Zum Tode Donald Byrds: Der Funk-Brother

Von Ralf Dombrowski

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Corbis

Jazz-Legende Byrd: "Immer nach vorne denken"

Er prägte die Hardbop-Ära, wurde von HipHoppern gefeiert und galt als großer Lehrmeister: Donald Byrd war in allen Phasen der schwarzen Musik präsent. Jetzt wurde der Tod des Star-Trompeters bestätigt, nachdem es zunächst keine offizielle Meldung dazu gab. Er wurde 80 Jahre alt.

Im Dezember 1961 stellte sich Donald Byrd für seine Aufnahme "Free Form" eine extrem junge Band zusammen, in der auch ein Greenhorn namens Herbie Hancock spielte. Selbst gerade auf dem Sprung zur Solokarriere, fand der Pianist für seinen Bandleader nur lobende Worte: "Donald lässt sich am besten durch sein Bedürfnis charakterisieren, immer nach vorne zu denken. Man merkt das zum Beispiel an seinen Platten. Mit jeder geht er ein Stück weiter. Sein Verstand ist zu schnell und seine Neugier zu groß, um an einem Groove hängen zu bleiben."

Tatsächlich wurde "Free Form" ein Album, das auf der einen Seite mit der neu ausgerufenen Freiheit der Improvisation experimentierte, dabei aber die Wurzeln der eigenen Funkyness nicht verleugnete. Typisch für Donald Byrd, typisch auch für Blue-Note-Künstler der frühen Sechziger, zu deren Stars der Trompeter gehörte.

Denn zu dieser Zeit hatte Byrd bereits eine beachtliche Karriere hinter sich. Als Sohn eines methodistischen Priesters aus Detroit war er in Kindertagen viel mit klassischer Musik in Berührung gekommen. Die Begeisterung war geweckt, der Junge entschloss sich zu einem Trompetenstudium, obwohl er eigentlich wie sein Onkel Calvin Taylor Schlagzeuger hatte werden wollen. Byrd ließ sich an der Wayne State University und der Manhattan School of Music unterrichten, unterbrochen durch den Militärdienst bei der Air Force, wo er allerdings auch in Big Bands mitwirkte. Dabei orientierte er sich zunächst an deutlich älteren Kollegen wie Kenny Johnson oder Robert Barnes, die ihn für ihre Gruppen engagierten und von denen er seine melodiöse Art der Phrasierung abschaute.

New York als Inspiration

Nach dem Ende seiner Militärzeit 1953 ging Donald Byrd nach New York. Die quirlige Stadt mit den sich ständig ändernden Musikerkonstellationen erwies sich für ihn als optimales Soziotop. Eine Zeitlang traf man den Newcomer auf jeder wichtigen Session und bald hatte er auch mit den Stars des verglühenden Bebops wie Charlie Parker, Kenny Clarke oder Oscar Pettiford gespielt. So wagte Byrd sich 1955 zusammen mit dem Saxofonisten Yusef Lateef an sein erstes Album "First Flight", woraufhin sich seine Karriere spürbar beschleunigte.

Als Kenny Dorham im Dezember des Jahres bei den Jazz Messengers ausstieg, engagierte Art Blakey ihn für die angesagte Gruppe. Bald darauf beerbte er sein Idol Clifford Brown in der Band von Max Roach - alles Engagements, die seinen Ruf stärkten, einer der amtlichen Trompeter des jungen Jazz zu sein.

Allein während der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre wirkte Donald Byrd auf mehr als 60 Alben mit. Er tourte durch Europa, blieb mehrere Monate in Paris und begann, sich auch mit anderen Musiken zu beschäftigen. Denn nach dem ersten vereinnahmenden Hoch des Erfolgs setzte seine Neugier wieder ein. Byrd studierte erneut, vertiefte sich in Musiktheorie, nahm 1963 sogar Unterricht bei der großen Pädagogin Nadia Boulanger.

Neben dem Spielen und Komponieren fand er Freude am Unterrichten, so sehr, dass er drei Jahre später im Fach Musikpädagogik promovierte und an der Music & Arts High School in New York unterrichtete. Seine Neugier für die Wurzeln der afroamerikanischen Klangtraditionen führte ihn weiter in die Arme der Wissenschaft. Von 1968 an betreute Donald Byrd sieben Jahre lang den Fachbereich "Schwarze Musik" an der Howard University in Washington.

Liebling der Hipster

Seine Studien sorgten allerdings auch dafür, dass er weniger als früher auf der Bühne stand und junge Kollegen wie Freddie Hubbard in seine Fußstapfen traten. Erste Versuche im elektrischen Setting erlangten nicht die Aufmerksamkeit, die Miles Davis zuteilwurde. Andere Experimente brachten ihn im Anschluss an seine Studien mit der Musik Brasiliens und Afrikas zusammen, ebenfalls mit wenig Resonanz in der Szene. Erst mit dem Tribute an seinen Kollegen Lee Morgan "Black Byrd" meldete er sich 1973 erfolgreich zurück. Einem Album, dessen Funkyness beim Publikum gut ankam, den Normenwärtern des Jazz aber schauderte.

Wenn er so weiter gemacht hätte wie in den fünfziger und sechziger Jahren, meinte Donald Byrd später in einem Interview, dann wäre er verhungert - also veröffentlichte er ein halbes Dutzend Aufnahmen, die von den Puristen missachtet wurden, letztlich aber den Grundstein zu seiner dritten Karriere legten.

