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Echo 2015: Eine besonders unangenehme Veranstaltung

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Echo-Verleihung 2015: "The Show must go on" Fotos
DPA

Die Sieger waren weitgehend die erwarteten, der Show fehlten die internationalen Größen, der Inszenierung das Feingefühl: Beim Echo 2015 feierte Deutschlands Musikbranche Helene Fischer und sich selbst, fürs Publikum war's zäh.

Es waren die erwarteten "Helene-Fischer-Festspiele" beim Echo 2015, sie wurden zu Beginn der ARD-Übertragung ausgerufen und beim dritten Preis auch von Helene Fischer selbst als solche bezeichnet. Vier Trophäen bekam die Schlagersängerin, so viele gewannen in einem Jahr bisher nur die Toten Hosen 2013. Mit insgesamt zwölf Auszeichnungen in ihrer Karriere liegt die 30-Jährige nur noch um eine hinter den Kastelruther Spatzen zurück.

Unter anderem wurde Fischers "Farbenspiel" als Album des Jahres ausgezeichnet - dasselbe Album, das vor einem Jahr denselben Preis schon einmal bekam, aber nun mal auch 2014 das meistverkaufte war. Es liegt in der Logik des Echos, des deutschen Musikpreises, der sich gern in einer Reihe mit den Grammys oder den Brit Awards sieht, aber anders als diese nicht von einer Jury bestimmt wird, sondern durch die Verkäufe des abgelaufenen Jahres. Alles Nötige dazu hat Andreas Borcholte schon vorab geschrieben.

Dass der Echo 2015 aber als besonders unangenehme Austragung in Erinnerung bleiben wird, daran trägt Helene Fischer eigentlich gar keine so arg große Schuld - sie war im Vorjahr penetranter, als sie nicht nur prämiert wurde, sondern die Show auch gleich selbst moderierte.

Ihre Nachfolgerin Barbara Schöneberger hat ihre Stärken im selbstironischen Witz, doch die feinen Nuancen im Ton sind es nicht. Die Show hatte mit Geigenspiel zu Kerzenlicht begonnen, im Gedenken an die Opfer des Germanwings-Fluges 9525, doch nach einer Schweigeminute klang Schönebergers Stimme gleich nach: "Schluss mit Trauern. Zurück zur Normalität. Weiter mit Entertainment" - auch wenn das sicher nicht ihre Absicht war.

Mit einer Hommage an den im Dezember verstorbenen Udo Jürgens hatten die Organisatoren der Musikgala offenbar versucht, den harten Schnitt von der Trauer zur festlichen Gala abzudämpfen, doch auch das hatte etwas von "The Games must go on".

Dafür konsolidierte Herbert Grönemeyer seine Position als Staatsmann des deutschen Pop: "An einem Tag wie heute freut man sich etwas gedämpfter", begann er seine Dankesrede für die Auszeichnung als bester männlicher Künstler in der Kategorie "Rock/Pop national". Bei seinem Auftritt mit dem Song "Fang mich an" trug der 58-Jährige eine schwarze Trauerbinde zum grünen Jackett.

Ein schwieriger Abend also, okay, aber wenn die Stimmung kompliziert ist und die Preisträger weitgehend vorhersehbar, dann hätten es doch die musikalischen Darbietungen herausreißen können. Pustekuchen: Der Osnabrücker DJ Robin Schulz, dessen Remixe 2014 die Singlecharts beinahe allein füllten, wackelte mit Sonnenbrille und Cap auf einer Art Bademeisterturm zu seinen Beats.

Deichkind, die Gewinner des Kritikerpreises, zeigten zwar mit Trainingsanzügen, auf denen "Refugees Welcome" stand, politisch deutlich Flagge, boten aber sonst eine für ihre Verhältnisse eher wenig anarchische Show. Und Revolverheld aus Bremen ertränkten ihr sowieso schon kitschiges "Ich lass für dich das Licht an" in Streichersoße.

Eine gruselige Sitte, die sich der Echo vom großen Vorbild Grammy abgeguckt hat: die weitgehend sinnfreie Paarung von Musikern aus verschiedenen Genres oder Generationen, in der Hoffnung, es werde sich schon irgendwie von allein ein besonderer "Moment" ergeben. So fiedelte dann "Crossover"-Echo-Gewinnerin Lindsey Stirling zu Andreas Bouranis Alternativlosigkeits-Pop ("Vielleicht muss es so sein"). Und die Ehren-Jamaikaner Campino und Wolfgang Niedecken versuchten sich im größeren Wohnzimmer-Singkreis an Bob Marleys "Redemption Song".

In früheren Jahren hatte es meistens wenigstens einen Star internationalen Formats gegeben, einen Robbie Williams oder Depeche Mode vielleicht, die dann zwar mit allzu demonstrativem Stolz vorgeführt wurden, aber immerhin. Diesmal sang Meghan Trainor ihren ganz hübschen Retro-Song "All About that Bass", doch sie ist noch nicht über den Verdacht erhaben, ein One-Hit-Wonder zu bleiben. Wie auch die niederländische ESC-Überraschung The Common Linnets. Der erste Hit des britischen Hutträgers James Bay ist sogar noch halbwegs frisch.

