Echo 2005 Glamour inmitten der Schmuddel-Idylle

Ein hässliches Hotel in Berlins Problemkiez Neukölln: Inmitten einer Schmuddel-Idylle feierte die Musikbranche die Echo-Verleihungen. Nur eine Band verweigerte sich dem Wunsch nach Harmonie: Rammstein, mit zwei Preisen Gewinner des Abends, war ein knappes "Danke" schon zu viel.

Von Ulf Lippitz


Rammstein: Blieben ihrem schlechten Ruf treu
DPA

Rammstein: Blieben ihrem schlechten Ruf treu

Es ist ein herrlicher Samstagabend im Problemkiez Neukölln. Die Sonne versinkt malerisch über einem der größten Arbeitsämter Berlins, türkische Händler verkaufen das letzte Obst, Jugendliche frisieren ihre Autos, Mittagsbetrunkene torkeln aus den Eck-Kneipen. So weit, so normal - würden nicht laufend dunkle Limousinen über die Sonnenallee düsen. Ihr Ziel: das Estrel Hotel, das größte und, wie manche sagen, auch das hässlichste seiner Art in der Hauptstadt. Hier findet im angrenzenden Convention Center die Verleihung des Echo statt, des deutschen Musikpreises.

Inmitten der Schmuddel-Idylle präsentiert sich die Glamour-Veranstaltung aus einem Grund: Es kriselt. Die Veranstalter müssen sparen. Jedes Jahr vergeben sie weniger Karten, dieses Jahr verzichten sie auf den Show-Act, der den Zuschauern vor der Aufzeichnung einheizen soll. Gerd Gebhardt, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Phono-Akademie, merkt in seinem Grußwort bitter an: "Früher haben wir Musik spielen lassen. Dieses Jahr können wir uns das nicht leisten."

Der Branche geht es schlecht. Die Zahlen rutschen zwar weniger langsam in den Keller, aber sie bewegen sich weiterhin abwärts. Signale der Besserung gibt es trotzdem. Stand die Verleihung 2004 noch im Zeichen der Hoffnung, angesichts von Pop-Retorten müsse ein kreativer Ruck durch die Branche gehen, klopfen sich am Samstagabend die Musikmacher auf die Schulter, den Impuls weitergegeben zu haben. Selten war die Bandbreite der deutschen Künstler so groß, ihr Erfolg so unübersehbar. Viermal war die Bautzener Pop-Band Silbermond nominiert, dreimal der Rapper Sido, die Chansonette Annett Louisan und die Punk-Band Beatsteaks.



Es hat sich etwas getan. Das loben sowohl Moderator Oliver Geißen, der mit Yvonne Catterfield souverän durch das Programm führte, als auch Michael Mittermaier. Der Komiker hatte im vergangenen Jahr die Vorherrschaft Dieter Bohlens stark angegriffen, dieses Mal kommentierte er zufrieden: "Es gibt keine Superstars mehr, wir haben jetzt echte Stars." Die 4000 Zuschauer klatschen. Comedian Oliver Pocher setzt später noch schärfere Akzente. Mit einem Blick hinter die Bühne spottet er: "Beeilen wir uns! Da warten schon Preluders und Overground, um die Bühne umzubauen."

Preluders? Overground? Die Namen der verblichenen Sternchen sucht man vergebens. Silbermond rocken live, die Giessener Gruppe Juli singt live - und die Lokalmatadoren Wir sind Helden präsentieren ihre Swing-Nummer ebenso ohne Playback. Das ist Musik mit Ecken und Macken. Das merkt der Zuschauer allein an den wenig grandiosen Background-Stimmen der drei Helden-Männer, während Judith Holofernes vorne mit Max Raabe zwitschert und ein Tänzchen aufs Parkett legt.

