DSDS-Halbfinale "Meine verfickte Fresse"

Lisa ist raus, Martin ist weiter, Mark kann’s nicht fassen: Bei "Deutschland sucht den Superstar" gingen die Gesangs-Gladiatoren von RTL gestern Abend in die vorletzte Runde. Doch von Dramatik und großen Gefühlen fehlte fast jede Spur. Heidi Klums Top-Model-Seifenoper ist gerade spannender, weil ehrlicher.

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Nach dem im engen Verbund mit der "Bild"-Zeitung sehr medienwirksam inszenierten Abgang des DSDS-Kandidaten Max Buskohl in der vergangenen Woche hat RTL es geschafft, das öffentliche Interesse für die Gesangsshow noch einmal kräftig anzukurbeln. Dabei waren die Quoten noch nicht mal schlecht. Aber Zoff unter den Juroren und ein 18-jähriger Möchtegern-Rocker, der sich gegen die Regeln des mächtigen RTL auflehnt - mein lieber Herr Gesangsverein, mag sich gestern Abend so mancher Zuschauer gedacht haben, da schalte ich doch glatt noch mal ein!

Wer sich jedoch beim Halbfinale gestern Abend um 20.15 Uhr tatsächlich eine Auseinandersetzung mit dem "größten TV-Skandal des Jahres" ("Bild") erhofft hatte, wurde enttäuscht: So glatt, so bieder und so langweilig wie eh und je spulte der Sender seine derzeit populärste Show ab. Die schmutzige Wäsche sollen da draußen die anderen mit ihren Schlagzeilen waschen, bei DSDS blieb alles so steril und glatt wie die kaltblau leuchtende Studiokulisse. Dass Musik etwas mit Emotion zu tun hat, dass Rock'n'Roll mal für Rebellion stand, spielt vor diesem riesigen Casting-Bluescreen keine Rolle: Max will lieber mit seiner Band Karriere machen, statt Superstar zu werden? Klar, soll er, wird schon sehen, was er davon hat. Holen wir halt den braven Martin Stosch zurück, der wurde zwar letzte Woche rausgewählt, hat aber nicht solche Allüren.

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Martin Stosch. Der 16-Jährige mit dem unmöglichen Namen und der Ausstrahlung eines ungesalzenen Reiscrackers ("Das ist Wahnsinn. Erst war ich weg, jetzt bin ich wieder da.") ist im Finale der Show, zusammen mit Mark Medlock, dem schwulen Soul-Sänger und Bohlen-Favoriten. Lisa Bund, der Kelly-Clarkson-Verschnitt, bekam anscheinend nicht genug Anrufe vom Publikum, so dass Stosch nun wieder eine Chance auf den Titel hat. Gegen den weitaus besseren Sänger Medlock (Bohlen: "Der hat Groove in der Blutbahn") hat das blauäugige Büblein keine Chance? Abwarten. Jedes Volk bekommt den Star, den es verdient - oder sich aus purer Jux und Dollerei selbst erwählt. Man bedenke: Auch Alexander Klaws war mal "Superstar".

Singen ist Nebensache

Mit der Suche nach Talenten, das wurde in dieser turbulenten Woche wohl auch dem letzten Optimisten klar, hat DSDS nichts zu tun. Die Show funktioniert wie eine Seifenoper und generiert Emotionen über den Wettkampf der unterschiedlichen Typen und Biografien. Wie gut einer singen kann, interessiert nur am Rande, das Thema des Castings ist letztlich austauschbar, es könnte auch ums Kochen gehen. Oder ums Tanzen. Hauptsache, die Regeln werden befolgt. Aussteiger mit eigenem Willen wie Max Buskohl sind unbequem und daher unerwünscht.

Nicht umsonst wird immer wieder betont, dass "Superstar" zu werden Mark Medlocks letzte Chance im Leben ist. Wie oft musste man sich anhören, dass Lisa Bund nicht als Verkäuferin im Dessous-Laden ihrer Mutter versauern wollte und früher mit ihrem Übergewicht zu kämpfen hatte - Geschichten wie diese sind es, die Zuschauer dazu bewegen, für einen Kandidaten anzurufen, sicher nicht die hundertste hingestümperte Version von Mariah Careys "Hero".

