Protestsongs Melodien gegen Trump

"We Don't Want Your Tiny Hands Anywhere Near Our Underpants" - diesen Slogan hat die Sängerin Fiona Apple extra für den "Women's March" in Washington gedichtet. Beginnt eine neue Protestsong-Ära?

Sängerin Fiona Apple
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Sängerin Fiona Apple


2011 veröffentlichte der britische Musikjournalist Dorian Lynskey ein Buch über Protestsongs. Im Nachwort zu "33 Revolutions per Minute" schrieb Lynskey: "Ich wollte die Geschichte einer lebendigen Musikform schreiben, doch am Ende frage ich, ob ich nicht stattdessen eine Grabrede verfasst habe."

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Heft 4/2017
Die neue Weltordnung

Doch mit dem Präsidenten Trump wird vieles anders - und so könnte auch das Genre des Protestsongs von Neuem erblühen. Erste Anzeichen dafür ergaben sich schon in den Tagen vor der Amtseinführung von Donald Trump. Hier eine kleine Übersicht:

Arcade Fire feat. Mavis Staples: "I Give You Power"

Im Wechselgesang mit der R&B-Sängerin Mavis Staples erinnert Arcade-Fire-Sänger möglicherweise daran, dass alle Macht vom Volke ausgeht - und auch wieder entzogen werden kann: "I give you power / I can take it away". Der Song mit dem sehr reduzierten elektronischen Beat ist der erste Vorbote des fünften Studioalbums der kanadischen Band, zuletzt war 2013 "Reflektor" erschienen. Textlich würde der Song also besser zu einem eventuellen Amtsenthebungsverfahren passen als zur Amtseinführung Trumps, an deren Vorabend er veröffentlicht wurde. In der Zwischenzeit sind aber die Einnahmen, die an die American Civil Liberties Union (ACLU) gehen sollen, bestimmt nützlich.

Gorillaz feat. Benjamin Clementine: "Hallelujah Money"

Noch länger war die Pause, aus der sich anlässlich von Donald Trumps Amtsantritt das Projekt Gorillaz zurückmeldet, hinter dem der Musiker Damon Albarn und der Comiczeichner Jamie Hewlett stecken: Zuletzt war 2010 neue Musik unter diesem Namen erschienen. Im Video zum Song "Hallelujah Money" führt eine Kamerafahrt durch einen gezeichneten Trump-Tower-Flur auf den britischen Soulsänger Benjamin Clementine, der einen Text voller Anspielungen auf die Wahlkampfthemen des neuen US-Präsidenten singt - die Mauer zu Mexiko, die Konkurrenz aus Fernost. Düster tönt der titelgebende Refrain "Hallelujah Money" - und treibt zum Ende des Videos sogar Spongebob Schwammkopf in die Flucht. "Einen Blitz der Wahrheit in der schwarzen Nacht", nennt die Gorilla Murdoc den Song selbst.

CocoRosie feat. Anohni: "Smoke 'em Out"

Die New Yorker Schwestern Bianca & Sierra Casady - zusammen nennen sie sich CocoRosie - und ihr Gast Anohni lassen in ihrem Song der Wut und Enttäuschung über das Wahlergebnis freien Lauf. Das ist in den Strophen eher assoziativ, im Refrain aber um so konkreter: Da soll das Haus niedergebrannt werden, jemand ausgeräuchert werden. Das Lied soll "den neuen Charakter, der das Weiße Haus besetzen wird" mit einem "Mob von Frauen und Kindern, bewaffnet mit Gabeln und Messern" begrüßen, schreiben CocoRosie im Kommentar zum Song bei YouTube.

Fiona Apple (mit Michael Whalen): "Tiny Hands"

Was ein solcher Mob singen könnte, darüber hat sich die US-Singer/Songwriterin Fiona Apple Gedanken gemacht: Sie hat einen Sprechchor erdacht für den "Women's March" in Washington: "We Don't Want Your Tiny Hands Anywhere Near Our Underpants" - wir wollen deine winzige Hände nicht in der Nähe unserer Unterwäsche - will sie dem neuen Präsidenten entgegensingen, der ja im Wahlkampf mit seinen angeblich winzigen Händen aufgezogen wurde - und dann mit "Pussy-Grabbing"-Sprüchen schockierte.