Mit Nile Rodgers war aber ein Musiker zu Gast, der wirklich Pop-Geschichte geschrieben hat, mit Chic, mit Sister Sledge, als Produzent von David Bowie und Madonna, wiederentdeckt von Daft Punk. Durfte er singen? Seine Chic-Comeback-Single, nach 23 Jahren? Ein Medley seiner größten Hits? Nein, Nile Rodgers überreichte Helene Fischer einen Preis und ging dann ab. Desgleichen später die gerade erst wiedervereinten a-ha. Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason hielt immerhin eine sehr distinguierte Dankesrede für den Preis als beste internationale Rock/Pop-Band.

Statt internationalem Flair herrschte eine Ranschmeiße ans Fernsehen: Der Gastgeberkanal von der ARD durfte seine Sendergesichter Pilawa und Pflaume platzieren sowie für einen kommenden "Tatort" mit Til Schweiger und Helene Fischer werben. Besonders unangenehm wurde außerdem der Vox-Show "Sing meinen Song" mit Xavier Naidoo und Andreas Gabalier gehuldigt.

Hinter der steckt ausnahmsweise nicht die Plattenfirma Universal Music, die aber ansonsten in 17 der 30 Kategorien triumphierte - darunter die teils deutsch, teils elbisch singende Newcomerin Oonagh und der seiner Mama dankende Gangsta-Rapper Kollegah mit jeweils zwei Trophäen.

Der Deutschland-Chef des Marktführers, Frank Briegmann, war allein in den ersten 20 Minuten sechsmal im Bild, stets mit gewinnendem Lächeln. Ganz anders der Musikmultifunktionär Dieter Gorny, der mürrisch in die Runde blickte. Bloß weil sein Sitznachbar, CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe, das falsche Parteibuch hat?

Vielleicht kamen dem Verbandschef aber auch grundsätzliche Zweifel an der sich dreieinhalb Stunden dahinziehenden Leistungsschau seiner Branche. Auch wenn die Lebenswerkpreisträgerin Nana Mouskouri in ihrer sympathisch mäandernden Dankesrede sagte, ihr sei nicht bange um die Zukunft der Musik.

Um die des Echos sollte man sich schon Gedanken machen.

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1.
maxehaxe 27.03.2015
Ich weiß nicht, ob SPON eine Längenbegrenzung für Kommentare hat, aber würde ich meine ganze Meinung zu dieser und ähnlichen Veranstaltungen niedertippen, würde ich sie wohl erreichen. Also: Echo und ESC boykottieren, sich nicht dem Eineitsbrei, der im Radio auf und ab diktiert wird, anhören und für sich selbst entscheiden, welchen Geschmack man hat. Und wenn tatsächlich jemand das lustlose und unauthentische Primitivgedudel aus dem Rundfunk am liebsten mag, ist das durchaus sein gutes Recht. Aber diese Art von überflüssiger Ausquetschung der immer gleichen Künstler die sich immer gleich anhören muss wirklich keinem Gefallen, oder bin ich der einzige der mit dieser Einstellung?
2. Wo ist nur die Musik geblieben?
dondon 27.03.2015
Glückwunsch an die Preisträger. Aber ich muss sagen, solche Veranstaltungen machen mich nur nachdenklich. Warum bekommen bspw. die Toten Hosen im Jahr 2013 so viele Preise? Deren Hochzeit ist doch lange vorbei. Ich finde es erschreckend, wie gering doch heutzutage die Musikvielfalt ist. Wo sind die echten Hits. Gibt es nun nur noch einen richtigen Hit, einen Superohrwurm pro Jahr? Und dann auch noch ein Schlagertitel? Das Internet ist ja in vielerlei Dingen eine tolle Sache. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass das Internet mit seinen illegalen Tauschbörsen sehr viel zerstört hat. 7 Milliarden Menschen auf der Welt, aber keine gute Musik mehr.... Leute mir fehlt was.
3.
mart.n 27.03.2015
Lieber SPON, wenn sie nicht über den Musikpreis berichten würden, dann wüsste ja überhaupt keiner, dass der gestern überhaupt stattgefunden hat. Die Logik ist doch recht bestechend - lassen Sie das doch einfach mit der Berichterstattung. Dann fällt gar keinem auf, wie schlecht es war!
4. Schlimm
jurgenweigt 27.03.2015
Ja, war schlimm. Genauso habe ich das auch empfunden. Dazu kam noch, dass die Tontechniker offenbar ihr Gehör an der Garderobe abgegeben hatten. Sonst hätte ihnen eigentlich der furchtbare Klang des Moderatoren-Mikrofons auffallen müssen (permanente "Pop"-Geräusche). Passte allerdings gut zum Bierzelt-Ton von Schönberger.
5. Schlechte Laune?
bungee77 27.03.2015
eure Berichterstattung ist manchmal nicht ganz nachvollziehbar... hier wird eine Show mit tollen deutschen Talenten, einer humorvollen und charmanten Moderatorin, teilweise verdienten Preisträgern von Spiegel Online komplett zerissen. Entweder der Verfasser dieses Artikels mag keine Musik oder er hatte einfach nur schlechte Laune? Anders kann ich's leider nicht nachvollziehen. Auch wenn vielleicht eine Helene Fischer schon wieder der große Abräumer war und man keinen Schlager mag: insgesamt war der Echo unterhaltsam, mit tollen Musikeinlagen und hat mal wieder gezeigt, dass auch mit deutscher Sprache tolle Musik gemacht werden kann.
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