Doris Dörries "Don Giovanni" Das Ewig-Männliche zieht uns hinab

Wenn Doris Dörrie an der Hamburger Staatsoper Mozarts "Don Giovanni" inszeniert, dann wackelt die Bühne. Erschütternd waren allerdings nicht irgendwelche Provokationen, sondern die schlichten Regie-Ideen. Wackere Sänger konnten zum Glück Schlimmeres verhindern.

Bernd Uhlig

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Don Giovanni ist ein ganz schlimmer Finger. Er legt reihenweise die Damen flach, ermordet Menschen, verhöhnt die Braven, verhaut die Frechen, ist praktisch nicht resozialisierbar. Gut, dass er zur Hölle fährt. Nicht mal Mozarts überirdische Musik konnte ihn retten. Bestimmt wäre der Vater aller Verführer ein frommer Christ geworden, hätte er die schlimmste aller Martern gekannt: Doris Dörries Zugriff. An der Hamburger Staatsoper schickte ihn die mutige Regisseurin und Autorin ("Alles inklusive") jetzt gut gelaunt auf die Bretter und durch eine Inszenierung, die wenig Klischees, aber jede Menge Klasse vermissen ließ.

Es zeugt von mangelndem Respekt vor dem Zuschauer, wenn ihn die Regie mit aufdringlichen Redundanzen überfüttert, dass es fast peinlich berührt. Nichts bleibt der Phantasie überlassen, alles wird explizit gemacht, wenn es sein muss auch mehrfach. Natürlich ist Mozarts Don-Juan-Oper, wenn man so will, ein programmierter Totentanz. Dass dann tatsächlich der Tod, personifiziert durch den japanischen Butoh-Tänzer Tadashi Endo kontinuierlich durch die Aufbauten tanzt, kann nicht als Ironie durchgehen, spätestens beim dritten Auftritt wetzt sich der Witz ab. Auch wenn der dräuende Buhmann in transenhaftem Glitzerfummel und mit roséfarbenem Riesenhut daherkommt. Der Tod als Frau - ja, das hat was, schließlich wird hier ein Womanizer bestraft.

Natürlich ist das Phänomen Don Giovanni - oh, diese "Männer"! - zeitlos, also sehen wir den Lustlümmel über drei Epochen verteilt seinen giftigen Charme versprühen. Und in jeder begegnet er einer seiner Damen. Donna Anna bekam das Rokoko zugewiesen, Donna Elvira tritt als Reitpeitschen-bewehrte Früh-Suffragette auf, und die simpler gestrickte Zerlina darf die punkige Teen-Mom inmitten einer schrecklich poppigen Hochzeitsgesellschaft geben. Gipfel der intellektuellen Verwicklungen: Alle spielen ihre Zeit-Rollen durch bis zum Schluss, damit bloß niemand den Überblick verliert. Es wird dann sogar bildermächtig: Auch Niki de Saint-Phalles großbunte Spreiz-Nana kommt wieder zu Ehren: Genau zwischen ihren mächtigen Schenkeln feiert Don Giovanni sein Verführungsfest, und der Weg zum Schlafzimmer-Höhepunkt führt durch genau jene Stelle am weiblichen Körper, wo… Sie ahnen es und liegen richtig.

Kulissen direkt vom Smartphone

Das Bühnenbild von Bernd Lepel mutet über weite Strecken geradezu aufrührend zeitgenössisch an: Wie direkt von einer Smartphone-App heruntergeladen ziehen Wolken, zucken Kronleuchterbirnen und kopulieren Paare überlebensgroß, in der schütterer Bildqualität einer Nostalgiekamera, sehr trendy.

Als dann Don Giovanni zum finalen Festmahl mit dem rächenden Komtur Platz nimmt, sitzt er unter einem riesigen Knochenleuchter aus Schädeln und Gebeinen. Materialien, aus denen auch opulente Esstisch gezimmert ist. "Schädelstätte" - Golgatha? Der Herr der Eroberungen wird zwar nicht gekreuzigt, aber immerhin gerichtet, diese leichte Unschärfe lässt man der Regisseurin schon mal durchgehen. Dafür trat der Tod jetzt zusätzlich als Skelett-Kapelle auf, für alle Fälle.

Diese Liste der lauen Launigkeiten ließe sich noch viel weiter führen, doch wesentlich mehr Freude machten die Stimmen, die inmitten der Ideen-Ödnis ein wenig aufmunterten. Wolfgang Kochs Mittvierziger-Don Giovanni, mit Heavy-Metal-Langhaar optisch irgendwo zwischen David Lindley und Guildo Horn angesiedelt, schlug sich achtbar und lag nach Punkten gegen den vergleichsweise jugendlichen Leporello Wilhelm Schwinghammers vorn, beiden gelang in ihren großen Arien eine packende Bühnenpräsenz, die mittlere Stimmkraft und darstellerische Kompetenz erfreulich verbinden konnte.

Reichlich erotische Peitschenhiebe

Noch wunderbarer die Damen, speziell die Donnas. Die Anna (Elza van den Heever) glänzte mit subtil geführter Höhe und strahlender Kraft, dazu fein abgestimmtes Sentiment zwischen Wut und Enttäuschung - eine glänzende, erotische Ex-Geliebte. Die Elvira - Cristina Damian als Donna mit Peitsche - lieferte sich kraftvolle stimmliche Duelle mit Giovanni und Leporello, reichlich Rangeleien und Peitschenhiebe, auch hier die volle Erotik-Punktzahl. Schade, dass sie ihre rotflammende Haarpracht meist unter dem strengen Reithelm verbergen musste. Ähnlich höhensicher und koloraturfreudig der Don Ottavio von Dovlet Nurgeldiyev, der den meisten Schlussapplaus für seinen schön gestalteten Tenor einheimsen konnte.

Mehr Buhs als Bravos gab es für das Dirigat der Opernchefin Simone Young, die mit ihrem Saisonstart nicht zufrieden sein konnte. Mit vielen Ruckeleien traf sie einen wie auch immer intendierten Mozartton nur sporadisch, vieles wirkte wie improvisiert. Gottlob passte es immer dann, wenn's drauf ankam: So flutschte die gefürchtete und prestogerittene "Champagner-Arie" auch dank des sattelfesten Wolfgang Koch bestens. Dazu gelangen fast sämtliche Gesangsensembles klanglich rund und stimmlich stimmig, während in vielen Orchesterparts grelle Dynamikgegensätze und willkürlich wirkende Akzente irritierten. Ein durchwachsener Abend, der von Stimmen und Darstellern beinahe gerettet wurde. Das Ewig-Männliche zog uns diesmal bleischwer hinab.



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pilot8 20.09.2011
1. noch nicht einmal richtig ärgerlich
die ausführenden wirkten hier tragikomisch, als würden sich oma und opa trend und modernität vorstellen. da hätte ein schöner musicalartiger trash bei herauskommen können, was die "grandiosität" der ausführenden leider verhinderte. so trafen sich ed hardy mit tim burton (mit betonung auf ed hardy), mit japan, mexiko, 20er jahre, softporno, freud, usw, langweilig und schlecht interpretiert bzw zusammengestückelt. dazu blecherne, distanzierte musik. wäre nicht alles mit einem ungeheuren aufwand dahergekommen, hätte ich ob der aneinanderreihung schlecht verstandener klischees, gedacht einer schülertheateraufführung beizuwohnen, nur da hätte dann ja irgendwann etwas aus den ausführenden werden können. jede modenschau, werbung, ... ist inspirierender, berührender, lustiger...echt porno
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