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Eklat in Israel: Berliner Orchester spielte Wagner

Entgegen früherer Absprachen hat der Dirigent Daniel Barenboim mit der Berliner Staatskapelle in Jerusalem Musik des deutschen Komponisten Richard Wagner gespielt. Es hagelte wütende Proteste.

Daniel Barenboim: Eklat in Jerusalem
ZDF

Daniel Barenboim: Eklat in Jerusalem

Jerusalem - Das Simon Wiesenthal-Zentrum rief zu einem Boykott des renommierten Dirigenten in Israel auf. Der Leiter des Zentrums, Ephfraim Zuroff, warf Barenboim sogar "kulturelle Vergewaltigung" vor.

Der Dirigent hatte auf dem Israel-Festival mit der Berliner Staatskapelle am Samstagabend als Zugabe einen Auszug aus Wagners Oper "Tristan und Isolde" aufgeführt. Die Mehrheit des Publikums nahm die Aufführung mit begeistertem Applaus, eine kleine Minderheit jedoch mit wütenden Zwischenrufen auf. Öffentliche Konzerte mit Werken Wagners, der als Antisemit galt und von den Nazis praktisch als Hofkomponist vereinnahmt wurde, sind in Israel immer noch ein Tabu.

Nach monatelangem Tauziehen und massivem Druck israelischer Politiker und Institutionen hatte die Leitung der Festspiele in Jerusalem die ausverkaufte Aufführung der "Walküre" Wagners abgesagt, stattdessen sollten Robert Schumanns 4. Symphonie und Igor Strawinskys "Le sacre du printemps" gespielt werden. Barenboim hatte vor dieser Einigung immer wieder erklärt, er wolle sich dem politischen Druck nicht beugen. Nach der Aufführung der Werke Schumanns und Strawinskys fragte Barenboim das Publikum am Samstagabend in Jerusalem, ob es wolle, dass er trotz allem das Wagner-Werk spiele. Die Mehrheit reagierte mit lautem Applaus, einige wenige beschimpften Barenboim jedoch aufgebracht als "Faschisten".

Zugabe für die Mehrheit

Der in Argentinien geborene und in Israel aufgewachsene Dirigent bat die Protestierenden, "die Mehrheit hören zu lassen, was sie wünschen". Dies ist "meine persönliche Zugabe für sie (die Mehrheit)", sagte er. "Sie können auf mich wütend sein, aber bitte seien Sie nicht böse auf das Orchester und die Leitung des Festivals." Nach einer bitteren Debatte verließen die Wagner-Gegner unter lautem Protest den Saal.

"Unerträgliche Provokation"

Richard Wagner
DPA

Richard Wagner

In einer Stellungnahme des Wiesenthal-Zentrums hieß es am Sonntag, Barenboim habe mit der Wagner-Aufführung "seine elitäre Missachtung für die Wünsche der israelischen Öffentlichkeit" und seinen "Mangel an Verständnis für demokratische Werte" bewiesen. "Er hat damit nach unserer Ansicht das Privileg verwirkt, in israelischen Konzerthallen aufzutreten und wir drängen die Leiter israelischer Orchester, Herrn Barenboim in Zukunft nicht mehr einzuladen." Auch der Bürgermeister Jerusalems, Ehud Olmert, sagte im Rundfunk, Israel müsse nach der "unerträglichen Provokation" einen Abbruch der musikalischen Zusammenarbeit mit Barenboim erwägen.

Im Herbst vergangenen Jahres hatten israelische Wagner-Gegner vergeblich versucht, eine Aufführung des kammermusikalischen "Siegfried-Idylls" vom Symphonieorchester der Stadt Rischon Le Zion zu verhindern. Im israelischen Rundfunk werden ausgewählte Wagner- Opern inzwischen in voller Länge gesendet.

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