert, sondern auch "eine politische Dimension" haben soll, eine heilende, völkerverbindende Kraft: "Diese Musik baut Brücken und beseitigt Grenzen. Das ist eine Utopie, ein Ideal, auch wenn es hart an der Realität vorbeischliddert."

Vielleicht sind es auch eher diese Qualitäten als Marktschreier, die seinen Kritikern unangenehm aufstoßen. Denn Hantel weiß, wie man sich verkauft. Er hat stets einen zitierfähigen Satz auf der Zunge wie "Heimat ist keine Region, sondern ein Gefühl". Oder ein paar Spitzen auf Lager gegen die Dominanz der "anglo-amerikanischen Einheitskost". Ebenfalls immer im Angebot sind ein paar Ausfälle gegen Emir Kusturica und das von dessen Filmen geprägte "Klischee von der lustigen Bauernhochzeit". So etwas sorgt für Aufmerksamkeit.

Denn das ist die Absicht von Shantel, der immer noch findet, dass vor allem Radio und Fernsehen seinen Bastard ungerechterweise ignorieren. Doch mit einem Propagandisten wie Shantel wird die Balkan-Welle weiter schwappen und der kleine Mann freut sich schon darauf, "wie dieser Sound aus dem Dickicht des urbanen Unterholzes losschlagen und sich durchsetzen wird". Dafür spielt Stefan Hantel gern auch mal den Zuhälter.


Shantel: "Disko Partizani" (Essay/ Indigo)



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