Michael Jacksons "Off the Wall" Der Weg zum Thron

Ex-Wunderkind und Auslaufmodell: Michael Jacksons Karriere schien Mitte der Siebziger am Ende. Wie er dann doch zum King of Pop wurde, erzählt eine neue Dokumentation von Spike Lee.

Epic d (Sony Music)

Als Teenager war Michael Jackson eigentlich schon erledigt. Damals ging der Familien-Band The Jackson 5 nach einem rasanten Lauf langsam die Luft aus. Michael Jackson galt zwar als talentiertester seiner Sippe, aber Mitte der Siebzigerjahre eben auch als Ex-Wunderkind und Auslaufmodell.

Walter Yetnikoff, Ex-Chef der Plattenfirma CBS, erinnert sich in Spike Lees Film "Michael Jackson's Journey from Motown to Off The Wall", dass er Jackson damals für einen hoffnungslosen Fall hielt: "Er schien nach Motown keine große Zukunft zu haben. The Jackson 5 waren im Fernsehen nur noch als Comicfiguren zu sehen und Michael Jackson hatte ein Soloalbum mit Liedern für eine Filmratte gemacht. Na ja."

Diesen aufwendigen Dokumentarfilm, der einer Neuauflage von "Off The Wall" beigepackt wurde, gäbe es wohl kaum, wenn sich Yetnikoff, der auch einiges für Bruce Springsteen, Billy Joel und Earth Wind & Fire tat, letztlich nicht doch auf seinen Instinkt verlassen und Michael Jackson trotzdem einen Vertrag angeboten hätte.

Züchtigungen und Hänseleien

Spike Lees "Off The Wall"-Film ist voller Zeitzeugen, Familienmitglieder, Kollegen, Mitarbeiter und Verehrer, die sich an eine der größten Wiederauferstehungen der Popgeschichte erinnern. Die Palette reicht von Jacksons Eltern und Brüdern über Mark Ronson, Pharrell Williams, Stevie Wonder und Quincy Jones bis hin zu Kobe Bryant.

Die Songwriterin und Musikerin Valerie Simpson erinnert sich zum Beispiel daran, wie viele Fragen Michael Jackson bereits als Kinderstar zu Motown-Zeiten stellte. Stets wollte er genau verstehen, wie die Dinge laufen. Wie ein Song funktioniert, was eine gute Performance ausmacht.

Spike Lees Film übergeht die Härten, denen der heranwachsende Jackson im Familienunternehmen ausgesetzt war: Die Züchtigungen durch den Vater, das Wegschauen der Mutter, die Hänseleien durch die Brüder. Vermutlich fehlen im Film deshalb auch die Jackson-Schwestern Janet und La Toya, die ihre Familie oft dafür kritisiert haben. Andererseits ist Lees Film gerade deshalb gelungen, weil er die privaten Dramen, den Klatsch und den Tratsch beiseite lässt.

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Hinter dem ganzen Zirkus um die mediale Figur Michael Jackson verschwand der Musiker Michael Jackson zuletzt völlig. Ein Jammer, denn als Musiker war Jackson überragend begabt, was Spike Lee noch einmal deutlich herausarbeitet.

Ende der Siebziger schrieb Michael Jackson seinen Brüdern einen Brief. Da stand, dass er nun den Kinderstar hinter sich lassen würde, um sich in eine "total andere Person" zu verwandeln. "Ich möchte nicht mehr als Kind gesehen werden. Ich werde ein neuer großer Schauspieler und Sänger sein. Ich werde keine Interviews mehr geben, und es wird magisch sein."

Das ihm das tatsächlich gelang, verdankte er einem Mix aus Talent und Arbeit. Der Sportstar Kobe Bryant erinnert sich, dass ihm Jackson mal erzählte, dass er tanzen geübt habe bis er seine Beine nicht mehr spürte. Eine Kulturwissenschaftlerin weist im Film noch darauf hin, dass farbige Künstler wie Miles Davis, Jean-Michel Basquiat und eben Michael Jackson sich von weißen Kritikern immer wieder anhören mussten, dass ihnen ihr "Talent ja ohnehin im Blut läge" - was natürlich himmelschreiender Unsinn ist und die harte Arbeit hinter diesen Karrieren ignoriert.

Ein Grammy in der Werbepause

Neben Talent und Arbeit hilft natürlich auch etwas Glück bei einer großen Karriere. Dieses Glück hatte Michael Jackson, als er bei den Dreharbeiten zu dem Musical "The Wizard of Oz" Quincy Jones kennenlernte. Jackson buchte Jones als Produzenten für "Off the Wall". Und das gegen den Willen seiner Plattenfirma, die Jones als "zu jazzig" abtat.

Wer allerdings daran zweifelt, dass vor allen anderen Michael Jackson für die Musik verantwortlich war, sollte sich die Demoaufnahmen von Songs wie "Don't Stop 'Til You Get Enough" anhören, die er Quincy Jones präsentierte - und die bereits nahezu perfekt klangen. Ein Geniestreich des Duos Jackson-Jones ist auch, dass "Off the Wall", das zu Zeiten der globalen Disko-Sause produziert wurde, heute noch frisch klingt.

Mehr als zwanzig Millionen Mal wurde "Off the Wall" dann verkauft. Die Platte wird bis heute in diversen "Beste-Platten-aller-Zeiten"-Listen geführt. Sie etablierte Michael Jackson in der Champions League der Branche.

Den Grammy für die beste männliche R&B-Performance bekam Jackson dann allerdings während einer TV-Werbepause verliehen, was mal wieder eine Demütigung des weißen Pop-Establishments war. Seiner Mutter sagte der verletzte Jackson damals, dass sein nächstes Album so gigantisch werden würde, dass die Weißen ihn nicht mehr ignorieren könnten. Er übertrieb nicht. Dann kam "Thriller".

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insgesamt 4 Beiträge
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Real_Deal 26.02.2016
1. Toller Film
Ich war bei der Kinopremiere im Cinemaxx. Ein toller Film über die Entstehungsgeschichte des King of Pop. Wie er vom Kinderstar zum jungen Pop Megastar avancierte. Der größte Künstler der letzen hundert Jahre :)
Bueckstueck 26.02.2016
2. Der Grösste und der tragischste
Er war und ist der Grösste des Pop - da kommt bis heute niemand ran. Umso tragischer ist, wie ihm sein Leben entglitten ist und er es am Ende deswegen viel zu früh verloren hat. Das ist wohl das Schicksal von so manchem aussergewöhnlichen Menschen... Da hätte noch viel mehr grossartiges von Michael Jackson kommen können. Was für ein Verlust.
crewmitglied27 27.02.2016
3. Das in dem Film
...der "private Klatsch und Tratsch" ausgespart wurde, zeigt, das er nur die halbe Wahrheit ist. Denn genau dieser Teil würde den Grund für die tragisch verformte Persönlichkeit Jacksons erklären. Ein armer Mensch, getrieben von seinem durch die Erziehung deformierten Ego. Ein großer Künstler mit verbissenem Willen zum Erfolg.
alexhent 27.02.2016
4. Ich erinnere mich noch heute
an den Tag, als ich im Radio von seinem Tod erfuhr.... traurig traurig.... Hätte noch so gerne sein Musical gesehen...
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