Abgehört - neue Musik Lasst ihn von der Leine!

Euphorie mit Drangsal und Ruhrpott-Aphorismen von International Music: Deutscher Gitarrenpop belebt das Frühjahr. Außerdem: Gefühlsmusik von Grouper und Sozialpädagogen-Rap von J. Cole.

Drangsal
Thomas Hauser

Drangsal

Von , und


Drangsal - "Zores"
(Caroline/Universal, ab 27. April)

Metallica und Tool habe er in den vergangenen Jahren viel gehört, sagt Max Gruber. Da haben wir ja noch mal Glück gehabt, dass sein zweites Album unter dem Namen Drangsal dann doch vorrangig nach dem perlenden Pop von Prefab Sprout klingt, dem Alternativprogramm in Grubers Playliste. Deren Achtzigerjahre-Smash-Hit "Cars And Girls" zitiert er sogar im überbordenden "Jedem das Meine": "Jaja, Brucie träumt life's a Highway/ Doch bin ich nur Beifahrer und das day after day". Und die Gitarren machen Drrräääännggg dazu.

Als Gruber Anfang des Jahres seine neue Single "Turmbau zu Babel" veröffentlichte, fürchtete man schon die übelsten Auswüchse des Difficult-Second-Album-Syndroms: Drangsal, 2016 mit einem charmanten Update des britisch geprägten Cold-Wave/Goth-/Synthpop in die deutsche Popszene eingeschlagen, sang nicht mehr auf Englisch, klang dafür verdächtig nach Farin Urlaub und schlagerte "Alles in Ordnung, denn ich lieb dich so". Hä?

Keine Frage, Max Gruber geht es blendend, und er will die ganze Welt an seiner Euphorie teilhaben lassen, mit großen, umarmenden Popgesten. Das funktioniert verblüffend gut! "Keine Angst vor Morgen, keine Gespenster, Sitzplatz am Fenster", singt er im Album-Intro "Geschichte" staunend über seine Erfolgsstory, "ich glaub sie selber kaum". Schwierig scheint hier gar nichts mehr zu sein, die Musik, weiterhin beseelt von Cure, Smiths und Verwandten, drückt in eine Zukunft, die weniger verdruckst und vernebelt scheint als die Vergangenheit im provinziellen Herxheim, die noch das Debüt "Harieschaim" definierte.

Geschichtsbewusstsein, biographisches wie popmusikalisches, ist jedoch immer noch ein Thema auf "Zores", das befremdliche Covermotiv ist ein altes Familienbild, der Sänger ein Knirps auf dem Arm der Mutter, der Vater mit Gewehr im Anschlag. "Zores", der Ärger, die Wut, das Leid, die alte Drangsal, all das lauert immer, mehr oder weniger präsent. Aber Gruber, inzwischen fester Bestandteil der Berliner Indie-Pop-Szene, will das eigenständige "Laufen lernen", er fordert emphatisch: "Lass mich doch bitte von der Leine!" Schöner wurde das Wort "gottverdammt" wohl noch nie in einen Songtext integriert.

Einen zu diesem Befreiungsversuch passenden, kräftig zupackenden und markant klaren Sound bekommt er von den Produzenten Markus Ganter (Casper) und Max Rieger (Die Nerven) auf den nervösen Leib geschneidert. Im Überschwang gelingen Gruber brillante Pop-Hymnen, die man laut aufdrehen und in den Frühling hinausjubilieren will: "Magst Du mich (Oder magst Du bloß noch Dein altes Bild von mir)" zum Beispiel, "Weiter nicht" oder "Arche Gruber", das er dann doch mal wieder (als eines von drei Liedern) auf Englisch singt.

Das wirkt fast schon irritierend, so überzeugend hat sich Gruber ganz selbstverständlich seiner Muttersprache ermächtigt. "Die heutige Musik, ein Parasit für die Hirne der Republik/ Sie ist nicht mehr das, was sie früher war", sinniert er in "Weiter nicht" und formuliert mit "Zores" einen eleganten, mitreißend optimistischen Deutschpop-Entwurf jenseits ausgetretener Schwermut-, Coolness- oder Diskurs-Pfade. "Uuuuh Baby, sag mir wann/ Fängt das Leben an", fragt Gruber, der Crooner aus der Pfalz, in "Laufen lernen". Jetzt, Max, genau jetzt, (8.7) Andreas Borcholte

J. Cole - "KOD"
(Interscope/Universal, seit 20. April)

Wir wissen ja auch nicht, was von der aktuellen Mumble-, Cloud- und Emo-Rap-Welle bleiben wird... außer einer Reihe zweifelhafter Gesichtstattoos natürlich. Jermaine Cole hätte da aber eine Idee: In fünf Jahren würden die meisten der heutigen Stars bei der Reality-Soap "Love & Hip-Hop" ihre Brötchen verdienen, rappt er in "1985". Warum? Weil die jungen Hüpfer nicht an Langlebigkeit dächten, sich Luxuskarren kauften, statt für später vorzusorgen.

