Dunkle Prinzessin

Was für ein Alpentraum! Die Österreicherin Soap&Skin kann zwei Dinge besonders gut: vielsagend schweigen und so wunderbar dramatisch traurige Lieder singen, dass man ihr einfach zuhören muss.


Beim Erstkontakt mit ihrem Publikum vor bald drei Jahren war das Mädchen so nervös, dass es sich mit einem skurrilen Schutzwall umgab. Obwohl überhaupt nur etwa 20 Zuhörer gekommen waren, versteckte sich Anja Plaschg bei ihrem Debüt-Konzert hinter Mengen von Toilettenpapier, das in Streifen von der Decke hing. Das Klopapier sollte damals, im Juni 2006, in einem kleinen Laden in Graz "wie eine Wand zwischen mir und den Menschen" stehen, so die Österreicherin. Aber die Nerven der feinfühligen Künstlerin beruhigte das nur "marginal".

Mittlerweile muss sich Plaschg mit einem viel größeren Publikum arrangieren. Unter dem Namen Soap&Skin macht sie Musik, die eine rasant anwachsende Schar von Hörern und Kritikern verzückt: "Plaschg ist eine Sensation" ("Zeit Online"), "eine der schönsten Stimmen für die komplizierte Genesis der Seele" ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung").

Am 13. März erscheint nun "Lovetune for Vacuum", das Debüt-Album von Soap&Skin, dessen herausragende Qualität den Trubel um Frau Plaschg vollkommen rechtfertigt. 13 schaurigschöne Klagelieder auf Englisch mit viel Klavier und ein wenig Elektro-Geschnurre. Die Stücke haben bezeichnend düstere Titel: "Thanatos", "Extinguish Me" oder "Marche funèbre", Trauermarsch. Veredelt wird die bittersüße Tristesse von Plaschgs anrührendem Gesang, der an Kate Bush, Nico und ähnlich exzentrische Könnerinnen erinnert.

Angemessen dunkel dreinblickend, bleich und gespenstisch präsentiert sich die 18-Jährige auch auf dem Platten-Cover. Im Gespräch wahrt sie ebenfalls eine kühle Distanz. Da sitzt, durchaus angespannt, eine fragile junge Frau mit mächtigem schwarzem Haar und dunkler Kleidung, die lieber schweigt als spricht, die eher mit den Augen rollt und schmollend die Mundwinkel verzieht, als dass sie Worte verschwendet.

Über ihre bemerkenswerte Platte mag sie nur gequält Auskunft geben. Woher all diese getragenen Lieder stammen? "Die kommen einfach, aber man kann sich nicht darauf verlassen", sagt sie, nach angemessenem Schweigen.

Und ihre Melancholie? Schweigen. "Schwierig", flüstert sie und fügt nach langem Grübeln hinzu: "Aber wenn einen mal Glück überkommt, wäre es auch dumm, sich dem nicht hinzugeben."

Von größeren Katastrophen und Unglücken in der Biografie dieser Schwermuts-Prinzessin ist allerdings nichts bekannt. Im Gegenteil. Anja Plaschg ist in einem idyllischen 2000-Seelen-Dorf namens Gnas in der Steiermark aufgewachsen. Der Vater betreibt dort eine Schweinezucht, die Tochter beginnt mit 7 Klavier zu spielen, schreibt erste Lieder mit 14 und macht sich aus dem Staub. "Ich war froh, als ich weg war."

Erst zieht es sie ins nahe gelegene Graz, mit 16 kommt sie nach Wien und bewirbt sich an der Kunstakademie, wo sie in der Klasse von Maler-Star Daniel Richter aufgenommen wird. Malen tut sie da allerdings nicht, "kein einziges Bild", sagt sie. Was hat sie dort dann gelernt? Sie lächelt lange. "Daniel Richter hat sich viel mehr für meine Musik als meine Malerei interessiert." Nach drei Semestern packt sie ihr unbenutztes Malzeug wieder zusammen.

Ihre erste Veröffentlichung war dann im Sommer 2006 ein Lied auf einem Sampler eines coolen Winz-Labels mit dem absonderlichen Namen Shitkatapult.

Damals begann der Wirbel um die Österreicherin. Als Anlaufstelle entrückter Verehrer fungiert ihre MySpace-Seite. Ja, dem Internet habe sie viel zu verdanken, wispert sie.

Anders ist es auch nicht zu erklären, dass sie schon im hippen New Yorker Stadtteil Williamsburg in einem Plattenladen erkannt und angesprochen wurde: "Zu kaufen gab es da nichts von mir!", staunt sie immer noch.

Natürlich ist Soap&Skin auch, ganz altmodisch, ein Marketingtraum für Plattenfirmen: eine Künstlerin, die nicht nur fotogen ist, sondern irgendwie geheimnisvoll und obendrein tatsächlich mit Talent gesegnet. Und auch ihre Jugend ist ein toller Trumpf. Fühlt sie den Teenager-Bonus? Schweigen. "Pffffffft" - atmet sie recht genervt aus. Und sagt abgeklärt, sie wisse, dass es damit ohnehin bald vorbei sei.

Zur eigenen Erbauung hört die Schmerzens-Sirene bevorzugt klassische Musik. Favoriten sind Beethoven, Schumann, Chopin und Rachmaninow. Auch Minimal-Techno hat sie ins Herz geschlossen. Aber tanzend in einem Techno-Club kann man sich Anja Plaschg dann doch nicht vorstellen. Oder?

"Nein!" Aber was ist eigentlich ihre Vorstellung von Spaß und Freude? "Spaaaaaß?", fragt sie gedehnt. "Ich habe Spaß am menschlichen Zirkus. Der ist doch immer wieder toll", sagt sie und lacht tatsächlich. Aber nur ganz kurz.


CD: Lovetune for Vacuum.
Tournee: 19.3. Mannheim, 25.3. Hamburg, 26.3. Berlin, 27.3. Leipzig.



© KulturSPIEGEL 3/2009
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