Schostakowitsch Tanz auf den Vulkanen

Nicht zu vergessen in der Fülle der Veröffentlichungen 2018: zwei Schostakowitsch-Aufnahmen, die Meisterwerke des russischen Genies kongenial darstellen. Es elektrisieren die Kontraste, ob in Orchester- oder Kammermusik.

Marco Borggreve

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Leicht hatte es Dmitrij Schostakowitsch (1906-1975) in seiner sowjetischen Heimat nicht. Anfangs konnte er mit seiner 1. Sinfonie - er war gerade 19 Jahre alt - tatsächlich einen Welterfolg feiern, doch schon bald fielen seine nicht linientreuen musikalischen Ideen den kommunistischen Kulturzensoren unangenehm auf.

Aber er lernte früh, raffinierte Kompromisse zu machen, die ihn vor den prekären Folgen des Zorns - etwa von Josef Stalin - bewahrten. Auch sein zweites Cellokonzert von 1966, dreizehn Jahre nach Stalins Tod, trägt diese Kennzeichen in sublimer Form. Schostakowitschs Zwischentöne, die Melancholie und kämpferischen Geist noch in den zartesten Phrasen mischen, verlangen einen hochsensiblen, technisch perfekten Solisten, der das Oszillieren zwischen leisen Details und kraftvollen Eruptionen gestaltet.

Soundtrack zum Horrorfilm

Der deutsche Cellovirtuose Maximilian Hornung kann das. Und noch einiges mehr. Im düster-bedrohlichen Intro von op. 126 baut er behutsam, aber unerbittlich die bedrückende, fast klaustrophobische Atmosphäre auf, die vom Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Andris Poga verstärkt wird. Ein irritierender Horrorfilm-Soundtrack, den Maximilian Hornung mit sonorem Ton unterstreicht und steigert: Dramaturgie der Furcht, Tanz auf Vulkanen. Gleich hier dokumentiert sich die Geschmackssicherheit des Solisten.

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Robuste Tänze

Im zweiten Satz, Allegretto, beschwören Hornung und Orchester eine trügerische, melodisch lockende Welt der Hoffnung, wie erdacht für den Celloton des Solisten. Ein keckes Wechselspiel zwischen Bläsern und dem Solisten, der sich nicht von den dunklen Wolken befreien kann. Im dritten Satz dann ein weiterer Anlauf, der in süße Kantilenen des Cellos mündet, wiederum eine wunderbare Gelegenheit für Maximilian Hornung, die Wandlungsfähigkeit seines Tons auszuspielen, der oft wie eine schwebende Violine klingt, bevor er wieder zu robusten Tanzepisoden kommt. Und der lettische Dirigent Andris Poga sekundiert mit fester Hand: eine beglückende Harmonie.

Als Vorprogramm zum Schostakowitsch läuft auf der CD ein erstaunliches Cellokonzert vom georgischen Komponisten und Cellisten Sulchan Tsintsadze (1925-1991), ebenfalls aus dem Jahr 1966. In "Episoden" gegliedert, stimmt es subtil auf die Abgründe in Schostakowitschs Spätwerk ein.

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Schostakowitsch: Belcea und Hornung - geniale Töne

Betörende Dialoge zwischen Piano und Violine

Bereits 26 Jahre vorher komponierte Schostakowitsch sein einziges Streichquintett mit Klavier, das der Pianist Piotr Anderszewski gemeinsam mit dem Belcea Quartet einspielte. Zu dieser Zeit wirkte die Bedrängung der Kreativen in der Sowjetunion unter Stalin wesentlich stärker, was Schostakowitsch zu noch subtilerer musikalischer Sprache zwang. Die Dialoge zwischen den Streichern, vor allem der ersten Violine Corina Belcea, mit dem markant und nuancenreich auftrumpfenden Piotr Anderszewski betören zwischen Melancholie und spröder Verzweiflung.

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Ein perfektes Quartett

Im wilden, teuflisch tanzenden Scherzo perlt der Pianist trotzig gegen verwischende, förmlich fliehende Streicher, bevor sich alle wieder in brüchig-dünner Harmonie finden. Bitterer Witz verwirrt die Sinne in dieser kargen Variante des Vulkantanzes.

In ebensolchem Trotz, harmoniesüchtig und verzweifelt zwischen all den Nostalgieschlenkern des Quartetts, verrinnt schließlich op. 57 im finalen Allegretto, das Hoffnung simuliert, aber stets Risse thematisiert. Ein Meisterwerk Schostakowitschs, kongenial inszeniert vom perfekten Belcea Quartet und dem blendend aufgelegten Piotr Anderszewski. Weshalb die Belcea-Truppe, die sich bereits 1994 in London zusammenfand, schon lange zu den internationalen Topquartetten gezählt wird: Hier kann man es abermals hören.



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deeperman 30.12.2018
1. Link?
Hallo, danke für diese (und andere) Empfehlungen. Wäre es vielleicht möglich, bei Rezensionen jeweils den Link zu Spotify (bzw. anderen Streaming-Diensten) anzugeben? Klassik ist dort, obwohl umfassend vorhanden, nicht immer einfach zu finden.
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