Abgehört - neue Musik Wollkraut gegen den Weltschmerz

Landlust? Pah! Im deutschen Wald ist es auch nicht besser, konstatiert das Hamburger Duo JaKönigJa sinister auf seinem neuen Album. Außerdem: Jamila Woods und Dreezy über Leben und Lieben in Chicago.

Von und


JaKönigJa - "Emanzipation im Wald"
(Buback/Indigo, ab 29. Juli)

Hand aufs Herz, Freunde: Man hat es nicht leicht. Die Welt, mit der man sich vor ein paar Jahren noch gerade so anfreunden konnte, scheint endgültig aus den Fugen geraten. Statt Sommerurlaub, Haushalt und Hängematte schaut man hilflos dabei zu, wie die Entzündungsherde einer globalisierten Scheißwelt immer schneller septisch werden. Erholung und Seelenfrieden? Zu unmöglichen Banalitäten geworden. Und die alte Leier vor der Haustür wird auch nicht besser: Mietpreise, Ungerechtigkeit, biologische Uhr. Puh.

Angesichts dieses Schlamassels kann man Menschen verstehen, die einfach nur raus wollen. Wie die Hamburger Instrumentenstreichler JaKönigJa. "Emanzipation im Wald", ihr erstes Album seit acht Jahren, erzählt fast schon verzweifelt von der Suche nach einem Ort, zu dem Sachzwänge keinen Zutritt haben. Umso verlockender, die Platte als Ode an die Stadtflucht zu lesen: Die Koffer packen, ein paar Kilometer rausfahren, die Tür verriegeln - und schon ist der Drops mit den inneren und äußeren Problemen gelutscht. Eine Handvoll Heidekraut gegen den Weltschmerz.

Allein, diese glatte Geschichte will nicht so recht in die knapp 40 Minuten Musik passen. Die gibt sich nämlich nicht einfach dem seit Jahren schwelenden Outdoor-Hype hin. "Emanzipation im Wald" ist kein bartgeöltes Stück "Landlust", es ist eine Verneigung vor Zwiespalt und Verunsicherung. Zwar erkennt man den guten alten, zur Naherholung einladenden deutschen Forst in Ebba Durstewitz' Texten vor lauter Wildheit, Heilkräutern und Mystik kaum wieder. Jedoch scheint auch er keine verlässliche Lösung gegen den Mist da draußen zu sein. Die Stimmung bleibt, wie man sie aus der Stadt kennt: so lala. Ihre Beobachtungen zu Wollkraut, Wurzeln und blutigen Knien trägt Durstewitz mit der Theatralik einer Packungsbeilage vor. Bestätigende Rockismen und Lagerfeuer-Inbrunst? Fehlanzeige.

Die Sache ist ja auch nicht so einfach. Das wissen schlaue Menschen wie Ebba und Jakobus Durstewitz allemal. Und glücklicherweise wissen sie nach 20 Jahren und sechs Alben als JaKönigJa auch, wie man solche seelischen Zwischenräume vertont. Mandolinen, Posaunen, halbakustische Gitarren, Klavier, Cello und allerhand Percussion greifen schlafwandlerisch ineinander, ohne Lehrstunden in irgendwelchen Musikschüler-Termini sein zu wollen. Im grandiosen Opener "Woher kommst du" mäandert eine Laurel-Canyon-Gitarre vor sich hin, dass man die Gischt des Pazifiks auf der Haut zu spüren glaubt. Andere Songs greifen auf Arrangements zurück, die klingen, als hätte sich das Electric Light Orchestra samt seiner Streicher-Armada ins örtliche Konservatorium verirrt.

