Dokumentarfilm über Whitney Houston "Sie war bisexuell"

Um den frühen Tod des Popstars Whitney Houston ranken sich bis heute Gerüchte. Jetzt enthüllt ein Dokumentarfilm die privaten Hintergründe ihres Absturzes in Einsamkeit und Drogen - und ihre Liebe zu einer Frau.

AP

Von , New York


Auch in Wien gibt sie alles. "I Will Always Love You", Whitney Houstons größter Hit, begeistert die Fans in der Stadthalle. Anschließend verschwindet Houston zu einer Pause hinter der Bühne. Schweißnass sinkt sie auf einen Stuhl, Tränen strömen ihr übers Gesicht, so sehr hat sich verausgabt.

Minutenlang heult sie. Schließlich schneuzt sie sich die Nase, setzt ihr berühmtes Lächeln auf - und tritt zum nächsten Song zurück ins Licht. The show must go on.

Die nie zuvor gezeigte Backstage-Szene findet sich am Ende von "Whitney: Can I Be Me", einem Dokumentarfilm, der jetzt beim New Yorker Tribeca Film Festival Premiere hatte. Mit einem Camcorder während Houstons letzter Welttournee 1999 festgehalten, offenbart der Moment ihre ganze Fragilität.

Es war das Jahr, in dem ihr langer privater Absturz immer mehr an die Öffentlichkeit dringen würde, bevor er 2012 in ihren tragischen Tod mündete.

Mit ihrer beispiellosen Stimme war Houston einer der bekanntesten Popstars der Welt. Ihr Talent wurde zuletzt überschattet von privaten Turbulenzen. Was sich dabei wirklich hinter den Kulissen abspielte, wenn sie mit sich und ihren Dämonen allein war, enthüllt "Whitney: Can I Be Me" zum ersten Mal. Am 8. Juni kommt er auch in die deutschen Kinos.

Filmemacher Nick Broomfield und der österreichische Musikvideo-Regisseur Rudi Dolezal porträtieren Houston als Opfer einer unbarmherzigen Branche - und einer Gesellschaft, deren Klippen auch eine Ikone wie sie am Ende nicht umschiffen konnte: Reichtum, Armut, Liebe, Hass, Einsamkeit, Rassismus - und Homophobie.

Ihre Stimme beglückte Millionen - während sie selbst immer tiefer im Unglück versank. Broomfield und Dolezal nähern sich dabei einer Wahrheit, die so deutlich noch nie ausgesprochen wurde. Denn nicht nur ihre von Drogen und Alkohol geprägte Ehe mit R&B-Sänger Bobby Brown wurde ihr demnach zum Verhängnis - sondern die Liebe zu ihrer besten Freundin Robyn Crawford, die der erzwungenen Selbstverleugnung nicht standhielt.

"Ich glaube nicht, dass sie lesbisch war, aber ich glaube, sie war bisexuell", sagt Houstons langjährige Stylistin Ellin Lavar in "Whitney". Niemand habe ihr näher gestanden als Crawford, ihre Kindheitsfreundin, Assistentin, Kreativdirektorin. "Robyn und Whitney waren wie Zwillinge", sagt Kevin Ammons, damals einer ihrer Leibwächter. "Sie waren unzertrennlich."

"Sie war die einzige Person, die Whitney völlig verstand", berichtet Dolezal am Rande der Filmpremiere. Bis Crawford ihren Kreis verließ - vermutlich nicht freiwillig. Homosexualität sei tabu gewesen, sagt eine ihrer Background-Sängerinnen in "Whitney". "Schwarze Männer, ja. Schwarze Frauen - nein."

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Der letzte Film: Whitney Houstons allerletzter Auftritt

Wie brisant dieses Thema immer noch ist, zeigt sich auch daran, dass Houstons Familie den Film beinahe verhindert hätte. Die Premiere hätten sie fast absagen müssen, erzählt Broomfield und windet sich: "juristischer Kram." Um Houstons Heiligenschein wird weiter gekämpft.

Diesen Heiligenschein schuf Produzent Clive Davis, der sie 1983 entdeckte: Er sah sie als Crossover-Star, den er dem weißen Publikum verkaufen konnte. Wie sehr die 19-Jährige, die aus einer Gospelkirche kam, dafür ihre Seele verraten musste, gesteht Ken Reynolds, Ex-Publizist des Davis-Labels Arista: Man habe "keinen weiblichen James Brown" gewollt.

