Neues Album von Dr. Dre Zurück nach Compton

Jetzt ist erschienen, woran die Musikwelt kaum mehr glauben konnte: das neue Album von Dr. Dre. Das sagenumwobene Werk, das 16 Jahre lang in der Mache war, ist es nicht. Dafür enthält "Compton" einige der stärksten Tracks, die Dre je produziert hat.

Corbis

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Die Geschichte von Andre Romell Young hätte am 8. Mai 2014 ihren Schlusspunkt finden können: An diesem Tag erklärte der HipHop-Pionier in einem YouTube-Video, dass er seine Kopfhörer-Marke Beats an Apple verkauft hat, für 3,2 Milliarden Dollar. Ein knappes Jahr vor seinem 50. Geburtstag hatte Young, besser bekannt als Dr. Dre, den Traum des amerikanischen Getto-Rappers, den black american dream vom Aufstieg aus der Straße zu Erfolg, Ruhm und Geld erfüllt. Er war der "erste Milliardär des HipHops", sagte er stolz, "right here from the motherfucking west coast".

Aber Youngs Story ist noch nicht zu Ende. Er hatte als Produzent Musikgeschichte geschrieben, das Rap-Genre revolutioniert, indem er ihm den Weg in den Mainstream ebnete. Er hatte mit Snoop Dogg, Eminem, 50 Cent und Kendrick Lamar einige der wichtigsten Stimmen der Szene entdeckt und gefördert. Er selbst blieb als Künstler jedoch unvollendet.

16 Jahre wartete man vergeblich auf das vierte eigene Album des HipHop-Genies, immer wieder vertröstete Dre seine Fans - bis er vor einer Woche auf seinem Apple-Music-Radiokanal plötzlich ankündigte, doch noch eine Platte zu veröffentlichen. Nicht das lange erwartete, zu fast mythischen Proportionen aufgepustete Rap-Meisterstück "Detox", sondern "Compton", eine Art Soundtrack zum zeitgleich im Kino anlaufenden Spielfilm über Dr. Dres Anfänge in der Gangsta-Rap-Bande N.W.A.

"Das avancierteste Rap-Album aller Zeiten"

Seit 2001 hatte Dr. Dre in mehr oder minder starker Frequenz "Detox" angekündigt, sich aber immer wieder verzettelt. Inzwischen hatte die Platte in Fachkreisen einen ähnlich mythischen Status wie das mit 15 Jahren Verspätung veröffentlichte Album "Chinese Democracy" von Guns N' Roses - ein running gag der Popgeschichte, der noch nicht einmal eine gute Pointe hatte. Nicht hilfreich waren auch markige Äußerungen des von Dre zur Unterstützung angeheuerten Produzenten Scott Storch, "Detox" werde das "most advanced rap album ever" werden.

So viele Vorschusslorbeeren waren wohl selbst Dre, der sich gerne damit brüstet, auch mit einem Dreijährigen eine Hit-Platte aufnehmen zu können, nicht geheuer. Er brachte mal hier einen Track heraus, kündigte mal dort das Erscheinen des Albums an, wurde über die Jahre jedoch immer unkonkreter, was "Detox" betraf. Mal hieß es, das Ganze sei tatsächlich eher ein Soundtrack, zu dem Ex-Filmpartner Denzel Washington ("Training Day") das Off-Narrativ liefern würde, mal wurde gemunkelt, viel "Detox"-Material sei in 50 Cents Album "Get Rich or Die Tryin'" geflossen.

Was auch immer von 16 Jahren Fummelei an "Detox" übrig geblieben sein mag: Altmodisch oder aus der Zeit gefallen klingt "Compton" keinesfalls. Im Gegenteil: Dr. Dres viertes und voraussichtlich letztes Soloalbum ist gleichzeitig Rückbesinnung und starbesetzte Leistungsschau, und es verfügt über einige der stärksten Tracks, die Dre je produziert hat.

Gangsta-Rap tritt "Goodfellas"

Es beginnt mit einem Intro, das zeitgeistiger nicht sein könnte: Eine alte Nachrichtensendung über die Wandlung von Compton vom erhofften schwarzen Mittelstandsparadies zum Gewalt-Getto wird untermalt von einem Fusion-Jazz-Soundtrack, wie ihn moderne HipHop-Protagonisten wie Flying Lotus und Kendrick Lamar aktuell pflegen.