Einflüsse wie Van Dyke Parks, süd- und mittelamerikanische Folklore oder die Beach Boys sind dabei nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem erforschen JaKönigJa auf ihrem Sechstwerk ihren ganz eigenen Stil. "Emanzipation im Wald" ist weder Folk noch Kammermusik, sondern eine entkernte Mischung aus beidem. Dass Ebba Durstewitz ihre Texte dazu so geschmacksneutral intoniert, als würde sie direkt aus einem Wörterbuch vorlesen, bildet im Grunde den ganzen hundsgemeinen Dualismus der menschlichen Seele ab. "Emanzipation im Wald" ist warm und kalt zugleich, sagt weder deutlich Ja noch Nein. Sondern mit voller Überzeugung vielleicht. Und ist damit sowohl inhaltlich als auch musikalisch eines der besten deutschsprachigen Alben der vergangenen Jahre. Das hat etwas Beruhigendes: Ja, die Welt ist scheiße. Aber solange Zwiespalt und Verunsicherung derart schöne Musik hervorbringen, bleibt noch Hoffnung. (9.0) Dennis Pohl

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Jamila Woods - "HEAVN"
(Closed Sessions/Stream, Download via Soundcloud)

Und jetzt alle: "Es ist meine Pflicht, für Freiheit zu kämpfen! Es ist meine Pflicht, diesen Kampf zu gewinnen! Wir müssen uns gegenseitig lieben und unterstützen! Wir haben nichts zu verlieren als unsere Ketten!" Ein Schulklassenchor kleiner Kinder intoniert diese Ermutigungsparolen am Ende des Songs "In My Name" von Jamila Woods. So didaktisch wird es eher selten auf ihrem Debüt-Album, aber der Moment verdichtet die Botschaft der US-amerikanischen Poetin und Sängerin, die sich an die von sozialer Benachteiligung, blankem Rassismus und Polizeigewalt gebeutelten Afroamerikaner und ihre Kinder richtet: Wenn wir uns solidarisieren und auf das Gute besinnen, werden wir es schaffen, we shall overcome.

Woods stammt aus Chicago und leitet dort als künstlerische Direktorin die Non-Profit-Organisation Young Chicago Authors. Ihre Gedichte und Schriften behandeln das Leben in der Stadt am Lake Michigan mit besonderem Fokus auf schwarze Frauen. Seit einiger Zeit transportiert sie ihre Inhalte auch musikalisch, vor allem in ihrer Band M&O (Milo & Otis), zuletzt auch als Gastsängerin bei Chance The Rapper und Macklemore. Mit "HEAVN", einem träumerisch leichten, sehr sonnigen R&B- und Soul-Album, veröffentlicht sie via Soundcloud nun ein Debüt, das nicht besser in die angespannte Zeit passen könnte. Vor allem, weil es auf unaufdringliche, ganz und gar unprätentiöse Weise Hoffnung und Optimismus verbreiten möchte, wo allzu oft Frust, Leid und Gewalt im Vordergrund stehen. Ihre Technik ist collagenhaft: Immer wieder sind es Fremdstimmen wie der Schulchor oder aufgezeichnete Telefonkonversationen, die zu ergänzenden Interludien zwischen den Songs werden.

In "VRY BLK" zum Beispiel, einem der besten Tracks, erzählt eine Frau, wie sie sich bei der Arbeit unter schwarzen Kolleginnen köstlich über einen vor allem bei Afroamerikanern bekannten Kinderreim amüsiert hat, während die weißen Mitarbeiter keine Ahnung hatten, worum es geht: Blackness als positiv gewertetes Distinktionsmerkmal.

Stilistisch bedient sich Woods, die von aufstrebenden Chicagoer Produzenten wie Saba, oddCouple und Kweku Collins unterstützt wurde, beim Gänseblümchen-Rap der frühen Neunziger: Naive, sehr eingängige Sesamstraßen-Melodien, ein jazziger, schwingender Sound und simple Beats erinnern an Arrested Development und De La Soul, das trip-hoppende "BLK Girl Soldier" auch an Neneh Cherry. In den Balladen setzen Gitarren- oder Orgel-Sounds warme Blue-Note-Akzente.