Bei RTL geht es ja ohnehin nur um die kostenpflichtigen Anrufe und die Einschaltquote. Wen kümmert schon der Gewinner, wenn die Show gelaufen ist und die nächste Staffel schon vorbereitet wird? Die Plattenfirma Sony BMG dürfte da schon mehr Interesse am nachhaltigen Erfolg des Superstars haben, aber da frisst der Erfolg eben seine Kinder: Je mehr RTL die Kandidaten in den Casting-Runden der Lächerlichkeit preisgibt und arme Opfer wie Johanna ("Ich hab die Haare schön") immer wieder live denunziert, desto weniger ist das Konsumentenvolk bereit, in den Gesangs-Gladiatoren, die es in die Motto-Shows schaffen, echte Talente oder gar ernstzunehmende Stars zu erkennen. So sind die Karteileichen mittlerweile Legion und stolpern wie Untote durch die ewige Verwertungskette der "ultimativen Chartshows" oder "10 peinlichsten DSDS-Momente": Alexander Klaws, Elli, Daniel Küblböck, Tobias Regner. Vielleicht gesellen sich schon bald Martin Stosch oder Mark Medlock dazu. Zweit- und Drittplatzierte werden eh vergessen.

Kandidatin Lisa aus Hattersheim, zwanghaft wie Grisu, der kleine Drache: "Ich will Superstar werden"
DDP

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Zynisch ist, dass in der Show noch immer so getan wird, als sei DSDS mehr als ein Zirkus mit zu vielen traurigen Clowns. Gestern Abend musste jeder der drei letzten Kandidaten einmal den Satz sagen: "Ich will Superstar werden", als müsste man den verräterischen Beelzebub Max Buskohl mit einem speziellen Glaubensbekenntnis austreiben. Martin Stosch machte das in der ihm eigenen Farblosigkeit, Lisa Bund klang dabei so zwanghaft wie Grisu, der kleine Drache, der unbedingt Feuerwehrmann werden will, und Mark Medlock hauchte es so beiläufig hin, wie er auch seine Songs singt. Am Ende war er es, der Nerven zeigte. "Meine verfickte Fresse!" entfuhr es dem 28-Jährigen, als endlich die Spannung gelöst und verkündet wurde, dass er im Finale ist. Als ihm dann auch noch die Tränen in Strömen die Wangen runterliefen, haben sie bei RTL bestimmt gejubelt, denn das war schon fast der einzige Moment der insgesamt knapp dreistündigen Show, in der Gefühle hochkochten. Gefühle bringen Quote.

Zickenterror statt Superstar-Salbung

Doch die Illusion, der Traum von der Möglichkeit eines echten Superstars, ist längst zerplatzt. Mit dem Buskohl-Exorzismus hat RTL zwar sein Millionenspiel gerettet und die Quote bis zum Finale gesichert, aber dem Format auch brutal die Maske heruntergerissen: Hier werden keine Stars gemacht, sondern Talente verheizt. Muss man sich das ansehen, wenn Stosch und Medlock nächste Woche gute Miene zum bösen Spiel machen und die Jury noch einmal mit verbalen Wattebäuschen um sich wirft?

Transparenter in ihrer Unmoral ist da gerade eine andere Casting-Show, die ebenfalls aufs Finale zusteuert: Bei Heidi Klums Suche nach "Germany's Next Topmodel" ging es letzte Woche ebenfalls hoch her, das hat nur keiner so richtig gemerkt, weil die "Bild" nicht mitzog. Die ultra-ehrgeizige Model-Aspirantin Fiona verpetzte gegenüber der Jury zwei andere Kandidatinnen, die angeblich gar keinen Bock mehr auf die ganze Show hätten. Wie infam! Was für ein hässliches Entlein! Als Zuschauer erwartete man natürlich die sofortige Moralpredigt der empörten Juroren, wenn nicht den sofortigen Rausschmiss für die Denunziantin.

Aber was passierte? Fiona wurde gelobt und kam weiter - die beiden Verpetzten wurden zur Rechenschaft gezogen, gehen musste allerdings auch von ihnen keine. Unmissverständliche Botschaft: Vorbild Fiona! Wer Top-Model werden will, muss rücksichtslos, egozentrisch und vor lauter Eifer- und Geltungssucht schon halb irre geworden sein. So viel Bekenntnis zur Ellenbogengesellschaft führte wenigstens zu ordentlich Schmollen unter den anderen Möchtegern-Models. Und schon fiebert man der nächsten Folge entgegen. Lieber ehrlicher Zickenterror auf ProSieben als scheinheilige Superstar-Salbung bei RTL.



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