Äh, Moment: Ein Rapper, der seine Kollegen im Ton eines Gymnasiallehrers disst? Klingt komisch, beschreibt aber gut, wie weit abseits aktueller Hip-Hop-Gepflogenheiten J. Cole mittlerweile operiert. Während andere Rapper stundenlange Alben veröffentlichen, um sich dem Streaming-Markt anzupassen und auf massig Gastauftritte setzen, um die Cross-Promotion zu erhöhen, macht Cole: das Gegenteil.

Andreas Borcholtes Playlist KW 17
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

1. Drangsal: Magst Du mich (Oder magst Du bloß noch Dein altes Bild von mir)

2. Gang Of Four: Ivanka (Things You Can’t Have)

3. Die Nerven: Niemals

4. International Music: Cool bleiben

5. Deafheaven: Honeycomb

6. Locust Fudge: Hormones

7. Father John Misty: Just Dumb Enough To Try

8. Kali Uchis: Miami (feat. BIA)

9. Ariana Grande: No Tears Left To Cry

10. MarieMarie: Do It Like A Ninja

Auch sein fünftes Album nimmt sich nur knapp 45 Minuten Zeit und kommt, wie seine Vorgänger, ohne ein einziges Feature aus: "Niggas ain't worthy to be on my shit", räumt er gleich im Titeltrack alle Nachfragen aus dem Weg. Noch mutiger: Ausgerechnet am 20. April, dem Allerheiligen der Kiffer-Community, veröffentlichte er mit "KOD" eine kritische Reflexion zum Thema Sucht.

Damit kann man sich natürlich ordentlich in die Nesseln setzen, Stichwort Gymnasiallehrer. Und auch die drei Bedeutungen des titelgebenden Akronyms lesen sich ungefähr so spannend wie ein vertonter Sicherheitsgurt.: "Kidz On Drugs", "King OverDosed" und "Kill Our Demons".

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Doch das Thema ist in den USA wichtiger denn je, zuletzt starben jeden Tag über 100 Menschen an einer Überdosis. Cole muss also nicht groß Kaffeesatz lesen, um anhand seines Überthemas eine grundlegende Abrechnung zu formulieren. Anhand von Marihuana, Koks, Xanax, Sex, Gewalt, Geld und anderen Suchtmitteln dekliniert der aus North Carolina stammende Rapper in 12 Songs die ganze Palette gesellschaftlicher Probleme der USA durch: Polizeigewalt, Armut, Depression, das Justizsystem, Rassismus, Abtreibungen und die jeweiligen Zusammenhänge.

Dabei geht er stellenweise an die Grenze des Erträglichen. Etwa auf "Once an Addict - Interlude", einem Song über das Suchtverhalten seiner Mutter: "Too young to deal with pain/ I'd rather run the streets than see her kill herself". Oder stellt in wenigen Zeilen einen Link zwischen Steuerzahlungen und institutionellem Rassismus her: "Them dollars I spend/ Got us learning about the heroes with the whitest of skin", rappt er in "Brackets". Und weiter: "Dictate where my money go/ Straight into the palms of some/ Money-hungry company that make guns that circulate the country/ And then wind up in my hood, making bloody clothes."

Dass J. Cole sich längst zur heimlichen Hauptfigur des sozialkritischen Hip-Hop gemausert hatte, war schon seit "4 Your Eyez Only" von 2016 klar. Doch "KOD" geht einen Schritt weiter, indem es Themen anspricht, um die auch viele kritische Rapper einen Bogen machen, das problematische Verhältnis zur weißen Mainstream-Hörerschaft zum Beispiel: "These white kids love that you don't give a fuck/ 'Cause that's exactly what's expected when your skin black/ (...) They wanna be black and think your song is how it feels", heißt es in "1985". Sitzt. (9.0) Dennis Pohl

Grouper - "Grid Of Points"
(Kranky, ab 27. April)

Mit dem Ausdruck von Gefühlen ist es schwierig, nicht nur im Pop. Es ist nicht nur ein Problem der Vermittlung, sondern ein grundlegendes: Man weiß nie zur Gänze, was gerade mit einem los ist oder was früher los war. Und man weiß nicht, wie konventionalisiert das eigene Fühlen ist und was von einem selbst kommt. Eigentlich weiß man noch nicht mal, was "von einem selbst" genau heißen soll.

Die Musik, die Liz Harris unter dem Namen Grouper aufnimmt, weiß um diese Schwierigkeiten des Ausdrucks. Auf den ersten Platten verschwand ihre Stimme hinter Klangnebeln, die Gitarre deutete Melodien nur an, abgewrackt klingende Maschinen verrauschten und verhallten alles. Die Empfindungen wurden gleichsam verborgen im Sound - und damit so weit entrückt, dass man gar nicht mehr hätte beschreiben können, was genau sich da entzieht. Eine grundlegende Traurigkeit ist jedenfalls immer spürbar in dieser Musik, etwas ganz anderes als wohlige Melancholie.

