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Echo 2004: Fast ein neues Nipplegate

Von Ulf Lippitz

Da nützten auch die Beschimpfungen von Komiker Michael Mittermeier nichts - Dieter Bohlen bekam zwei Auszeichnungen, bei den deutschen Frauen siegte ein Star aus "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten". Richtig überraschend waren nur der Erfolg von Wir sind Helden und ein geplatztes Top auf der Bühne.

Berlin - Gerd Gebhardt gibt zu Beginn das Motto des Abends aus. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Phono-Akademie begrüßt die versammelte Branche mit den Worten: "Das war das schlechteste Jahr ever." Er meint die stark zurück gegangenen Verkaufszahlen - es hätte sich aber auch um die Nominierungen handeln können. Nie zuvor stach die Präsenz der durch Casting-Shows und Soap-Operas erfolgreich gewordenen Popstars ins Auge wie dieses Jahr. Die Kollegen aus "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" (Yvonne Catterfeld, Jeanette Biedermann) treten gegen die "Deutschland sucht den Superstar"-Finalisten an (Alexander, Daniel Küblböck, Gracia).

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Echo 2004: Fast ein Nipplegate

Nicht gerade zimperlich greift Michael Mittermeier die allesamt von Dieter Bohlen produzierten Acts an. Der Komiker geißelt in scharfen Tönen die "Diktatur des Dieter Hussein" und fordert: "Wir brauchen echte Bands, echte Helden!" In der um eine Stunde verzögerten TV-Ausstrahlung auf RTL sind einige Sätze nicht zu hören. "Tonstörung", steht auf den Bildschirmen.

Echte Helden gibt es. Überraschend gewinnt das Quartett Wir sind Helden für sein Debüt "Die Reklamation" drei der begehrten Musikpreise ("Newcomer national", "Newcomer Video national" und "Nationaler Radio-Nachwuchs-Preis"). Sängerin Judith Holofernes appelliert in ihrer Dankesrede an die Branche, wieder mit dem Herzen an die Musik zu denken. Dieter Bohlen stellt in seiner Rede klar, "dass er schon mit zehn Jahren nur Musik machen wollte". "Dann fang endlich an", schreit ein Zwischenrufer. Bohlen überhört und bedankt sich artig bei seinem "besten Buddy": Kai Dieckmann, Chefredakteur der "Bild"-Zeitung.

Landung per Raumschiff

Wer geglaubt hat, das Schlimmste sei nun vorbei, wird mit Auftritten von Scooter und Pur eines Besseren belehrt. Scharen von Anwesenden nutzen die Gelegenheit, sich vor dem Saal die Füße zu vertreten - und auf internationale Größen zu warten. Pink absolviert ihren Auftritt in einem Käfig über dem Publikum, Kylie Minogue dreht sehr lasziv die Hüften und die Hip-Hopper von Outkast protzen mit einem opulenten Barock-Set. Das britische Rock-Quartett The Darkness landet in gewohnt bombastischer Manier per Raumschiff auf der Bühne und reißt die Gäste zu Beifallsstürmen hin.

Ein Berliner "Nipplegate" gibt es auch fast. Viva-Moderatorin Gülcan Karahanzi platzt das eng gezurrte Top, so dass Oliver Geissen hinter ihr stehen und den kläglichen Rest zusammenhalten muss, während Karahanzi sich durch eine peinliche Ansage manövriert.

Gegen Ende der Verleihung rührt Dirk Bach erneut in der Wunde der Plattenindustrie. Der offensichtlich angeheiterte Moderator der "Dschungel"-Show fragt mit Blick auf die Nominierten: "Und ihr wundert euch, dass es euch schlecht geht?" Eisige Blicke in den ersten Reihen, wo die versammelte Führungsriege der Branche sitzt.

Anastacia langweilte sich

Auf der Aftershow-Party in der angrenzenden Messehalle wimmelt es von jungen Menschen, die bei Superstar-Castings gewonnen, verloren oder die Teilnahme auf später verschoben haben. Sie treten häufig in Rudeln auf und schauen verschreckt um sich. Sie sind die Verlierer des Abends. Lediglich "We Have A Dream" von den Finalisten der ersten DSDS-Staffel konnte einen Echo einheimsen.

Um Wir sind Helden scharen sich dafür alle: Pro 7-Moderatorinnen, ergraute Plattenmanager von der Konkurrenz und aufgekratzte Party-Girls. Tapfer steht Holofernes die Danksagungen durch. Der Rest der Band kann sich einigermaßen unerkannt an der Bar bedienen. Viva-Moderatorin Sarah Kuttner fragt Schlagzeuger Pola Roy, ob sie die Echos ab und zu putzen dürfte. "Ich bin der offiziell größte Fan von Wir sind Helden", behauptet sie.

Richtig große Stars tummeln sich kaum auf der Party. Fast alle internationalen Preisträger glänzten auf der Verleihung bereits mit Abwesenheit und lustlos herunter gedrehten Video-Botschaften. Die Sängerin Anastacia vermisst womöglich ihre Kollegen. Sie hängt gelangweilt auf der Couch, während der auf neuen Ruhm erpichte US-Rapper Coolio wahllos Frauen anspricht. Erfolg scheint er nicht zu haben. In der Lounge der Plattenfirma EMI sitzt er später mit seinem Konkurrenten aus der "Comeback Show", Limahl, friedlich vereint auf dem Sofa.

Nachdem das Buffet, das dieses Jahr wegen der Krise dünner ausfiel, weggeräumt wird, leert sich die Halle merklich. Auf dem Dancefloor tanzen erste Konstellationen zu Bastard-Pop und frühen Hip-Hop-Titeln - oder besser: führen vor, welche Schritt- und Drehkombinationen sie sich angelernt haben. Kamera-Teams filmen begeistert mit, rücken den Tänzern auf die Pelle und rempeln sie ungeschickt beim Hüftschwung an.

Das ist leider die einzige Reibung, die auf dem Fest zu beobachten ist. Um zwei Uhr sind die so genannten TV-Superstars alle schon im Bett, einige schlafen auf den Betten in den Lounge-Bereichen und viel Zweckoptimismus macht sich breit. Es wird darüber gefachsimpelt, ob Gebhardt mit seiner Prognose Recht behalten wird. "Es wird besser werden", schwor er in seinem Grußwort die Gemeinde der Musikmacher auf sich ein. Es ist bereits besser geworden: Eine ausgesprochene Indie-Band, Wir sind Helden, ist der Gewinner des Abend.

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