East Side Oktett Acht Freunde müsst ihr sein!

Franz Schubert komponierte ein Marathon-Oktett, um es dem Kollegen Beethoven mal so richtig zu zeigen. Das Berliner Musik-Ensemble East Side Oktett nahm sich das Monster vor - kombiniert es aber mit einer zeitgenössischen Premiere.

Von

Karola Parry

Manchmal muss man sich eben mit Ludwig van Beethoven messen! Zumindest, wenn es ein adeliger Auftraggeber wünscht. 1799 bereits hatte der Maestro aus Bonn ein Septett für Kammerorchester komponiert, das rasch zum Salon-Hit avancierte und stilistisch Maßstäbe setzte. Beethovens Es-Dur-Werk op. 20 gefiel über die Jahre dem Grafen Troyer, Obersthofmeister beim Erzherzog Rudolph (ein Beethoven-Schüler), so gut, dass er der Überlieferung nach bei Schubert ein Gleiches in Auftrag gab. Grund genug für Schubert, schon rein äußerlich draufzusatteln: Er fügte eine zweite Violine hinzu und machte also ein Oktett für Streicher, Kontrabass, Horn, Klarinette und Fagott daraus. Obendrein wurde das Werk mit rund 50 Minuten Spieldauer noch zehn Minuten länger als das Beethoven-Vorbild. Marathon für Musiker.

Ein kleines Wunder also, wenn man ein solches Kammermusik-Gebirge dennoch als luftige Sommerfrische wahrnehmen kann. Das Berliner East Side Oktett präsentierte seine jetzt auf CD erschienene Version von Schuberts Monster im Jazzclub des Bahnhofs Hamburg-Harburg, dessen Akustik erstaunlich günstig für das Schubert-Stück wirkte. Aufgestellt im lockeren Halbkreis, ohne steife Sitzordnung, nahm das Ensemble schnell Fahrt auf, fast wie Straßenmusikanten, die ihr Publikum schnell mit zupackendem Ton überzeugen wollen. Vielleicht verströmte die lässige Club-Atmosphäre die optimale Übersetzung der biedermeierlichen Salons der Schubertzeit, in denen man sich ja auch zwanglos zur zeitgenössischen Popmusik traf.

Alle East-Side-Virtuosen sind hauptberuflich Mitglieder des Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das in Konkurrenz zur Staatskapelle und den Philharmonikern der Hauptstadt derzeit unter Leitung von Marek Janowski eine blendende Figur macht und nicht nur durch den großartigen Wagner-CD-Zyklus glänzt. Marek Janowski selbst regte seine Musiker zu dieser Zusammenarbeit an, nachdem bereits die Violinisten Philipp Beckert und Franziska Drechsel gemeinsam mit Andreas Willwohl (Viola) und So Young Lee (Cello) als Quartett im Konzert begeistert hatten. Die Grundlage der Harmonie.

"Dunkle Lichter"

Daraus formte sich 2010 ein Solistenensemble, das nun mit Eleganz und peniblem Feinschliff durch die schubertschen Melodien und Arrangement segelt. Das Oktett fordert viel von den Musikern, die langen Spannungsbögen zu Beginn, im Adagio des zweiten Satzes, aber auch der muntere Volksliedton des kurzen dritten Satzes müssen penibel gewichtet werden. Acht Freunde (und Freundinnen) müsst ihr sein! Die Grenzen zwischen Kammermusik und symphonischem Zuschnitt verschwimmen nur beinahe, das große Wunder liegt im gleichrangigen Zusammenspiel aller Stimmen, dem Zusammenwirken von rhythmischem Herzschlag und melodischem Fluss. Eine Kammersinfonie in der Laborversion, wenn die Formel zur neuen Verbindung logisch und ästhetisch stimmt - nur so und nicht anders.

East Side Oktett - Schubert/Wiegand
Von diesem Prinzip des subtil verwobenen Klanges, weniger vom Schubert-Stil, ließ sich der junge deutsche Komponist Mario Wiegand, 1970 in Chemnitz geboren, zu der Oktett-Komposition "Dunkle Lichter" inspirieren - und er hätte keine engagierteren Paten für die Premiere finden können als die East Side-Musiker. Mit nur knapp acht Minuten kontrastiert sein Werk auch in der Kürze zu Schubert, aber die unmittelbare Innigkeit und tonale Feinheit von Beginn an verblüffen dann doch. Schnell ist der Hörer "drin": Pralle Klangfarben, mal mit breitem Tutti-Strich, mal mit feinem Aquarell-Pinsel aufgetragen, wechseln sich oft rasch ab, bevor Mario Wiegands "Lichter" am Ende zart verglühen. Tonal frei, aber nicht komplett atonal komponiert, bezwingt das kleine Werk mit stilistischer Stringenz gepaart mit abwechslungsreichen Szenen. Ohrenkino in kürzester Form, doch mit nachhaltigen Bildern.

Mario Wiegand, ausgebildet in Weimar und schon in jungen Jahren mit einer Menge Preise dekoriert, komponierte auch international erfolgreiche, größere Werke wie ein Harfenkonzert, das vom Toronto Symphony Orchestra uraufgeführt wurde, dazu Musiktheater-Produktion wie die "Matrix Opera" (2005 in Frankfurt aufgeführt) und "Operette" (2009 Osnabrück), die vom Fachmagazin "Opernwelt" in der Wahl zur Uraufführung des Jahres war.

CD-Angaben:

"Dunkle Lichter - Franz Schubert, Mario Wiegand" (East Side Oktett) CD ES 2051 (Es-Dur/Edel)

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
louisesullivan 01.06.2014
1. Danke Herr Theurich
wann man macht denn schon mal ein Artikel Lust E-Musik zu hören? Hab mich auch schon von Ihrem Perm-Mozart anfixen lassen.
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