"Divide" von Ed Sheeran Jetzt bitte nicht weinen

Gegen ihn sind selbst Coldplay Machos: Warum heute nur ein Kumpeltyp wie Ed Sheeran zum männlichen Pop-Idol werden kann.

Ed Sheeran bei den BritAwards Ende Februrar
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Ed Sheeran bei den BritAwards Ende Februrar

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Ed Sheeran muss man schon allein deswegen lieben, weil er aussieht wie eine irische Kartoffel. Wie großartig, auf der Bühne oder im Fernsehen mal wieder jemanden zu sehen, der ein echter Mensch zu sein scheint. Wie weit weg doch Zeiten scheinen, die man manchmal wiederentdeckt, wenn Ilja Richters "Disco" wiederholt wird. Damals, als Pop- und Rockstars noch nachgerade hässlich sein durften - und trotzdem angebetet wurden. Und heute? Zayn Malik, Shawn Mendes, Adam Levine, Nick Jonas, Justin Bieber, Charlie Puth - sie alle wirken so austauschbar wie ihre Namen, ihre Musik.

Ed Sheeran, eher Typ Pumuckl als Teenie-Idol, sieht nicht so geklont aus und ist, kein kausaler Zusammenhang zwingend, ein weitaus besserer Songwriter. "The A Team", "Lego House", "Don't", "Photograph", "I See Fire" - das sind nicht nur Bestseller in den Charts, sondern auch sehr gute Songs.

Seine Musik, nennen wir sie zeitgeistig verpopptes Singer/Songwriter-Handwerk, ist so simpel und effektiv wie seine Albumtitel: Nach "+" (Plus) und "x" (Multiply) ist nun mit "÷" (Divide) seine dritte Platte erschienen. Die Vorab-Singles besetzten Platz eins und zwei der Charts in Deutschland und England - kein Künstler zuvor hat das geschafft. In den begleitenden Werbespots wird schon vom "Album des Jahres" getönt. Für diejenigen, die sich nur zwei CDs im Jahr kaufen (vergangenes Jahr Adele und Helene Fischer, dieses Jahr Ed Sheeran und Helene Fischer) mag das sogar stimmen.

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Ed Sheeran: Die Welt ohne Telefon

Das ist gar nicht gehässig gemeint: In Zeiten, in denen sich der Massengeschmack in algorithmisch kuratierten "personal Playlists" auflöst, ist es schwerer denn je, zum global gültigen Popstar zu werden, zum Darling, auf den sich alle zumindest eine Zeit lang einigen können. Britische Sänger stehen da in einer besonderen Tradition. Elton John, ein Vor-Vorgänger Sheerans half dem 26-Jährigen angeblich mit väterlichem Pep-Talk dabei, die Tücken des schnellen Ruhms zu bewältigen; Robbie Williams, der bis dato letzte mit so viel british chart power, nannte Sheeran gerade den Tom Hanks der Pop-Musik. Nicht nett, aber wahr.

Denn der massentauglichste Popstar sagt ja immer auch etwas über die Zeit aus, in der seine Kunst populär ist. Die beiden Pop-Pole der Zehnerjahre sind also Adele, eine stimmgewaltige und physisch imposante Erscheinung, die eine furchterregende Bierkutscher-Lache hat und fluchen kann wie Aale-Dieter auf dem Hamburger Fischmarkt. Und eben Ed Sheeran, der rothaarige Kumpel-Knuffel von nebenan, der sich auf seinem neuen Album so effeminiert gibt, dass daneben selbst Coldplay wie Macho-Macker wirken.

"Don't call me Baby, unless you mean it", haucht er keusch in "Dive", und in "Hearts Don't Break Around Here" dreht er die Geschlechterrollen nahezu komplett um: "She's the light house in the night/ That safely guides me home (...…) I feel safe, when you're holding me near". Das männliche Subjekt wird zum Teddybärchen, das sich, überfordert von den Härten des Alltags, übermannt von Emotionen, in die starken Arme seiner Freundin kuscheln möchte.

Der Musik zu diesen Depowerment-Balladen fehlt das Zupackende, juvenil Burschikose, das Sheerans Ur-Produzent Jake Gosling bisher immer noch irgendwie installiert bekam. Die meisten Songs auf "Divide" trimmte nun jedoch Dr.-Luke-Schüler Benny Blanco auf Stromlinienform - ein gefühlig-gefälliger, weißer Pseudo-Soul mit Hip-Hop-, Ethno- und Boyband-Schmalz-Anteilen. Das ist so generisch rührselig, dass es in Feelgood-Movies wie "Love, Actually" ebenso gut eingesetzt werden kann wie in "Zwischen Tüll und Tränen" auf Vox. Emo-Ambiente halt.

