Neuer "Don Giovanni" Schöner Schürzenjäger

So klappt's auch mit der Höllenfahrt! Wie keine zweite Oper fordert Mozarts "Don Giovanni" die Interpreten - auf der Bühne und im Studio. Eine neue Aufnahme gehört zu den besseren Versuchen. Ihr Geheimnis: Ideen, Teamgeist und Stars unter einem Hut.

Von

Deutsche Grammophon

Wahrscheinlich wäre John Malkovich der beste Bühnen-Don-Giovanni. Wie er 2011 in seiner Theaterproduktion "The Giacomo Variations" den Herzensbrecher Casanova gab und dabei Arien aus dem "Don Giovanni" interpretierte, das war voll abgründiger Grazie. Ganz am Ende, als verzitternden Soundtrack seines Lebens, sang er die Canzonetta "Deh, vieni alla finestra" mit solch brüchiger Melancholie, dass es einen schauderte. Da war einer schon längst in seiner persönliche Hölle angelangt, wo es leise und unerbittlich zu Ende geht. Casanovas Grabgesang - trauriger klang dies kleine Lied nie.

Aber anders geht's natürlich auch: Ildebrando D'Arcangelo, derzeit einer der besten Mozart-Sänger weltweit, empfiehlt sich gemeinsam mit einem Allstar-Ensemble als neuer "Don Giovanni"-Champion, und die entsprechende CD-Version von Mozarts Über-Oper kann mit ihm im Zentrum punkten. Die konzertante Aufführung von 2011 in Baden-Baden lieferte die ideale Basis für eine CD-Veröffentlichung, verbindet sie doch die Lebendigkeit eines Konzertes mit konzentrierter Interpretation. Und die Studiokosten, die normalerweise bei einer solchen Produktion anfallen, hielten sich für das assoziierte Tonträgerunternehmen in Grenzen. Gute Voraussetzungen also.

Ensemble-Klang mit Finesse und Fülle

Noch besser liest sich die Besetzungsliste dieser Veranstaltung, auf der neben D'Arcangelo auch Diana Damrau (Donna Anna), Joyce DiDonato (Donna Elvira), Mojca Erdmann (Zerlina) und der bestens erholte Rolando Villazón (Don Ottavio) stehen. Und auch der machtvolle Bariton Luca Pisaroni kann als Leporello seine Register ziehen - nicht nur in der gleichnamigen Arie. Fast artet hier die Beziehungskiste zwischen dem Diener und Buchhalter Leporello und seinem Chef Giovanni in ein stimmliches Duell aus, aber unter Kerlen - und seien sie auch noch so eitel - siegt die Kumpanei. Zumindest in Baden-Baden.

Wundersamerweise fetzt sich das renommierte Ensemble nicht effekthascherisch durch die Partitur, sondern praktiziert über den gesamten "Giovanni"-Parcours nahezu perfektes Teamwork. Das mannschaftsdienliche Spiel geht zu einem großen Teil auch auf das Konto des Dirigenten Yannick Nézet-Séguin, der in wenigen Jahren vom Newcomer zu einem Pultstar geworden ist. Das Mahler Chamber Orchestra (eine weitere kluge Wahl) leitet er mit akribischer Dezenz, sicherer Führung und straffen Zügeln: Ensemble-Klang mit Fülle, doch ohne Ausbrüche, die Harmonie im heiklen Klanggefüge der Oper geht vor. Ein Weg des "Giovanni"-erfahrenen Orchesters, dem die Startruppe gern folgt.

Mehr als nur ein Mozart-Spezialist

Rolando Villazón scheint kurz davor zu sein, seine einstige Brillanz wieder zu gewinnen - sein etwas fragiler Don Ottavio berührt mit verträumter Zärtlichkeit. Das Sentiment in der Stimme wiegt schwerer als der Eindruck, dass Villazón etwas am Limit agiert. Sein Charme siegt, aber mit Diana Damrau steht ihm auch eine superbe Donna Anna zur Seite.

Primus inter Pares ist der 1969 im italienischen Pescara geborene Ildebrando D'Arcangelo, der als Sänger wie als Darsteller einen tiefdunklen Don Giovanni hinlegt. Seit seinem Bühnendebüt 1989 ("Così fan tutte") hat er sich das Mozart-Repertoire ebenso wie die Top-Bühnen erarbeitet. Neben reichlich Figaro und Giovanni auch etwas Bizet ("Carmen"), Donizetti ("Anna Bolena") und Rossini ("La Cenerentola", "Il turco in Italia", "Stabat Mater"): ein Mann, der weiß, was er kann und muss. Und ein Don Giovanni, dem man die Lasterhaftigkeit gerne abnimmt. Sogar in der kleinen, flehenden Canzonetta "Deh, vieni alla finestra", wo D'Arcangelo das Kunststück gelingt, bei allem Machismo verletzlich zu erscheinen. Ein Angebot, das man kaum ablehnen kann. Sorry, John Malkovich.

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