Mit dem klaviergeprägten Album "Ruins" von 2014 wurde Groupers Sound graduell transparenter. In diese Richtung geht es auf dem gerade mal 22 Minuten langen "Grid Of Points" nun weiter. Die improvisiert anmutenden (und vielleicht auch tatsächlich improvisierten) Piano-Melodien bilden ein karges Gerüst, im Hintergrund hört man den Raum rauschen, in dem aufgenommen wurde. Dazu kommt die oft gedoppelte Stimme von Harris, die klingt, als sei hier ein Mensch kurz davor, der Welt vollends abhanden zu kommen. Und dennoch hat eines der Stücke sogar so etwas wie einen Refrain.

Was gesungen wird, ist akustisch kaum zu verstehen. "A gift my mother gave me", ist eine zu identifizierende Zeile, das Wort "child" dringt einmal durch, "the sun", vielleicht. Es geht Harris offenbar nicht um den Ausdruck von Gefühlen, es geht, komplizierter noch, um die Erinnerung an Gefühle, die sie einst durchflutet haben. Anderthalb Wochen habe sie an den Songs auf "Grid of Points" gearbeitet, erzählt Harris, dann aber ein so starkes Fieber bekommen, dass sie die Aufnahmen abbrechen musste. Nicht schlimm, das Album sei nämlich auch so komplett. Wie bei Grouper Intuition und Nachgiebigkeit mit der ausdifferenzierten Idee einer ganz eigenen Soundästhetik zusammengehen, das ist schon sehr berührend und beeindruckend. (8.0) Benjamin Moldenhauer

International Music - "Die besten Jahre"
(Staatsakt, ab 27. April)

Man stockt erst einmal, wenn man "Die besten Jahre" einlegt: "Just Like Honey" aus dem Pott, oder was? Garniert mit so ziemlich allem, was je an einer Gitarre richtig gemacht wurde? Deutlich erkennt man die vergiftete Zuckerwatte von The Jesus And Mary Chain, die sedierte Wärme der frühen Velvet Underground, die gebrochene Opulenz der Chameleons, die spröden Melodien von Galaxie 500 oder aber auch die Prägnanz der frühen Trio, um nur einige zu nennen.

Man spürt aber auch das klebrige Nussholzfurnier der örtlichen Pilstheke unter der Hand, die Heilsversprechen der Spielautomaten im Augenwinkel und die Standgas-Philosophie der Stammgäste im Ohr: "Warum bekomm' ich's immer so, wie ich's bestellt hab?"

Ja, International Music scheint der Ruhrpott bestellt zu haben. Anders lässt sich dieses wunderbar unambitionierte Schlagzeug, die lakonischen Gitarren und die störrische Melancholie nicht erklären, die einen immer dann erfasst, wenn industrielle Lebensadern in schlecht besuchte Freizeitangebote umgewandelt werden. Und dann dieser Bass, der klingt wie der Blutdruck jenseits der Fuffzig: pumpt schon, aber immer ein bisschen daneben.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Peter Rubel, Pedro Crescenti und Joel Roters kommen allerdings gar nicht aus dem Pott, der insuffizienten Herzkammer Deutschlands, sondern aus Mainz und Heidelberg. Erst vor ein paar Jahren sind die Mittzwanziger aus Berlin nach Essen übergesiedelt, um zu studieren. Dort erspielten sich Rubel und Crescenti als Düsseldorf Düsterboys bescheidene Bekanntheit, merkten aber schnell, dass ihrem Sound etwas abging: Ein Schlagzeuger, der gar kein Schlagzeuger ist. Sondern Maler.

Gute Entscheidung: Roters charmante Grobmotorik trägt nun auf dem Debüt der Band die größten musikalischen Trümpfe seiner Kollegen: ihren Hang zu betörend repetitiver Musik zwischen Psychedelic und Kraut. Und die Fähigkeit, Inhalte so zu stauchen, dass die Grenze zwischen Kalenderspruch und Metaebene mit jeder Zeile weiter verschwimmt.

Beispiele? "Dieser Ort ist eine Kneipe/ Dieser Ort ist eine Bar", drückt im Song "Kneipe" mehr aus, als es zehn Wörter eigentlich tun dürften. Oder in "Mont St Michel": "Knie kaputt/ Frisur ist scheiße/ Die besten Jahre sind vorbei." Hat schon mal jemand das Altern besser auf den Punkt gebracht? "Schuhe kaufen/ Kinder kriegen/ Zeitung lesen/ Und cool bleiben", skandiert das Trio in "Cool bleiben".

Kein Witz: Jedes der 17 Lieder bringt solche Zitate hervor. Glücklicher Zufall? Oder schon Genialität? Letztlich egal. Fakt ist: "Die besten Jahre" ist eines der elektrisierendsten Debütalben der letzten Jahre. (8.5) Dennis Pohl


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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