Rettung der E-Gitarre Neue Helden für alte Saiten

Gitarrengötter wie Clapton und Santana sind alt geworden, Hersteller wie Gibson und Fender schreiben rote Zahlen. Da wird doch glatt der Jazz zum Retter für das Heldeninstrument der Rockmusik.

ACT/ Laurent Edeline

"Niemand möchte mehr eine elektrische Gitarre", schlagzeilte das amerikanische Online-Magazine "Quartz" im Juni und veröffentlichte verstörende Zahlen: In den USA sank der Verkauf des Instruments von 1,5 Millionen Stück im Jahr 2007 auf derzeit rund eine Million Exemplare im Jahr. Statt wie früher 2,1 Milliarden Dollar jährlich setzte Gibson in den vergangenen drei Jahren jeweils nur 1,6 Milliarden um. Der bedeutendste Gitarrenhersteller schreibt - wie sein Rivale Fender - rote Zahlen. "Guitar Center", Amerikas größte Musikinstrument-Kette, hat 1,6 Milliarden Dollar Schulden.

"Wir brauchen Gitarren-Helden", erklärt George Gruhn aus Nashville. Der 71-jährige Geschäftsmann hat Idolen wie Eric Clapton und Paul McCartney Gitarren verkauft und trauert den Zeiten nach, als junge Leute nach dem Erscheinen von Jimi-Hendrix- oder Beatles-Platten in die Geschäfte fluteten und nach neuen Verstärkern und Fußpedalen fragten. "Die elektrische Gitarre war neu und faszinierend", erzählte McCartney der "Washington Post", "und eine Menge begabter Musiker eiferten Typen wie B.B. King und Buddy Guy nach."

Heute experimentieren viele Musikfans oft lieber mit dem Computer. Die Erfindung von Portastudio 144 und der DMX Drum Machine haben die Welt verändert. Statt mit einer Band ins Studio zu gehen, kann man Musik im Zimmer produzieren. Man holt sich Samples und Beats aus dem Netz. Angesichts dieses Trends diagnostiziert der amerikanische Musik-Journalist Geoff Edgers den "langsamen, geheimen Tod der elektrischen Gitarre".

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Neuer Jazz: Gitarrendämmerung

Untergangsprophet Edgers hat freilich nur die Rock- und Popbranche im Blick. Im Jazz dagegen hält die Gitarre ihren Platz. ECM-Manager Christian Stolberg kann sogar von einem Boom sprechen. Denn das Münchner Label, das seit Jahrzehnten Alben von bewährten US-Größen wie Bill Frisell, Ralph Towner und John Abercrombie veröffentlicht, hat nun auch europäische Gitarristen unter Vertrag genommen: Den Österreicher Wolfgang Muthspiel, den Dänen Jakob Bros und den in Berlin lebenden Ungarn Ferenc Snetberger. Sting-Gitarrist Dominik Miller bringt neuerdings bei ECM Alben unter eigenem Namen heraus.

Ein Jazz-Gitarrist spielt Pink-Floyd-Musik

"Gitarren-Platten gehen gut", sagt auch Michael Gottfried vom Jazz-Label Act und erwähnt besonders Nguyen Le. Der aus Vietnam stammende Pariser war der erste Musiker, mit dem Act nach seiner Gründung 1992 einen Exklusiv-Vertrag abschloss - sozusagen aus dem Nichts: Le sprang ein, als Gitarren-Star Al di Meola zu einer Jazz-Flamenco-Produktion nicht erschien.

Seitdem hat der inzwischen 58-Jährige nicht weniger als 18 Alben unter seinem Namen herausgebracht. Les Nähe zur Weltmusik und zum Rock spricht ein großes Publikum an. Sein vorletztes Album war seine Interpretation von Pink Floyds "The Dark Side Of The Moon" mit der NDR Bigband - eine jazzige Hommage an den progressiven Rock. Für die im Jazz anhaltende Gitarren-Kontinuität steht das Album "Father And Son". Ulf Wakenius, der als Mitglied des Oscar Peterson Quartets und Begleiter der Sängerin Youn Sun Nah weltbekannt wurde, nahm es mit seinem 28-jährigen Sohn Eric auf.

Keine Frage, im Jazz ist die Gitarre als bedeutendes Instrument präsent. Die Juli-Ausgabe des US-Magazins "Down Beat" hat den stilbildenden Veteranen Bill Frisell auf dem Titel; die deutsche "Jazzthetik" die amerikanische Nachwuchshoffnung Mary Halvorson. Deren neue CD wird "eher unterkühlt als sommerlich heiß" beschrieben, als "entspannte Antithese zum Speed-Gitarrismus 'Friday Night in San Francisco'" - jene über zwei Millionen Mal verkaufte Jazz-Flamenco-Platte der Gitarristen Al di Meola, John McLaughlin und Paco de Lucia von 1981.

