Echo-Verleihung in Berlin Mehr Szene, weniger Helene!

Fantastische Vier, Rapper Marteria, US-Soulsänger Gregory Porter und Yello: Bei der Echo-Gala in Berlin gab es nur vier große Momente. Und das in drei Stunden. Denn sonst langweilten die ewig gleichen Pop-Gesichter, die generischen Radioschlager - und Helene Fischer. Das muss doch nicht sein.

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Die große, unbeantwortete Frage der 23. Echo-Verleihung ist ja nicht, wie man denken könnte, was dieser Preis und diese Gala eigentlich soll. Sondern: Wie hat es Adel Tawil ("Lieder") geschafft, nach Entgegennahme seines Echos als bester nationaler Newcomer noch schnell ein Lied zu singen und dann noch pünktlich von Berlin nach Hannover zu kommen, wo er nach eigener Aussage dringend hineilen musste, um ein Konzert zu geben.

Berlin - Hannover, das dauert, und auch wenn Adel Tawil gleich zu Anfang der Echo-Show, also gegen 20:30 Uhr, mit seinem Preis ausgestattet wurde, hätte er es mit Auto oder ICE höchstens zu einem Mitternachtsständchen in die niedersächsische Hauptstadt geschafft. Gut, der Mann ist aktuell einer der erfolgreichsten Popstars Deutschlands, vielleicht hat er einen Privat-Jet oder Helikopter?

Man hatte am Donnerstagabend im Berliner Palais am Funkturm in jedem Fall genügend Zeit, sich über solche Fragen ausgiebig den Kopf zu zerbrechen. Die rund dreistündige Verleihung der Echos, also der alljährlichen Auszeichnungen des Bundesverbands der Musikindustrie (BVMI) für all jene Stars, die im zurückliegenden Jahr am meisten Geld verdient haben, war leider an Langwierigkeit und Langeweile kaum zu überbieten.

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Echo-Gala in Berlin: Pop vor den Wechseljahren
Das hatte einige situative Gründe, andere haben ihre Ursache in der Konstruktion des Preises, dessen Fokussierung auf Erfolg und Verkaufszahlen, nicht aber auf Kreativität und künstlerische Leistung schon oft bejammert und beklagt wurde. Hier also noch ein paar offene Fragen der gestrigen Nacht:

  • Helene Fischer ist eine tolle Künstlerin, dominiert seit Monaten die deutschen Charts und hat deswegen den Echo für das beste Album und einen weiteren in der Kategorie Schlager gewonnen. Logisch, dass sie dann auch mit ihrem Hit "Atemlos" die Show eröffnet, lustig, dass sie später mit James Blunt ein Duett auf Englisch singt, man muss ja auch an die Marktexpansion denken, damit es nächstes Jahr vielleicht auch mit dem Echo für die beste internationale Sängerin klappt. Aber warum muss die Frau, von der jeder ahnt, dass sie mindestens einen Preis selbst gewinnen wird, dann auch noch selbst die Gala moderieren, womöglich sich demnächst gleich selbst die Preise verleihen? Wäre da nicht ein bisschen mehr Distanz vonnöten? Wäre dann nicht auch die Moderation bissiger?
  • Warum eigentlich durfte Max Raabe, schon jetzt so etwas wie Fischers Sidekick, nicht die ganze Show moderieren? Seine Ironie, sein leiser Charme mit gelegentlicher Haudrauf-Pointe (Shakira bezeichnete er treffend als "rattenscharfe Popnudel"), aber auch seine kaum verhohlene Verachtung für so manches populäres Phänomen stünden der Show außerordentlich gut.
  • Wie kann es sein, dass Adel Tawil als bester nationaler Newcomer nominiert war und in der Kategorie Rock/Pop National? Tawil, ehemals Teil des erfolgreichen Duos Ich + Ich, gab nach seinem Sieg in der Nachwuchs-Kategorie selbst zu bedenken, dass er ja nicht mehr so ganz frisch dabei sei, was der Jury des Musikverbands anscheinend auch aufgefallen ist, sonst hätten sie ihn wohl nicht noch einmal mit den anderen bereits etablierten Acts nominiert. Ist der Mann jetzt Newcomer oder nicht? Und versteht die Regeln dieses Preises noch jemand?
  • Wenn es stimmt, was BVMI-Chef Dieter Gorny zu Beginn der Show sagte, dass es der deutschen Musikwirtschaft 2014 zum ersten Mal nach 14 Jahren Siechtum und Umsatzrückgang wieder besser geht, die "Herausforderungen" der digitalen Revolution angenommen worden seien und sich "kreative Talente" versammeln sollen, um die "künstlerische und kulturelle Vielfalt" zu sichern - warum wird dann bei der Leistungsschau mit ewig gleichen Gesichtern (Helene Fischer, Jan Delay, Peter Maffay, Tote Hosen, Lena, Tim Bendzko) so furchtbar öde und vorhersehbar auf Nummer sicher gespielt? Warum dann nicht auch mal weniger konsensträchtige Szene-Künstler wie DJ Koze auftreten lassen, der mit seinem spannenden Elektronik-Album "Amygdala" immerhin den Kritiker-Echo gewonnen hat, der allerdings verschämt am Vorabend verliehen wurde? Was gäbe es zu verlieren außer ein paar verschreckte ARD-Zuschauer?