Nur selten bricht sich linkische Markigkeit Bahn, wenn die Gangart ins Tanzbare wechselt: Plötzlich will Sheeran dann doch die Führung übernehmen, wie im kommenden Calypso-Ibiza-Sommerhit "Shape Of You" ("Come on Baby, follow my lead") oder später, in den ähnlich saisongerecht produzierten Hipster-Ballermann-Gassenhauern "Barcelona" und "Bibia Be Ye Ye" (Sheerans "You Can Call Me Al"), wenn er sich als semiverwegener Drifter gibt, der seine Schuhe verliert und Telefonnummern von Mädchen sammelt, what a badass.

Zickiges Lamento

Die meiste Zeit aber lamentiert Sheeran ein bisschen zu zickig über den "New Man" seiner Verflossenen, der sich "die Augenbrauen zupft und das Arschloch bleicht". Politisches habe ihm sein Vater einst ausgeredet, singt er in "What Do I Know" - und beschränkt sich darauf, das Übel der Welt mit "Love and understanding, positivity" heilen zu wollen, das wirkt ungefähr so ungenießbar wohlfeil, wie es sich nicht ins Versmaß fügen will.

Die besten Momente von "Divide", das natürlich rein gar nichts spaltet oder auch nur ansatzweise "divisive", also kontrovers ist, sind die, in denen Sheeran womöglich seine Eltern würdigt, die von irischem Folk infizierten "Nancy Mulligan" und "Galway Girl" - oder die Ballade "Supermarkt Flowers" über seine inzwischen verstorbene Großmutter.

Ja, in all diesen Songs geht es um starke Frauen. Während diese - von Solange bis Schnipo Schranke - sich mit selbstbewussten Statements gerade des Pop-Business ermächtigen, bleibt dem heterosexuellen männlichen Sänger mit Weltstar-Anspruch anscheinend gerade nur die Selbstminimierung. Fair enough. Aber was will der Mann dann eigentlich noch auf seinem nächsten Album machen, das ja wohl "-" (Minus) heißen wird?



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Orthoklas 07.03.2017
1. Sheeran....
Ed Sheeran passt perfekt in den aktuellen verweinerlichten, klagenden Zeitgeist. Farblose, bedeutungsschwangere Musik, die bis in die totale Langeweile reicht. Definitiv ein Kind dieser ach so komplizierten Welt. Gähn! Aber trotzdem ganz sympathischer Typ.
Stäffelesrutscher 07.03.2017
2.
Einem solch detaillierten Artikel hätte ich gerne erstens entnommen, wie das Softie-Dahergekomme zu der fürchterlichen Verunstaltung großer Teile seiner Haut passt, und zweitens, was an diesem Loben der Stärke der Freundin nun bahnbrechend Neues sein soll. "Shelter from the storm" haben schon andere besungen.
jrnewdel 07.03.2017
3. Verweinerlicht?
Lieber Orthoklas. wenn jemand verweinerlicht (und unerträglich) ist, dann kann das nur Sam Smith sein. Ich empfehle, die offiziellen Videos zu "Castle on the hill" und "Shape of you" einmal anzuschauen - vielleicht ändert sich ja dann die Meinung. Nix für ungut!
A2theZ 07.03.2017
4. Ed
Was für ein überhebliche “Kritik“, die den Sänger in seinem Schaffen Null würdigt. Die “englische Kartoffel“ hat auf der Straße seine Karriere begonnen und trotz mega Erfolge jahrelang auf der Couch seines Managers gepennt und seine CDs aus seinem Rucksack verkauft. Keine Ahnung was ihr Musikkritiker immer erwartet, aber Eds neue Lieder sind der Hammer und handeln von Gefühlen, die der Autor nicht zu scheinen kennt.
ichliebeeuchdochalle 07.03.2017
5. Disco
Nana, der Kritiker hat monatelang nicht gemerkt, daß der Sender, der die Disco-Wiederholungen gesendet hat, eingestellt wurde. Traue ich so einem Kritiker zu, eine seriöse Kritik zustande zu bringen?
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