Sanft umarmend entwickelt Woods eine unwiderstehliche Vision von Black Magic, aus der, in einer besseren Welt, Gerechtigkeit erwachsen kann: "Black boys go to heaven, policemen go to…", heißt es in "VRY BLK" - ob die Zeile auf "Hell" oder "Jail" endet, kann man sich aussuchen. Es geht hier aber nicht um Beschwichtigung oder Eskapismus, sondern um jene Mischung aus Widerstandskraft und Geschmeidigkeit, die man Resilienz nennt: "Floating quietely out of trouble". Dann wird aus dem Kriegsgebiet "Chi-raq" ein himmlischer Ort. Vielleicht. Hoffentlich. (7.9) Andreas Borcholte

Dreezy - "No Hard Feelings"
(Interscope/Universal, seit 22. Juli)

Auch in den Tracks, die Seandrea Sledge alias Dreezy auf ihrem Debüt-Album zu einer Erzählung verknüpft, ist Chicago eine Kriegszone. Allerdings geht es hier nicht um ethnische und soziale Verwerfungen in urbanen Räumen, sondern um das Schlachtfeld Liebe. Es beginnt mit einem der generischen, enervierenden Handyklingeltöne, die einem überall ins Ohr dudeln - und mit schlechten Nachrichten: Eine Freunden berichtet Dreezy davon, dass sie ihren Freund mit einer anderen Frau gesehen habe. "Das war nur meine Cousine", stammelt der Cheater noch ein paar Songs weiter, aber da ist die Liebe schon ruiniert. Jamal kann noch so oft betrunken auf ihre Mailbox lallen, die Frau ist weg - und beginnt sich für den erst mal smarter wirkenden Sean zu interessieren. Der muss sich die "Princess of Chicago rap", wie sie von lokalen Medien schon mal genannt wurde, aber erst verdienen: "I'm not that easy/ You should know Dreezy."

Man kennt Dreezy bisher aus diversen Features (u.a. Nicki Minaj) und ihrem R&B-Pop-Hit "Body", der zu Beginn des Jahres in die Charts ging. Das Versprechen, eine Art rappende Rihanna der Trap-Rap-Szene zu werden, löst sie mit ihrem Debüt jetzt ein. Ein Musterbeispiel für weibliche musikalische Selbstbestimmung ist Dreezy allerdings nicht: Für die kompetent und zeitgemäß verstoppten Swing-Beats waren durchweg Männer zuständig, von Trap-Producer Southside (Future) über Grimes- und Bieber-Gehilfe Bloodpop bis zu Kendrick-Lamar-Intimus Terrace Martin, der Tracks wie "Worth It" zu schön vertrackten Jazz-Exkursen macht. Auch die Features, Gucci Mane, Wale und T-Pain zeugen von klassischer, maskulin definierter Label-Arbeit.

Ein Old-School-Modell, an dem nichts verkehrt ist, wenn am Ende, bei aller Diversität der hier angewandten R&B-Stile, ein so überraschend charakterstarkes und kohärentes Album herauskommt, auf dem sich die immer charmant verkatert-verkratzt klingende Dreezy als versierte Reim- und Songschreiberin empfiehlt. Sie versteht sich auf szenische Beschreibungen und lakonische Situationskomik ebenso wie auf seelenvolle, angenehm unsentimentale Balladen. Die Verachtung spuckende "Bad Bitch" beherrscht sie ebenso wie das verletzte Good Girl ("Close To You").

Dass sie das Rap-Genre mit seinen Regeln durchdrungen hat, zeigt sich daran, dass es die meiste Zeit, ganz durchökonomisiert, weniger um Gefühle als um Stolz und den Wert der Kostbarkeit Dreezy geht, um die sich die beiden im Verlauf des Albums immer trotteliger wirkenden Typen streiten müssen, bis im Finale Schüsse fallen. Und Dreezy als Schicksalslenkerin über dieser Kampfarena thront. "I was made for this", singt sie im letzten Track und fühlt sich "invincible", unbesiegbar. Was für eine Drama-Queen. (7.7) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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Laprivan 26.07.2016
1. Musik für...
Zahnarztpraxen oder Aufzüge. Ein bisschen mehr Leben in der Auswahl bitte. Die letzten Wochen waren wirklich den Tod in weichgespülten Noten.
Nebhrid 26.07.2016
2. JaKönigJa
ist zumindest meiner Meinung nach ein Lichtblick in der deutschsprachigen Hölle. Gute Texte, ok gab es schon mal, mit guten Arrangements, schon eher selten. !:0 für Deutschland und es bleibt unbeachtet, traurig.
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