Es gab aber durchaus auch tolle Momente in dieser Echo-Show, und zwar genau vier:

  • Der Auftritt des Rostocker Rappers Marteria mitsamt Kinderchor, Gastsängerin Miss Platnum und seiner Hit-Single "Kids". Das hatte mehr Verve als fast alle anderen Live-Acts des Abends zusammen. Warum? Frischer, unangepasster Künstler, toller Song, lässig-souveräne Darbietung.
  • Die Fantastischen Vier mit ihrem geglückten Rekordversuch, 25 eigene Songs in 250 Sekunden zu performen. Warum das toll war? Die Fanta Vier mögen zu den etabliertesten Künstlern Deutschlands gehören, aber immerhin haben sie sich für eine besondere Show etwas Besonderes ausgedacht.
  • Der berührende Auftritt des US-Soulsängers Gregory Porter, der nicht nur seinen Duettpartner Max Herre blass aussehen ließ, sondern auch gleich noch alle anderen Show-Acts des Abends inklusive Shakira und Kylie Minogue - und den generischen Radio-Brei der anderen als das entlarvte, was er leider zum großen Teil ist: für den leichten Konsum designter, seelenloser Gebrauchspop. Dank Porter gab es für einen kurzen, erhabenen Moment lang Kunst statt Kunsthandwerk.
  • Die Lebenswerk-Preisträger Boris Blank und Dieter Meier von Yello mit ihrem auf dem Smartphone improvisierten Instant-Medley: zwei Elektronik-Pioniere bei einem seltenen gemeinsamen Auftritt. Sehr rührend, sehr exklusiv, sehr verschroben. Nur leider walzten dann gleich danach die Sportfreunde Stiller mit ihrem Hauruck- und Schunkelrock über diese feinsinnige Szene. Leider symptomatisch für die ganze Show.

Vier große Momente in einer dreistündigen Gala? Das ist zu wenig für den "wichtigsten Musikpreis Europas" (Gorny). Das muss doch mutiger, inspirierter, ein bisschen anarchischer gehen. Zur Not, wenn die Prime-Time-Position in der ARD das Problem für die allgemeine Beißhemmung ist, auch weniger exponiert im Dritten Programm oder auf einem der Spartensender. Oder gar bei den Privaten? Als "Partner des Jahres", einem neu geschaffenen Echo, dessen Funktion noch nicht so ganz klar ist, wurden die ProSieben-Klabautermänner Joko und Klaas ausgezeichnet, weil sie in ihrer Show "Circus Halligalli" auch mal Quatsch mit Popstars machen oder sich einfach, am Sender vorbei, die Bands holen, auf die sie gerade Lust haben - egal, ob sie jemand kennt oder kauft.

Das ist doch mal ein total radikaler Ansatz, über den sich nachzudenken lohnt. Am Freitag dann, wenn der Aftershow-Party-Kater sich langsam verzieht. Nächstes Jahr wird alles besser. Schlimmer geht's ja schließlich nicht mehr.

PS: Wer welche Preise gewonnen hat und was beim Echo sonst noch passiert ist, lesen Sie hier.

Disclaimer: Andreas Borcholte ist Mitglied der 24-köpfigen Jury, die den Kritiker-Echo vergibt.



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insgesamt 229 Beiträge
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Seite 1
schlawiano 28.03.2014
1.
Das bekannte Video von Adel Tawil ist schon toll. Allerdings Silvester ihn Live zu hören war eine Katastrophe.. keine Ahnung wie man das Video (gesanglich) so hinbekommen hat, live war das eher unterdurchschnittlich.. Mein Gott, Helene Fischer soll bei ihren Schlagern bleiben, das aktuell laufende Video ist eine Katastrophe. Ich weiß nicht wer das bestochen wurde - im Urlaub leerte sich schlagartig die Tanzfläche als ihr Lied gespielt wurde.. Sollte einen zu denken geben
chrgue 28.03.2014
2. Gibt es jetzt ein Helene-Fischer-Bashing?
Wer in Deutschland Erfolg hat, bekommt - leider auch von den Medien - jede Menge Neider. Jetzt also Helene Fischer! Warum, bitte, sollte sie weniger auf dem Bildschirm erscheinen? Sie kann etwas, was man von vielen anderen "Künstlern" nicht sagen kann. Oder war Adel Tawil mit seinem unmelodischen Liedchen und dünnem Stimmchen etwa gut? Mehr Szene - weniger Helene. Ich würde eher sagen: Mehr Qualität bei den Künstlern, dann hat es Helene auch nicht mehr nötig mehr oder minder ungewollt so im Vordergrund stehen zu müssen!
deus-Lo-vult 28.03.2014
3.
Dann schalten Sie doch einfach ab oder um! Sollte selbst einem Miesepeter wie Ihnen möglich sein, Herr Borcholte. Aber wie immer in Deutschland: Es muss zwanghaft alles schlecht gemacht werden. Ich bin auch kein Fan von Helene Fischer, aber ich lasse anderen Leuten Ihren Geschmack.
hannnah123 28.03.2014
4. Was fehlt?
Nachdem Helene Fischer sich vom Bambi 2014 verabschiedet hat, drängte sich mir die Frage auf. Wurde eine Kategorie vergessen? Wer ist der Gewinner in der Kategorie "Beste Gruppe Rock/Pop International"?
hannnah123 28.03.2014
5. Was fehlt?
Nachdem Helene Fischer sich vom Bambi 2014 verabschiedet hat, drängte sich mir die Frage auf. Wurde eine Kategorie vergessen? Wer ist der Gewinner in der Kategorie "Beste Gruppe Rock/Pop International"?
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