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Videoclip "Drone Bomb Me": Die Tränen von Naomi und die Stimme von Anohni

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Eleganter und berührender wurden Pop und Politik lange nicht zusammengeführt: Im neuen Videoclip "Drone Bomb Me" der Künstlerin Anohni offenbaren sich Unterdrückung und Schmerz in den Tränen von Top-Model Naomi Campbell.

Videostill aus dem Clip "Drone Bomb Me" mit Naomi Campbell Zur Großansicht
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Videostill aus dem Clip "Drone Bomb Me" mit Naomi Campbell

Erst im Mai wird das Debütalbum von Anohni erscheinen. Die Stimme der britischen Sängerin, ein flehender, zittriger Falsettgesang, ist Popfans allerdings gut bekannt: Anohni hieß bisher Antony Hegarty und veröffentlichte als Antony And The Johnsons hinreißende Balladen.

Für ihr neues Projekt tat sie sich mit dem amerikanischen Elektronik-Avantgardisten Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never und dem schottischen Produzenten und Musiker Hudson Mohawke zusammen, der unter anderem Beats für Kanye West und Azealia Banks lieferte. Besser geht gefühlvolle, musikalisch und inhaltlich akute Popmusik gerade nicht.

Hinzu kommt ein betont politischer Angang: Die erste Anohni-Single "4 Degrees" beschäftigte sich mit globaler Klima-Erwärmung, und auch "Manta Ray", der für einen Oscar nominierte Song, den Anohni gemeinsam mit dem Komponisten J. Ralph für den Film "Racing Extinction" interpretierte, behandelte mit dem Aussterben bedrohter Tierarten ein gesellschaftlich relevantes Thema.

Am Mittwochabend hatte nun "Drone Bomb Me", der zweite Song aus dem dystopisch "Hopelessness" betitelten Album Premiere - mit einem Videoclip, der gleichermaßen anrührt und aufrüttelt. Top-Model Naomi Campbell singt die zerbrechlichen Zeilen von Anohni, während sie in einem düsteren Raum auf einem groben Holzthron sitzt, der zu Folterzwecken entworfen zu sein scheint.

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Alice O'Malley

Sängerin Anohni

Campbell, gestylt von Givenchy-Designer Riccardo Tisci, trägt zunächst eine Tarn-Uniform mit hohen Lackstiefeln, später ein viel Haut zeigendes Fetisch-Ensemble mit stilisierter Dornenkrone, die auch ein Abbild des Sternenkrönchens der New Yorker Freiheitsstatue sein könnte. Vor ihrem Thron winden sich kaum bekleidete schwarze Tänzer in ekstatischen Bewegungen. Regie führte der australische Videoclip-Expressionist Nabil Elderkin.

"Drone bomb me/ Blow me from the mountains/ And into the sea/ Blow me from the side of the mountain/ Blow my head off/ Explode my crystal guts/ Lay my purple on the grass", solche martialischen Zeilen singt Anohni/Naomi mit widersprüchlicher Sanftheit - und alsbald fließen Tränen über ihr direkt der Kamera zugewandtes Gesicht. Eine Anklage: Offenbar stellt sie ein Mädchen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak dar, deren Familie von einem amerikanischen Drohnen-Angriff ausgelöscht wurde. Der Symbolismus dieses eindrücklichen Clips hört bei dieser Interpretation jedoch nicht auf: Man kann Campbells Figur auch als Anwältin unterdrückter Afroamerikaner in den USA betrachten, der Text ließe sich auch als abgründige, obsessiv-masochistische Liebesfantasie lesen wie bei Anohnis im gleichen Genre angesiedelten Kollegin FKA Twigs.

Die Erhabenheit des Videos spiegelt sich in der Musik von "Drone Bomb Me": Über verschleppten R&B- und Dubstep-Beats öffnet sich ein Geräuschraum mit verfremdeten Synthie-Fanfaren und verhallenden Soundakzenten, die im Verlauf des Songs zu einer mitreißenden Hymne anschwellen und am Ende im besinnlich-beseelten Orgel-Outro implodieren. Ein hochemotionales Zusammenspiel aus Bildern und Musik, das einen so schnell nicht mehr loslassen wird.

