Drake und "die Straße" Ist das noch HipHop?

HipHop ist längst eine globale Kulturindustrie. Debatten darum, was den Kern des Genres ausmacht, sind deshalb sinnvoll - aber nicht, wenn sie ignorant geführt werden wie in der "Süddeutschen Zeitung".

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Auf YouTube gibt es ein Video, das den Rapper Drake beim Aufwärmtraining mit der Basketballmannschaft der University of Kentucky zeigt. Drake trägt darin die blaue Spieluniform der Kentucky Wildcats, routiniert dribbelnd wartet er in einer Reihe mit den professionellen Spielern, bis er mit dem Korbwurf an der Reihe ist. Als er schließlich wirft, verfehlt er das Ziel so weit, dass sein Ball noch nicht einmal das Brett streift.

Drake selber zeigt sich gelassen nach dem Fehlwurf, dafür überschlugen sich die Reaktionen im Internet, als das Video vor sechs Monaten hochgeladen wurde: Von "Washington Post" bis "Time" brachten Nachrichtenseiten den Clip, die Musikseite "Pitchfork" berichtete über den "airball" mit der spöttelnden Überschrift "RIP Drake's Career: 2009-2014".

Es ist ein Muster, das sich hier zeigt: Drake entspricht den Erwartungen nicht, und die Medien reagieren überfordert bis hysterisch. Dass es immer wieder Drake trifft, ist kein Zufall. Aubrey Drake Graham ist schwarz und jüdisch; er spielte als Teenager in einer kanadischen TV-Soap, jetzt ist er globaler HipHop-Star; er ist reich, aber zweifelt in seinen Songtexten daran, dass ihn Geld jemals glücklich machen wird; er hat sich mit Chris Brown um Rihanna geprügelt, bei Konzerten holt er jedoch pummelige Schülerinnen auf die Bühne, um ihnen Lieder zu widmen.

"Zu emotional, zu effeminiert, zu weich"

Millionen von Fans scheinen kein Problem mit den vielen Facetten von Drake zu haben - sein jüngstes Album "If You're Reading this It's too Late" ist nach "1989" von Taylor Swift das meistverkaufte Album des Jahres in den USA. Aber Journalisten tun sich ungewöhnlich schwer mit ihm. Jüngstes Beispiel ist ein Text im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" vom Donnerstag.

Unter der Überschrift "Hip-Pop" bezeichnet der Autor Drake als "einen der höchstgehandelten Rapper des Planeten" und bescheinigt ihm, dass sein Album die "HipHop-Platte des Jahres" hätte werden können, wenn nicht Kendrick Lamar dazwischengekommen wäre. Gleichzeitig hätten Vorwürfe, dass Drake "zu emotional, zu effeminiert, zu weich" sei, ihre Berechtigung. Denn, so das Fazit des Artikels: "Das ist keine Musik von der Straße, und deswegen ist es kein HipHop."

Dass er einen bürgerlichen Hintergrund hat, hat Drake selbst schon thematisiert und sich darüber lustig gemacht. In einer Ausgabe der Sketchshow "Saturday Night Live", die er Anfang 2014 moderiert hat, witzelt er: "Ich bin aus Toronto - der Stadt, in der die Rapper höflich sind und der Bürgermeister Crack raucht." Dann spielt er mit dem Ensemble seine Bar Mitzwa nach.

Klassiker von einer Castingband

Drakes jüdische Abstammung verschweigt der "SZ"-Artikel, dabei bekommen die Vorwürfe, er sei kein richtiger Kerl, vor diesem Hintergrund noch eine andere Konnotation. Jüdischen Männern ihre Virilität abzusprechen, ist seit Langem ein wichtiger Bestandteil von Antisemitismus. So wird die Stoßrichtung des Textes, als weißer Deutscher in einem bildungsbürgerlichen Medium einem schwarzen Kanadier abzusprechen, HipHop zu machen, politisch noch zweifelhafter, als sie es eh schon ist.

Seit fast 30 Jahren dauert der Diskurs in den USA, aber auch Deutschland darüber an, was es für HipHop bedeutet, einerseits aus einer spezifischen historischen Situation entstanden zu sein, andererseits längst globale Kulturindustrie zu sein. Ohne Bezug auf diesen Diskurs zu nehmen, insistiert der "SZ"-Autor: "HipHop ist schwarze, amerikanische Straßenmusik." Dass im Absatz davor "Rapper's Delight" als "Klassiker" bezeichnet wird, ohne zu erwähnen, dass es sich bei der Sugarhill Gang um eine Castingband aus New Jersey handelt, nährt die Zweifel, inwiefern der Autor mit der komplexen Geschichte von HipHop vertraut ist.

Noch schwieriger wird es bei der Ex-negativo-Definition, die folgt: "HipHop, der nicht von der schwarzen, amerikanischen Straße kommt, ist fast ausnahmslos Kitsch." Das mag für den Stuttgarter HipHop der Neunzigerjahre, den der Autor zum Beweis anführt, zutreffen. Aber zum Aufrechterhalten dieser Definition von HipHop muss man schon in der deutschen Vergangenheit bleiben, denn in der amerikanischen Gegenwart käme man nicht um Kanye West herum - das schwarze Professorenkind, das bereits vor elf Jahren mit seinem Debütalbum "The College Dropout" das Sound- und Themenspektrum von HipHop maßgeblich erweiterte. Doch West, der auch noch Drakes Mentor ist, wird in dem "SZ"-Artikel kein Mal erwähnt.