Die R&B-Musikszene nahm ihr das übel. Schon 1989 wurde sie bei den Soul Train Awards als - wie sie selbst sagte - "nicht schwarz genug" ausgebuht. In jener Nacht lernte sie Brown kennen, den Bad Boy der Szene. Es war ein Schlüsselmoment ihres Lebens: Was sie professionell nicht durfte, lebte sie fortan hinter verschlossenen Türen aus.

Erst 2002 löste sie sich von ihrem Mentor Davis, der seinerseits bei Arista in Ungnade gefallen war. Doch ihre Lebenswege blieben bis zuletzt verbunden: Houston starb kurz vor einem Konzert zu Davis' Ehren - im selben Hotel.

Dolezal interviewte Davis sechseinhalb Stunden lang, doch nichts davon landete im Film. Kaum Zufall: Davis ließ sich gerade seinerseits mit einer unkritischen Dokumentation feiern, die das Tribeca Film Festival eröffnete, samt Konzert in der Radio City Music Hall, bei dem Houston-Weggefährten wie Aretha Franklin und Dionne Warwick - ihre Cousine - Loblieder auf ihn sangen.

Die Ironie: 2013 outete sich Davis selbst als bisexuell. Für Houston war das nie denkbar. Bis zuletzt hätten sie alle ausgenutzt, erinnert sich Stylistin Lavar - mit unvermeidlichem Ende: "Sie starb an gebrochenem Herzen."



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ronald1952 01.05.2017
1. Nun, derartige Konventionen
haben schon manchen in die Verzweiflung oft sogar in den Selbsmord getrieben. Dabei seien wir doch mal Ehrlich ,wen intressiert es eigendlich so sehr wen wir Lieben. Liebe egal welchen Geschlechtes hat noch keinen Umgebracht, aber der Hass von anderen schon. Soll doch jeder vor seiner eigenen Türe kehren, da hat man doch genug zu tun. Wir Mneschen tun immer so Moralisch und Anständig, aber das sind wir nicht. Viel zu schnell verschwinden Moral, Ethik und Anstand im Keller des Vergessens wenn es uns nötig erschein und hinterher waren es sowieso immer die anderen, denn wir sind doch alle ach so Tolereant,Gelle? schönen Tag noch,
KlausKreuter 01.05.2017
2. WHITNEY - eine Tragödie
Warum diese einmalige Sängerin keine Hilfe bekam ist die wirkliche Tragödie. Sich zu outen wäre doch wirklich das Beste gewesen und vielleicht wäre sie noch immer da. Schade.
nönönönö 01.05.2017
3.
Outen kann man sich nur denen gegenüber, denen es sowieso egal ist, ob man eine und ggfls. welche, sexuelle Orientierung man hat. Denen gegenüber, für die nur der Mensch, so wie er ist, zählt. Die anderen haben leider immernoch die Angewohnheit, alle und jede und jeden, die nicht in ihr (pseudo)moralisches Weltbild passen, zu verachten und notfalls (zumindest seelisch und menschlich) zu vernichten. Auch wenn wir heute (vermeintlich) in einer offenen und toleranten Welt leben, die Masse ist (zumindest in dieser Hinsicht) nachwievor noch garnicht so weit vom Mittelalter entfernt. Die Zahl derer, die Homophopie predigen, ist weltweit immernoch sehr, sehr groß. Auch heute gibt es noch Staaten, die neue Gesetze erlassen, die nicht heterosexuelle Veranlagungen unter Strafe stellen.
brotherandrew 01.05.2017
4. Mir ...
.... scheint es schon weit hergeholt zu sein, Das Schicksal dieser Frau mit ihrer angeblichen Bisexualität in Verbindung zu bringen. Man kann eine/n sehr gute/n Freund/in haben, ohne deswegen eine sexuelle Beziehung zu ihr/ihm zu führen. Hier wird ja auch die äußerst problematische Ehe mit Bobby Brown ausgeblendet, in der sie drogenabhängig wurde. Dass Whitney Houston ausgenutzt wurde, halte ich schon für möglich. Warum sie letztlich am Leben scheiterte, läßt sich aus dieser Entfernung zu Ihrem Leben aber nun wirklich nicht beurteilen.
Knippi2006 01.05.2017
5. Solange es noch für notwendig erachtet wird
Informationen über die sexuelle Orientierung oder die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, gleich welcher Art, in Medien zu erwähnen, haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Erst wenn dies eine so nebensächliche Information ist, dass niemand sie mehr erwähnenswert findet, dürfte diese Welt besseren Zeiten entgegensehen.
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