Die Gewinner mäkeln

Das Quartett war für keinen Preis nominiert, ihr Schatten wehte über den gesamten Abend. Die Darlings der Branche haben im Alleingang eine Bewegung in Gang gesetzt - hin zur ehrlichen deutschsprachigen Popmusik. Ihre Nachfolger Silbermond und Juli erfreuen sich immenser Beliebtheit. Doch zu einem Preis-Regen reicht es nicht. Der Gewinner des Abends heißt überraschend Rammstein. Die Berliner Skandal-Band heimst zwei Preise ein (Beste Gruppe Alternative, Bester Live-Act), Silbermond bekommen nur eine der vier Statuen (Nachwuchspreis der Deutschen Phono-Akademie) zugesprochen. Sie sind die Verlierer des Abends.

Silbermond: Bekam nur eine Statue
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Silbermond: Bekam nur eine Statue

Die Gewinner mäkeln - und bleiben ihrem Ruf treu. Die erste Auszeichnung nehmen nur vier der sechs Herren mit einem knappen "Danke" entgegen, die zweite Ehrung holt Sänger Till Lindemann nach einer kleinen Ewigkeit ab. "Danke", raunt er ins Mikrophon, "aber eigentlich haben wir keine Lust darauf." RTL schneidet die Sequenz später heraus. Die um eine Stunde verzögerte Übertragung leidet da bereits unter der Weltgeschichte: Ab 21.30 Uhr unterbricht der Sender zwischendurch mit großen Nachrichtenblöcken, um über den Tod des Papstes zu berichten.

Rammsteins Ablehnung ist der einzige Miss-Ton der Zeremonie. Niemand verliert ein Wort darüber, dass Robbie Williams (Bester Künstler international) sich nicht einmal zu einer Video-Dankesrede hinreißen ließ. Und dass Eminem in seiner Video-Botschaft ätzte, er müsse den Preis in der Mitte durchsägen, um ihn auf ein Regal stellen zu können (Bester Hip-Hop international). Die Gesichter bleiben lediglich steinhart, als Sängerin Jeanette den Preis für das beste Video entgegen nimmt - ein Clip, in dem sie sich auf der Bühne räkelt, dreht und von der Windmaschine leiten lässt.

Auch d'r Holzmichl wird prämiert, da muss man durch

Apropos Windmaschine: Mariah Carey legt als einzige Künstlerin Wert darauf, sich im großen Stil durchwehen zu lassen und Haarsträhnen lässig nach hinten zu streichen. Die US-Sängerin flog am Nachmittag aus Japan ein, sie haucht der recht trockenen Show Glamour ein, indem sie ein Dutzend Tänzer zu knackigen Hip-Hop-Beats führt.

Großer Gewinner des Vorjahres: Wir sind Helden (mit Sängerin Judith Holofernes)
DDP

Großer Gewinner des Vorjahres: Wir sind Helden (mit Sängerin Judith Holofernes)

Andere Künstler lieben es bodennah. Nena geht in die X-Beine-Grätsche, Katie Melua singt verträumt auf einem Barhocker. Das große Sparen macht auch vor der Bühnen-Dekoration nicht halt.

Was von der diesjährigen Echo-Verleihung bleibt, ist das Aufatmen über die Kreativität der Branche. Es bleiben auch die skurrilen Momente. Yvonne Catterfield hetzt zur Show-Bühne, um einer verdatterten Mariah Carey einmal die Hand schütteln zu dürfen. Laudator Götz Otto steht neben Preisträgerin Annett Louisan - baumlang neben wurzelgroß, ein Bild wie aus Zirkus-Tagen. Eine Volksmusikband aus dem Erzgebirge ruft selbstbewusst: "Wir haben die Poplandschaft aufgemischt!". Eine moldawische Boyband nimmt den Preis für die beste Single des Jahres entgegen, ein noch nie gesehener Schwede den Echo für den besten Dance-Act. Auch sie - De Randfichten, O-Zone, Eric Prydz - standen für das Jahr 2004. Aber das will im Grundrauschen der Seligkeit keiner wahrnehmen.

Es kann nur einen Weg geben: Vorwärts - und raus aus Neukölln.



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