Weiße dürfen das

Die vermeintlichen Grenzverletzungen, die die "SZ" Drake vorwirft, haben längst andere begangen. Ist es also nur Unvermögen, wenn jetzt in einer deutschen Zeitung einem Schwarzen die "Verunreinigung" von HipHop angelastet wird?

Bezeichnenderweise hat sich in den USA im vergangenen Jahr eine ähnliche Debatte entzündet - allerdings an der weißen Rapperin Iggy Azalea. Die Australierin war in die Kritik geraten, weil sie in ihrem Song "Leave It" die Sprechweise afroamerikanischer Südstaatler imitierte ("Who dat, who dat?"). Als sich Azalea schließlich in dem Song "D.R.U.G.S" als "runaway slave master" bezeichnete, trat die schwarze Rapperin Azealia Banks auf Twitter eine hitzige Debatte darüber los, ob Iggy Azalea die Wurzeln von HipHop in der schwarzen Kultur verhöhne.

Die "SZ" griff die Debatte um Iggy Azaleas Aneignung von HipHop damals nicht auf. Zuvor hatte sie allerdings lobend über Azaleas Debütalbum ("eines der erstaunlichsten Identitätsexperimente") geschrieben und sie indirekt als von Schwarzen Marginalisierte bezeichnet: "Eine sehr blonde, große weiße Frau, Typ Model, also eine, die bislang nur als Trophäe im Hintergrund von Rap-Videos lasziv herumeiern durfte."

"Tiefe, Feuer, Brillanz"

Wenn Weiße das ethnische und sozioökonomische Spektrum von HipHop erweitern, scheint das also nicht nur akzeptabel, sondern künstlerisch aufregend zu sein. Bei Schwarzen führt ein ähnlicher Vorstoß hingegen zur Aberkennung der Mitgliedschaft in der HipHop-Community - jedenfalls in der "SZ", die damit musikalische Ghettoisierung betreibt.

Jenseits solcher problematischer Grenzziehungen ist die Frage, wie viel Erweiterung die HipHop-Kultur verträgt, bevor sie grenzenlos und damit inhaltsleer wird, allerdings weiterhin dringend. Questlove, der Drummer der schwarzen HipHop-Formation The Roots, hat ihr eine überaus lesenswerte Essayreihe im Kulturblog des "New York Magazine" gewidmet, die komplett online nachzulesen ist.

Als sich auf Twitter der Streit zwischen Iggy Azalea und Azealia Banks hochschaukelte, schaltete sich der Rapper Q-Tip mit einer Serie von Tweets ein, die sich wie eine Zusammenfassung der Essays lesen:

"HipHop ist eine künstlerische und soziopolitische Bewegung/Kultur, die den disparaten Gettos von New York Anfang der Siebziger entsprang. Unglaublich, aber wahr: Die Leben junge Schwarzer und Latinos wurden von der amerikanischen Mainstreamkultur nicht anerkannt, außer...wenn es um Gangs, Kriminalität und mangelnde Bildung ging. (...) HIPHOP aber zeigte, dass wir TIEFE haben, Feuer und BRILLANZ. Der Musik konnte man sich nicht entziehen! Sie zog von New York aus weiter, wurde national, schließlich GLOBAL. HipHop war nun etwas FÜR JEDEN!! (...) ABER! Man muss sich der GESCHICHTE bewusst sein, wenn man sich unter der Flagge von HipHop versammelt. Wie gesagt: HipHop kann Spaß machen, es kann abstoßend sein, es kann Dance-Musik sein, es kann traditionell sein, es kann leichtfüßig sein, aber von einer Sache kann es sich niemals lösen: Dass es eine SOZIO-politische Bewegung ist. (...)"



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grandelfe 10.04.2015
1.
Lustig, wie über 40 Jahre nach Entstehung der Kultur, SPON das Thema regelmässig aufgreift um hipp zu sein. Hat die Autorin, eher wohl Soziologin denn Hipp Hop-Insider, auch einen Vollbart;-)
_SethGecko_ 10.04.2015
2.
Jetzt weiß die ganze SPON Redaktion wer das größte Drake-Fangirl ist...
wellington96 10.04.2015
3. Das Problem bei Drake
ist doch viel mehr dass er sich in manchen Liedern als einen darstellt der es von der Straße nach ganz oben geschafft hat obwohl er in wirklichkeit einen bürgerlichen Ursprung hat. West ist auch nicht sein Mentor, wenn dann Lil Wayne, bei dessen Young Money er unter Vertrag steht. Meiner Meinung nach ist Drake kein richtiger Rapper sondern er praktiziert Sprechgesang und auch "Gesang" wenn man sein autotune-Produkt so nennen darf, mit Mainstreammusik unterlegt. Kanye West war ursprünglich Hiphop-Produzent für zb Jay-Z bevor er selbst rappte.
dld 10.04.2015
4. Falsches Zitat
Liebe Autorin, es war nicht Questlove, der auf Twitter Azelia Banks unterstützte, sondern Q-Tip ; )
moritz1989 10.04.2015
5.
Was soll das? Habt ihr was gegen die SZ? Das ist ja wirklich kläglich sich über solche Artikel aufzuregen. Ich glaube kaum, dass die SZ Drake als weichei bezeichnen wollte. Und wenn schon - er ist ja auch kein Dirty South Rapper!
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