Danach folgen mit "Talk About It", "Genocide" (mit Lamar) und "It's All on Me" gleich drei Höhepunkte des Albums, sie umreißen den Traum vom Ausbruch aus dem Getto zu Ruhm und Reichtum ("One thing I do know/ One day I'ma have everything"), den damals wie heute virulenten Rassismus und schließlich, über einem sehnsüchtigen Soul-Sample, Dres persönliche Reflexion seiner Karriere: "Face down on the pavement with the billy clubs (…) Now it's 'F**k Tha Police' all up in the Club."

"Compton" ist Dr. Dres musikalisches Pendant zu "Goodfellas", eine zu großen Teilen raue und provokante Gangsta-Erzählung, die nicht nur in ihren gewalttätigsten Momenten an die Memoiren des Ex-Mafioso Henry Hill erinnert: Am Ende von "Loose Cannons" (mit Xzibit) wird in einem szenischen Hörspiel geschildert, wie Dre und seine Gang eine Frau ermorden und die Überreste beseitigen müssen. Es sind diese Geschichten von der "Darkside", die den Mittelteil von "Compton" bestimmen. Auch N.W.A-Kollege Ice Cube hat hier einen bedrohlich dräuenden Gastauftritt in "Issues", das, etwas unoriginell, auf dem markanten Gitarrensample von Madlibs Bruder Oh No aufbaut, das Mos Def bereits 2009 für seinen Track "Supermagic" verwendete.

Sprungschanze für den Nachwuchs

Ansonsten kontrastiert Dre seinen Trip in die Vergangenheit wohltuend mit innovativen Sounds: Die Psychedelic-Jazz - und Rockelemente, die gerade modern sind, dazu nervöse Hi-Hats, tief drückende Bässe, alles zusammengebunden von einem rastlosen Uptempo-Flow - eine Spannungskurve, die sich über das brachiale "One Shot One Kill" (mit Snoop Dogg) bis zum Eminem-Auftritt "Medicine Man" durchzieht.

Wie schon auf dem Dre-Album "Aftermath" von 1996 gibt es auf "Compton" zahlreiche Features von bisher unbekannten Newcomern wie King Mez, Justus, Marsha Ambrosius, Asia Bryant und Anderson .Paak. So macht der ewige Mentor Dre sein Abschiedsalbum auch zur Sprungschanze für den HipHop-Nachwuchs.

Um Geld geht es eben nicht mehr, nur noch um Legacy, sein Vermächtnis: "Fuck money, that shit could never change me", stößt er an einer Stelle verächtlich hervor - und kündigte an, seine Tantiemen vom Albumverkauf für den Aufbau einer Musik- und Kunstschule in Compton zu spenden.

Ein satt produziertes, entspanntes Alterswerk, gerade im Vergleich zum jüngsten, arg saturierten Jay-Z-Album "Magna Carta", kann man Dres gelungenen "Detox"-Ersatz daher nicht nennen. Vielmehr enthält es seine plakativsten und vielleicht politischsten Texte seit N.W.A.s "Straight Outta Compton": Immer wieder verweisen die Lyrics auf die aktuellen, rassistisch motivierten Gewalttaten gegen Michael Brown in Ferguson und Eric Garner auf Staten Island.

Für Andre Romell Young mag der Kampf ausgestanden sein, aber für viele andere junge Afroamerikaner geht er weiter. Nicht nur in Compton.



insgesamt 25 Beiträge
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roflxd 08.08.2015
1.
Es war klar, dass Detox niemals veröffentlicht wird. Der Druck ist bei solch einem Album einfach viel zu groß. In seinen Gedanken hat er bestimmt schon mit den Reaktionen der Hörer gespielt: "Was, das soll das sagenumwobene Album sein, an dem der große Dr. Dre 16 Jahre lang gearbeitet hat? Echt enttäuschend, ich hätte mehr erwartet!"
zufriedener_single 08.08.2015
2. Was ist das?
Ist das Musik für schlichte Menschen?
sverris 08.08.2015
3. Dre ist ein Heuchler
Wie so oft: wenn der Erfolg dann da ist, vergessen solche Leute, wo sie herkommen. Der Millliardär Dre gibt doch Compton rein gar nichts zurück. Mir kann das Geheuchel samt Beats und Apple gestohlen bleiben.
mrdhero 08.08.2015
4.
Sowas nennt man dann top Produzent ...
Meister Kleister 08.08.2015
5. @unzufriedener_single
Das ist Musik für Hip-Hop-Liebhaber. Ob und wieviel schlichte Menschen dabei sind, lässt sich sicherlich nicht pauschal sagen.
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