Joey Bada$$: "Land of the Free"

Natürlich gibt es auch in der Welt des Hip-Hop starke Meinungen zu Donald Trump - und die von Kanye West dürfte eher in der Minderheit sein. Der Rapper Joey Bada$$, der seinen Song über "das Land der Schmarotzer" zur Amtseinführung veröffentlichte, hat eine ganz konkrete Zeile dazu, dass er Donald Trump für nicht fähig für den Job hält. Barack Obama sei nicht genug gewesen, rappt Joey Bada$$, der 2015 für Aufsehen sorgte, weil Präsidententochter Malia eines seiner T-Shirt trug.

Moby & The Void Pacific Choir: "Erupt & Matter"

Angeblich soll ja der New Yorker Musiker Moby als DJ für eine Trump-Amtseinführungs-Party angefragt worden sein. Wie absurd eine solche Paarung gewesen wäre, zeigt dieses neue Video: Trump, Assad, Erdogan und andere rechte Politiker werden darin gezeigt zu geschimpften Zeilen wie "We don't trust you anymore". Auch musikalisch hat er sich weit vom Wohlfühltechno wegbewegt: Ein Electro-Punk-Sound treibt den Song voran.

Zur Country-lastigen Musikauswahl des neuen Präsidenten beim Konzert zur Amtseinführung hat derweil Helge Schneider auf Facebook einen Videokommentar abgegeben:

Die große Frage bei allen Protestsongs bleibt jedoch: Was können sie erreichen? Allzu große Illusionen sollte sich da niemand machen. Schon vor der Wahl gab es ein Projekt namens "30 Songs, 30 Days", bei dem angesehene Bands und Musiker, vornehmlich aus dem Indie-Bereich, Songs gegen Trump beisteuerten. Es kamen am Ende sogar 50 Songs zusammen - doch Trump wurde gewählt. Dennoch: Die Organisatoren machen unbeirrt weiter, mit ihrem neuen Projekt "Our First 100 Days" sammeln sie weiter Songs - und Geld für politische Initiativen.

feb

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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
tchantchès 21.01.2017
1. Es ist alles zu irgendwas gut
Immerhin wird die wunderbare Fiona Apple so einem etwas größeren Kreis bekannt.
ahartmann 21.01.2017
2. Musik
ist eben Geschmackssache. Um mich von den Schmerzen abzulenken die einem diese musikalischen "Darbietungen" hier zugefügt haben werde ich jetzt erstmal eine Platte von Toby Keith einlegen...
moe.dahool 21.01.2017
3. Lieber ahartmann
Wer legt denn heutzutage noch ein??
diestimmevomdach 21.01.2017
4. Protestsongs sind wichtig!
Ich glaube, dass Protestsongs nach wie vor von großer Bedeutung sind. Woody Guthrie und Bob Dylan haben es im New York der 60er-Jahre vorgemacht. In Deutschland hinken wir nach wie vor ein bisschen hinterher. Klar, gab's und gibt es eine große Liedermacherszene. Relevante Protestsongs aber sind aktuell Mangelware. Lieber - so scheint es - hören wir gefühlsduseligen und weichgespülten Pop, der uns beim Radiohören in den Pausen zwischen den Werbeblöcken das Hirn vernebelt. Neue Protestsongs, die sich mit Themen wie Kapitalismus, Digitalisierung, Globalisierung und Politikverdrossenheit auseinandersetzen, gibt es regelmäßig unter anderem auf dem YouTube-Kanal des Musikprojektes DIE STIMME VOM DACH zu hören.
steingärtner 21.01.2017
5.
Wie mir dieses "feat." irgendwer auf den Geist geht.
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