Anohni - "Drone Bomb Me":

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Das Problem dabei ist nur,
dbrown 10.03.2016
daß man das diesem Model nicht wirklich abnehmen kann
2.
g.s.hess 11.03.2016
Grauenhaft. Vielleicht ist es einfach nicht mein Geschmack aber die Stimme ist doch schrecklich. Warum hat man nicht einfach ein echtes Mädchen/Frau aus dem mittleren Osten genommen?
3. Mittel des Ostens?
cdregistry 09.05.2016
Schon an den ersten beiden Kommentaren lässt sich erkennen, dass mit diesem Song/Video und der Produktion alles richtig gemacht wurde. Es muss polarisieren, sonst ist es irrelevant. Jeder fährt sich seinen eigenen Film über das, was er für sich gut findet. Oder nicht. Immer weniger sind fähig, sich mit Dingen zu beschäftigen, und sie zu begreifen, auch wenn sie sie persönlich erst nicht mögen. Auch wenn man eine solche Stimme nicht mag, ist es doch möglich, sie zu begreifen. Genau wie das Video. Dazu gehört, dass man sich damit auseinander setzt. Dazu fehlt heute eben oft die Aufmerksamkeit und synaptische Verbarbeitungsspanne. Oder wie Prince sagte: Sign o the times. Naomi Campbell ist polarisationsmäßig und promomäßig eine gute Wahl, wenn auch erst auf den zweiten Blick. Ein Mädchen aus dem Nahen Osten zu nehmen, nun...dann hätte es auch wieder Kräherei gegeben. Was kann man heute als Künstler also überhaupt noch tun? Es allen recht machen? Bloss nicht aus der Masse stechen? Nein, ein Künstler in der heutigen Zeit lässt besser gleich alles sein, um nicht für alles was er tut, in Echtzeit nieder kritisiert zu werden. Oder es ist ihm sch..egal. Er/Sie/Es nutzt genau dieses Potenzial. Gute Entscheidung, Anohni. Der junge Bruce Springsteen und nicht zuletzt Prince, hatten auf ihre Weise inhaltlich einen ähnlichen Weg gewählt.
4. Mittel des Ostens?
cdregistry 09.05.2016
Schon an den ersten beiden Kommentaren lässt sich erkennen, dass mit diesem Song/Video und der Produktion alles richtig gemacht wurde. Es muss polarisieren, sonst ist es irrelevant. Jeder fährt sich seinen eigenen Film über das, was er für sich gut findet. Oder nicht. Immer weniger sind fähig, sich mit Dingen zu beschäftigen, und sie zu begreifen, auch wenn sie sie persönlich erst nicht mögen. Auch wenn man eine solche Stimme nicht mag, ist es doch möglich, sie zu begreifen. Genau wie das Video. Dazu gehört, dass man sich damit auseinander setzt. Dazu fehlt heute eben oft die Aufmerksamkeit und synaptische Verbarbeitungsspanne. Oder wie Prince sagte: Sign o the times. Naomi Campbell ist polarisationsmäßig und promomäßig eine gute Wahl, wenn auch erst auf den zweiten Blick. Ein Mädchen aus dem Nahen Osten zu nehmen, nun...dann hätte es auch wieder Kräherei gegeben. Was kann man heute als Künstler also überhaupt noch tun? Es allen recht machen? Bloss nicht aus der Masse stechen? Nein, ein Künstler in der heutigen Zeit lässt besser gleich alles sein, um nicht für alles was er tut, in Echtzeit nieder kritisiert zu werden. Oder es ist ihm sch..egal. Er/Sie/Es nutzt genau dieses Potenzial. Gute Entscheidung, Anohni. Der junge Bruce Springsteen und nicht zuletzt Prince, hatten auf ihre Weise inhaltlich einen ähnlichen Weg gewählt.
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