Top-Dirigent Nelsons: Der flotte Lette

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Beste Orchester folgen ihm zu Höhenflügen, Solisten liegen ihm zu Füßen: Der junge lettische Dirigent Andris Nelsons macht derzeit alles richtig. Worin seine Faszination liegt, zeigen neue DVDs - aber auch, dass Charisma von Können kommt.

Topdirigent Nelsons: Jugend forsch Fotos
AFP

Nelsons hier, Nelsons da: Klassikfans konnten dem lettischen Dirigenten Andris Nelsons in den vergangenen zwölf Monaten kaum entgehen, so geschwind und gewitzt fegte er als Faktotum der Klassikwelt durch die Konzertsäle Europas. Von Bayreuth, London, Berlin und Luzern, aber auch bis zum Bremer Musikfest führte ihn die Tournee, und es eilte ihm stets der Ruf voraus, Publikum und Orchestermusiker im Sturm zu erobern. Man muss ihn einfach gesehen haben, um diese Faszination zu verstehen. Im Falle Nelsons lohnen sich sogar die sonst oft drögen DVD-Mitschnitte von Symphoniekonzerten: Auch auf dem Bildschirm verblüfft der Maestro mit Charisma und strahlt charmant vom Podium. Da darf man sich ruhig an Leonard Bernstein erinnert fühlen.

Beim Luzern Festival 2011 entstanden an zwei aufeinander folgenden Tagen die Konzertaufnahmen, die auf den soeben erschienenen DVDs festgehalten sind. Natürlich ist Nelsons auch ein guter Vermarkter seiner selbst, denn die eine DVD präsentiert das Tourneeprogramm, das er mit dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam absolvierte - nach Meinung der Experten des britischen "Gramophone"-Fachblattes einem der besten Klangkörper der Welt. Manche Konzertbesucher werden entschlossen zugreifen, denn das Programm klingt ebenso maßgeschneidert für den Dirigenten wie fürs Orchester. Nicht allzu volkstümlich, nicht zu abgedreht, nie atonal und voll von Schwelgemomenten und lettisch-kühler Klarheit: Fülle und gestalterische Vision in überzeugendster Form.

Frischer Wind für Strauss und Wagner

Entsprechend fulminant wiegt der Konzert-Start mit Richard Wagners "Rienzi"-Ouvertüre, in der die tänzerisch-leichten Momente Nelsons am besten gelingen. Sein smartes Lächeln und seine Körpersprache verraten ein inneres Triumphieren, das er aufs Orchester überträgt. Sein Händchen für Wagner hatte er schon 2010 bei seiner "Lohengrin"-Premiere in Bayreuth bewiesen. Wo andere Dirigenten, zumindest beim ersten Mal, behutsam tasten oder mit der Klangtechnik hadern, galoppierte er einfach los - und handelte sich im Ziel kaum die Bayreuth-üblichen Premieren-Buhs ein.

Feines Klanggewebe dann beim "Sieben-Schleier-Tanz" aus Richard Strauss' "Salome", mit dem das Amsterdamer Orchester seinen Beinamen "königlich" auf glaubwürdigste Weise rechtfertigt. Die achte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch schließt darauf logisch an: Nelsons dirigiert ökonomisch aber mit sicher, doch er agiert mit ganzer Persönlichkeit, entschwebt nicht, sondern bleibt dicht bei seinem Orchester. Er lächelt und führt dabei fest. Es funktioniert einfach.

Am zweiten Tag dasselbe perfekte Spiel, mit anderem Programm. Beethoven zum Auftakt ("Ruinen von Athen"), dann mit dem Solisten Yefim Bronfman das fordernde fünfte Klavierkonzert Beethovens, als Schluss die "Scheherazade" von Nikolai Rimski-Korsakow. Auch im Duo mit dem Kraft-Pianisten Bronfman erschafft Nelsons Harmonie, wenn auch in dieser Aufnahme die ganz große "Emperor"-Geste des Konzertes fehlen mag. Erlösung dann im russischen-orientalischen Märchenfinale, routiniert und souverän.

Andris Nelsons, geboren 1978 in Riga, war ein erfolgreicher Frühstarter, spielte zunächst Trompete am Opernhaus seiner Heimatstadt, studierte dann in St. Petersburg und wurde 2002 Schüler des ebenfalls in Riga geborenen Mariss Jansons. Schon 2003 übernahm er den Chefposten am Opernhaus seiner Heimatstadt. Heute leitet er neben reger Konzerttätigkeit auch Opern-Produktionen in Wien, London, New York und Berlin.

Als unkonventioneller Geist hält der Maestro wenig von starrer Kleiderordnung: Gern tritt er im schwarzen, locker geschnittenen Hemd auf, seltener in klassischer Frack-Uniform. Bei seinem jüngsten Freiluft-Konzert in der Berliner Waldbühne mit den ortsansässigen Philharmonikern konnte er sich gerade mal zu einem dunklen Anzug mit Krawatte durchringen - was wohl mehr der kühlen Witterung als seinen modischen Vorlieben geschuldet war. Dennoch tanzten auch die Berliner Philharmoniker nach Nelsons fröhlicher Pfeife und träumten sich zielsicher nach Tschaikowskis Russland in Gestalt der fünften Symphonie: Selbst im Berliner Regen strahlt Nelsons Musik hell wie die Sonne.

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