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29. Juni 2018, 20:09 Uhr

Neues Drake-Album

Glaube, Liebe, Geprotze

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Zwischen Demut und Größenwahn: Auf seinem neuen Album bekennt sich Drake zärtlich zum lange verschwiegenen Sohn - und wedelt wieder mit seinen Kontoauszügen.

Zunächst wirkt "Scorpion" wie eine ziemlich schlechte Idee: 25 Songs, um die Streaming-Tantiemen zu maximieren. Fein säuberlich in eine Rap- und R&B-Seite aufgeteilt, damit sich auch niemand durch einen allzu wechselhaften Spannungsbogen kämpfen muss. Und dann auch noch klischeebeladene Songtitel wie "Emotionless" oder, puh, "Finesse". Klingt ungefähr so spannend wie die Ankündigung eines neuen VW Golf.

Und wirft damit Fragen auf: Ist das hier wirklich der Aubrey Drake Graham, der sich womöglich gerade an einem Wendepunkt seiner Karriere befindet? Weil seine dato wichtigste Eigenschaft plötzlich zu versagen scheint? Das Talent nämlich, jegliche Kritik verlässlich an sich abperlen zu lassen. Cultural appropriation, Ghostwriting, Egozentrik? Bisher ziemlich egal, solange er Hits wie "One Dance" oder "Hotline Bling" lieferte.

Nun schien diese Zeit vorbei. Zur Erinnerung: Just als er im vergangenen Monat sein fünftes Soloalbum "Scorpion" auf die Schienen setzte, verwickelte sich der Kanadier in ein operettenhaftes Scharmützel mit Rapper-Kollege Pusha-T, der in diesem Zuge auf "The Story Of Adidon" mit dem Suppenlöffel in Drakes Sündenkartei wühlte. Das wichtigste Fundstück: Es gebe einen verheimlichten Sohn, um den er sich trotz seines Vermögens von geschätzten 100 Millionen Dollar nicht kümmere. Das Internet geiferte - und der peoples champion des Pop stand plötzlich ganz schön blöd da. Mit anderen Worten: Drake musste mit "Scorpion" liefern. Was also liefert er?

Zwischen Introspektion und Bankkonto-Geprolle

Um es kurz zu machen: Zunächst einmal viel mehr vom Bewährten. Die gut eineinhalb Stunden Musik zeigen keinen grunderneuerten Drake, im Gegenteil: Der 31-Jährige arbeitet sich weiterhin am direkten Umfeld seines eigenen Bauchnabels ab, changiert gekonnt zwischen Introspektion und Bankkonto-Geprolle - und nein, politisch geworden ist er auch nicht.

Zumindest die Seifenoper-Petitessen räumt "Scorpion" jedoch gleich zu Beginn aus dem Weg. Offensichtliche Angriffe in Richtung Pusha-T gibt es kaum, stattdessen mimt Drake den Gentleman, der die Sache ruhen lässt, weil er solche Spielchen nicht nötig hat: "Look at you / You're mad / I'm happy / Leave me alone", lässt er am Ende von "8 Out Of 10" ein Sample des US-Rappers Plies für sich einspringen.

Der hitzigste Diss kommt dann ausgerechnet von "CEO des Hip-Hop": Im gemeinsamen Song "Talk Up": "I got your President tweeting / I won't even meet him", nimmt sich Jay-Z Kanye West wegen dessen Unterstützung eines offen rassistischen Präsidenten zur Brust.

Und klar, auch die Vaterschafts-Causa wird schnell abgewickelt: "I wasn't hiding my kid from the world / I was hiding the world from my kid", rappt Drake etwas fadenscheinig im vierten Song "Emotionless". Damit wäre das also auch geklärt - und man kann sich endlich der Musik widmen.

Neunjährige Glückssträhne

Denn die ist auf "Scorpion" letztendlich Drakes wirkmächtigste Antwort auf alle Kontroversen. Zwar klingt das Album über weite Strecken wie eine Compilation der schönsten Momente aus einer mittlerweile schon neun Jahre andauernden Glückssträhne. Jeder Song lässt sich mehr oder weniger leicht einer bestimmten Zeitsignatur zwischen "Thank Me Later" (2010), "Nothing Was The Same" (2013) und "If You're Reading This It's Too Late" zuordnen.

Das liegt jedoch hauptsächlich daran, dass Drake sich mit "Scorpion" auf seine Stärken besinnt - und nach dem etwas hüftsteifen "Views" von 2016 und der frischen, aber oft desorientierten Playlist "More Life" von 2017 noch einmal zum Sprint ansetzt. Denn Fakt ist: Gerade die zwölf Songs umfassende erste Hälfte des Albums ist das beste zusammenhängende Stück Musik, das der Rapper seit Jahren veröffentlicht hat.

Zu beinahe ausnahmslos erstklassigen Beats von No I.D., DJ Premier oder seiner rechten Hand Noah "40" Shebib liefert Drake das ab, was ihn einst auf den Pop-Thron gehievt hatte: Eine höchst infektiöse Mischung aus Intimität, textlicher Schärfe, walzendem Trap-Punch und einer gewissen Widersprüchlichkeit. Dass die zweite Hälfte des als Doppelalbum gehandelten "Scorpion" bestenfalls musikalisch mit solchen Superlativen mithalten kann und sich ansonsten in gefälligem Befindlichkeits-R&B eines Kindes im Manneskörper erschöpft, das sich wortreich über seine Probleme mit Frauen beschwert? Geschenkt.

Letztendlich zeigt sich sowieso, dass möglicherweise auch diese Zeit vorbei ist. In "March 14", dem letzten Song des Albums, deutet Drake an, wie seine Zukunft aussehen könnte: "She's not my lover like Billie Jean but the kid's mine", rappt er da zu beseelten Soul-Samples und richtet in der Folge eine Art offenen Brief an seinen gerade erst offiziell gewordenen Sohn Adonis.

Er habe sich gefreut, so Drake weiter, spüre Verantwortung, kämpfe dafür, ihn regelmäßig sehen zu können. Und holt zu einer programmatischen Einsicht aus: "I'm changing from a boy to a man." Also doch ein Wendepunkt.

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