Denn als die HipHop- und Dancefloor-Hipster der neunziger Jahre nach Musik Ausschau hielten, die ihren Rhythmen das besondere Flair der Coolness verleihen könnten, stießen sie eben auf diese Alben. Deren funky Sounds und elegante Linien tauchten nun bei Jazzmatazz auf, der Crossover-Combo des Rappers Guru. Mit einem Mal wurde Byrd gebeten, bei Konzerten und im Studio mitzumischen. Er wurde gesampelt, war in Liedern von Szene-Helden wie Gang Starr, Ice Cube, Nas oder J Dilla zu hören, dabei hatte er selbst sich während der vorangegangenen Jahre wieder dem modernen Mainstream angenähert. Trotzdem war es eine Genugtuung, nach all der Kritik, die seine Fusion- und Funk-Alben hatten einstecken müssen, jungen Leuten dabei zusehen zu können, wie sie zu Sounds tanzten, die er geprägt hatte.

So hat Donald Byrd viele Spuren hinterlassen. Für die einen war er aufgrund seiner wunderbar geschmeidigen Linienführung der legitime Nachfolger von Clifford Brown, auch ein Bindeglied zwischen dem unterkühlten Miles Davis und dem explosiven Freddie Hubbard. Für die anderen gilt er als einer der Ahnherren des Rare Groove und der Funkyness, die die goldene Ära von Soul und Rhythm and Blues in den siebziger Jahren bestimmte. Für viele aber war er auch der Wissenschaftler und Pädagoge, der die nächsten Generationen an seiner Begeisterung für Musik und seinem umfassenden ethnologischen Wissen teilhaben ließ.

Donald Byrd starb am 4. Februar in Delaware, wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag.


Anmerkung der Redaktion: Der Neffe von Donald Byrd, der Pianist Alex Bugnon, hatte den Tod seines Onkels bereits am 7. Februar über seine Facebook-Seite publik gemacht - offenbar gegen den Wunsch von Byrds Familie. Da dies lange Zeit die einzige Quelle war, wartete SPIEGEL ONLINE - wie einige internationale Medien auch, etwa die "New York Times" - mit der Todesmeldung bis zu einer Bestätigung der Nachricht, die nun über das Beerdigungsinstitut Hayley Funeral Directors gekommen ist.

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1. Thank You..For F.U.M.L. (Funking Up My Life)
cassandros 12.02.2013
Zitat von sysopEr prägte die Hardbop-Ära, brachte den Groove in den Jazz, wurde von HipHoppern gefeiert und galt zuletzt als großer Lehrmeister: Donald Byrd war in allen Phasen der schwarzen Musik präsent. Nach ersten Internet-Meldungen wurde jetzt der Tod des Star-Trompeters bestätigt. Er wurde 80 Jahre alt. Donald Byrd ist tot: Nachruf auf den Jazztrompeter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/donald-byrd-ist-tot-nachruf-auf-den-jazztrompeter-a-882366.html)
Das ist eine trübe Nachricht. Er war gut!
2.
HarrySe 12.02.2013
Er ist schon am 4.Februar gestorben und jetzt berichtet der Spiegel erst.
3. Das haben Sie schön geschrieben, Herr Dombrowski!
tsitsinotis 12.02.2013
Ja, die goldenen Siebziger mit Soul und Rhythm&Blues - sie sollten heute und für immer präsenter sein. Leider wird das Gedudel immer kälter.
4. Die (Selbst-)Zerstörung des Jazz in Richtung Disco-Funk
criticos 12.02.2013
kann man an Byrds Entwicklung gut nachvollziehen. Auch in den 60er Jahren spielte er hart an der Grenze zu Easy Listening, die er nicht selten überschritt. Ein Vergleich mit Miles Davis Übergang zum electric jazz macht wenig Sinn, zu banal, was "Electric Byrd" von 1970 bietet. Seine Nummer "Sudwest Funk" von 1958 bringt es ganz gut auf den Nenner: Jazz im Radio-Format.
5. Musik
jagenauundso 12.02.2013
Zitat von criticoskann man an Byrds Entwicklung gut nachvollziehen. Auch in den 60er Jahren spielte er hart an der Grenze zu Easy Listening, die er nicht selten überschritt. Ein Vergleich mit Miles Davis Übergang zum electric jazz macht wenig Sinn, zu banal, was "Electric Byrd" von 1970 bietet. Seine Nummer "Sudwest Funk" von 1958 bringt es ganz gut auf den Nenner: Jazz im Radio-Format.
Musik ist Genuss und keine wissenschaftliche Abhandlung über vierfach verminderte c²³ subabdominal dorische Tertiärskalen in 17/93 Takten. Wenn Easy Listening gefällt, ist es gut, wenn radioformartierter Jazz gefällt, ist es gut, wenn minimalistsches Electronicgepiepse gefällt, ist es gut, wenn es nur noch um wirres theoretisches Kopf"geficke" geht, hat es nichts mehr mit Musik zu tun und ist eben nicht mehr gut, selbst wenn es technisch über jeden Zweifel erhaben ist. Musiker wissen das, verkopfte Jazzfanatiker eher nicht so. Donald war gut. Eben weil er nicht verkopft war in seiner Musik.
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