"Don Giovanni"-DVD: Der Macho fährt zur Hölle

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"Don Giovanni" auf DVD: Ab in die Gesellschaftshölle! Fotos
Pascal Victor/ ArtComArt

Verstoßen in die Isolation, verdammt dazu, missachtet zu werden - Mozarts "Don Giovanni" erfuhr in Aix-en-Provence eine wunderbare Runderneuerung. Jetzt gibt es diese Macho-Apokalypse endlich auch auf DVD.

Braucht die Welt einen neuen "Don Giovanni" auf DVD? Ja! Wer so blendend unterhält wie der Regisseur Dmitri Tcherniakov 2010 in Aix-en-Provence, der verdient Aufmerksamkeit. Den diabolischen Verführer ließ der russische Opernroutinier im Fundus, er brachte einen alternden Hochleistungssportler mit Formproblemen auf die Bühne. Dabei konnte er sich voll auf seinen Hauptdarsteller verlassen: Der dänische Bariton Bo Skovhus stürzte sich in die Rolle, und er riss mit seiner Ausdruckskraft das Ensemble mit. Aus Mozarts Groß-Oper wurde ein Kabinettstück an Charme, burleskem Witz und bitterer Erkenntnis.

Wie eine Mischung aus TV-"Bachelor" und "Letztem Bullen" wirkte Skovhus in der Rolle: ein zerknautschter Macho mit zerzauster Frisur, natürlich unrasiert, ein Auslaufmodell männlicher Herrschaft. Dazu überführte der Regisseur das Personal in ein familiäres und häusliches Beziehungsgeflecht, was nicht ganz Lorenzo da Pontes Libretto gehorchte, aber den gesellschaftlichen Aspekt der modernisierten Handlung betonte.

Sex und Gewalt der Society-Zicke

Tcherniakov besetzte jede Rolle vor allem auch schauspielerisch exquisit - vorteilhaft für eine DVD-Version, die der Inszenierung visuell dicht auf den Pelz rückt. Kristine Opolais als gepeinigte Geliebte Donna Elvira zieht alle Register, von Schmerz und Wut über Verachtung und Trauer. Sie bildet mit ihrem warmen, gefühlvollen Sopran den perfekten Gegensatz zur Society-Zicke Donna Anna: Sex und Gewalt in fataler Verbindung, überzeugend präsentiert von Marlis Petersen.

Das erste Wiedersehen zwischen Giovanni und seiner Ex/Elvira, das Spiel zwischen Widerwillen und Anziehung zwischen den beiden, die eigentlich gut zueinander passen: Das gehört gleich im ersten Akt zu den großen Momenten dieser Inszenierung.

Den wichtigen Widerpart Don Giovannis, den Diener Leporello (bei Tcherniakov ein im Haus lebender Verwandter), übernimmt der US-amerikanische Co-Bariton Kyle Ketelsen. Auch hier eine sehr dramatische, theaterwürdige Durchzeichnung der Figur, die mit der stimmlichen Kraft Ketelsens korrespondiert. Dieser Leporello ist von seinem Chef, den er früher mal bewundert hat, enttäuscht und mutiert zum coolen Pragmatiker.

Der getötete Komtur (machtvoll: Anatoli Kotscherga) mag ein Reeder, Industrieller, Bankier sein, auf jeden Fall ein Vertreter der herrschenden Klasse, die für zerzauste Ego-Rebellen wie Don Giovanni weder Verständnis noch Platz hat. Die Gesellschaft - auch die zu Aufsteigern getunten Masetto (David Bizic) und Zerlina (Kerstin Avemo) - verstößt Giovanni kategorisch. Klammheimliche Bewunderung gibt es hier nicht mehr.

Die abschließende Höllenfahrt für den Charmebolzen stellt sich als gesellschaftliche Ächtung zur Dinnerzeit dar: Am Boden liegt zum bösen Schluss der Bengel, er bleibt allein zurück, ohne Glanz. Verstoßen in die schlimmste Hölle, die Isolation.


Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni mit Bo Skovhus, Marlis Petersen, Kristine Opolais, Kyle Ketelsen u.a.; Louis Langrée, Ltg. mit dem Freiburger Barockorchester; BelAir classiques; 2DVDs, 39,99 Euro.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Runderneuerung
Grafsteiner 27.07.2013
Runderneuerte Reifen werden nie besser als das Original. Oft fliegen sie einen sogar um die Ohren, wenn man sie zu stark abnützt. Mozarts "Karkasse" hingegen wird trotz allen Schnickschnacks noch Jahrhunderte überdauern. Auch von schrillen und spektakelnden Regisseuren nicht kaputtzukriegen. Was ist das für eine Hybris zu glauben, man könne Mozart verbessern? Wagner kann man verbessern, der ist eine grosse Baustelle mit einigen fertigen Pfeilern. Aber Mozart und Beethoven, die sind doch aus einem Guss. "Als nächste mache ich aus der Missa Solemnis ein flottes Schlagerpotpourri und aus dem Requiem ´ne Wassermusik für´s Badezimmer." Kulturbanausen haben keine Leibe zur grossen Kunst, sondern nur ein Blick für´s Portemonnaie.
2. Mozarts / Da Pontes Stärken
pklauss 27.07.2013
Ich kenne auch kaputtinszenierte Mozart-Opern. Allerdings halte ich es gerade für eine Stärke der Mozart bzw. Da Ponte Themen, dass man sie vor dem aktuellen Moralhintergrund neu interpretieren *kann*. Es sind eben die allgemeingültigen Höhen und Tiefen der menschlichen Seele, die die Jahrhunderte überdauern. Vor Monolithen wie Wagner schaudert mir.
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