An die Virtuosität der drei erinnert die Spielweise des 23-jährigen Londoners Rob Luft, der als neues "Wunderkind" gefeiert wird. Der Brite nennt Pat Metheny als sein Vorbild, den Stargast der Leipziger Jazztage, die in diesem Jahr einen Gitarren-Schwerpunkt bieten. Metheny, inzwischen 64, fasziniert seit Jahrzehnten ein Publikum über die Jazz-Gemeinde hinaus - auch weil er neben elektrischen Gitarren immer wieder unverstärkte Instrumente spielt.

Und das ist die gute Nachricht: 2010 wurden in Amerika zum ersten Mal mehr akustische Gitarren verkauft als elektrische - und der Trend hält an. Deshalb, so der Chef des Instrumente-Herstellers Fender, seien "Meldungen vom Tod der Gitarre unmäßig übertrieben".


Aktuelle Alben von Jazz-Gitarristen:
Bill Frisell & Thomas Morgan:
"Small Town" (ECM)
Jakob Bro: "Streams" (ECM)
Ferenc Snetberger: "Titoc" (ECM)
Nguyen Le: "Celebrating The Dark Side of the Moon"
Ulf & Eric Wakenius: "Father And Son" (ACT)
Mary Halverson (with Elliot Sharp and Marc Ribot): "Err Guitar" (Intakt Records)
Rob Luft: "Riser" (Edition Records)



insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
Linus Haagedam 18.07.2017
1. Moden
kommen und gehen und kommen wieder zurück und gehen auch wieder...
tpro 18.07.2017
2.
"...Die Erfindung von Portastudio 144 und der DMX Drum Machine haben die Welt verändert...." Klar doch. Man muß nicht üben und sich die Birne anstrengen. Anschlag- und Spieltechniken bleiben auf der Strecke. Deshalb klingt jede Computermusik gleich. Angefangen hat die Seuche mit MIDI. Jeder Nixkönner wurde über Nacht zum Tastenhero.
Knackeule 18.07.2017
3. Erklärung
1) Rock'n Roll ohne Gitarren geht nicht 2) Rock'n Roll will never die Alles klar ?
angst+money 18.07.2017
4.
Virtuosität ist halt gerade in der Rockmusik ein Bereich, in dem auf einen originellen Musiker Hunderte technisch perfekter Langweiler (aka Nachahmer) kommen. Gilt natürlich nicht nur für Gitarren, deren Hipness-Faktor wird wahrscheinlich auch weiterhin schwanken aber langfristig würde ich mir da keine Sorgen machen. Nur die guitar heroes (lachhafte Bezeichnung) werden in der wohlverdienten Nische vor sich hinrosten - diese Geschichte ist wohl auserzählt.
kronk 18.07.2017
5. Naja...
Also zunächst Mal ist ein Rückgang von 1,5 Millionen auf 1 Million zwar sicher signifikant, aber kein Einbruch! Und logisch, je mehr Instrumente (und dazu muss man bei aller Vernarrtheit ins analoge und händische auch die elektronischen Spielarten zählen) auf den Markt kommen, je mehr neue Genres sich auftun, umso mehr teilt sich der Markt. Dennoch wird es immer genug Leute geben, die auf Rock stehen, seien es die Klassiker oder auch neue Bands. Es heißt ja immer Rock wäre tot. Ja, im Formatradio vielleicht, wo Phil Collins schon Rock ist. Vermutlich muss man auch die Spotify et al. Favorites dazuzählen, da hab ich aber zu wenig Erfahrung. Aber wer sich (nur) dort aufhält, ist dann auch selbst Schuld. Es gibt genug Bands die nach wie vor tolle Musik machen, die weder angestaubt noch zwangsmodern klingen. Anspieltipp: The Dear Hunter (z.B. Waves, A Night On The Town). Dazu muss man auch sehen, dass die Grenzen immer mehr zerfließen, ich denke z.B. an Muse, unbestrittenermaßen eine Rockband mit höchst analogen "Wurzeln", die aber im Zuge ihrer Soundfindung und -evolution die Gitarre auf ihre eigene Weise elektronisieren und so ganz eigene und neue Sounds kreieren. Wenn man da natürlich mümmelt, dass Led Zeppelin solchen Schnickschnack nicht gebraucht haben - jo, stimmt. Und Mozart hat noch nicht mal elektronische Verstärkung gebraucht. Tolle Musik haben trotzdem alle 3 gemacht. Free your mind and open your ears. PS: Ich würde weitere Anspieltipps anderer Foristen sehr begrüßen, denn es ist trotz Internet immer schwierig, neue Perlen zu finden.
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