Von Christoph Twickel
Wer in den vergangenen Jahren Gelegenheit hatte, die Innenstadt von Caracas zu Fuß zu durchqueren, der kennt den Sound. Er plärrt und wumst aus übersteuerten Soundanlagen der Straßenhändler. Und aus riesigen Bass-Schränken, die sich Taxifahrer in die Kofferräume ihrer maroden Siebziger-Jahre-Ford Mustangs stellen, kommt er besonders satt.
Was bei uns unter Techno, House und Elektro firmierte - die Venezolaner nannten das alles einfach Changa. Anfang des Jahrtausends war es meist stumpfer Eurotechno, von lokalen DJs zu Compilations zusammengemixt, der an den Straßenständen mit bunt-pixeligem CD-Artwork verkauft wurde. Pioniere wie DJ Baba oder DJ Yirvin machten daraus eine neue Spielart der elektronischen Musik, die sie Raptor House nannten, oder auch Changa Tuki.
"Tuki" ist ein abfälliges Wort, das die Mittel- und Oberschicht Venezuelas für die Changa-Kultur erfand, die vor allem in den armen Barrios von der Hauptstadt gefeiert wurde. Die Barrio-Raver nennen sich "Waperos" und ihr Sound ist eine lustvoll zusammengezimmerte Melange aus Eurotechno, Hardhouse, Reggaeton- und Merengue-Riddims und spanischen Raps und Scats, wie etwa das spaßige "Pan con Mortadella" von DJ Yirvin.
Changa Tuki: Eurorave und karibischer Flow
Um 2007 ebbte die Bewegung ein wenig ab - und vermutlich wäre die "Changa Tuki" auf immer eine Jugenderinnerung von ein paar Tausend venezolanischen Barriobewohnern geblieben. Doch 2011 holten junge DJs - eher aus studentischen Kreisen kommend - wie Pocz und Pacheko den lokalen Elektrosound wieder hervor. Und dieses Mal stießen sie auf internationalen Widerhall. Hipster-Blogs wie Generation Bass oder Tropical Bass entdeckten das energetische Amalgam aus Eurorave und karibischem Flow. "Crazy style, and all the dancers are just amazing" lobte der Blogger von Mad Decent, dem Label des US-Produzenten Diplo, der parallel zu dem Berliner Label Man Recordings schon Anfang des Jahrtausends den Baile Funk aus den Favelas von Rio in US-amerikanische und europäische Clubs brachte.
Das Phänomen ist seit einigen Jahren zu beobachten: Um lokale Varianten von House, Techno oder HipHop, die abseits der Weltöffentlichkeit in den Metropolen des Südens entstanden sind, bilden sich plötzlich kleine globale Hypes. Das "Buraka Som Sistema" aus Lissabon machte den angolanischen Techno-Bastard Kuduro bekannt. Das Londoner Label Honest Jons entdeckte das hibbelige südafrikanische Genre Shangaan Electro und labelte es schlau als "New Wave Dance Music from South Africa".
Electrochampeta: Afro-Hybrid aus Kolumbien
Produzenten aus Europa und den USA verhelfen der Champeta aus Kolumbien nun zu einem Comeback. Entstanden ist das Genre in den Siebzigern und Achtzigern, als Musiker an der Karibikküste begannen, afrikanische Genres wie Highlife und Zouk mit afrokolumbianischen Rhythmen und billigen Rhythmusmaschinen zu kreuzen. Um 2004 herum drohte die Champeta-Kultur zu sterben - die knallbunt geschmückten Soundsystems von Cartagena und Barranquilla ließen aus ihren Bassrutschen statt der lokalen Produktionen vor allem Reggaeton-Hits aus Puerto Rico und den USA wummsen.
Tribal Guarachero: Mexikanische Teenager kreuzen Beats und Roots
Was auf Soundcloud zu finden ist, steht zum Herunterladen, zum Remix und Mash-Up bereit. Da mischt sich Gangster-Cumbia aus Tijuana mit britischem Grime, da wird der Ramones-Klassiker "Blitzkrieg Bop" als brasilianischer Technobrega-Remix wiedergeboren - Hauptsache, es rockt.
Diese Echtzeit-Globalisierung führt nun nicht etwa dazu, dass die Musik immer uniformer wird. Stattdessen scheint das Gegenteil zu passieren: Die Bedeutung lokaler Musiktraditionen nimmt zu. Das zeigt sich an dem Kollektiv 3Ball MTY aus Monterrey: Die drei Teenager aus der nordmexikanischen Millionenstadt kreuzen elektronische Beats mit lokalen Cumbia-Riddims im Sechsachteltakt und nennen das Ganze Tribal Guarachero. Samples von prähispanischen Blas- und Perkussionsinstrumenten und raunende Stimmen, die von aztektischen Ritualen berichten, geben dem Sound eine ironisch-folkloristische Note.
Klingt weird? Ist es auch. Doch eben das unterscheidet Eric Rincón, DJ Otto (beide 18 Jahre alt) und Sheeqo Beat (19) von den anderen cirka 257.000 Teenagern, die an ihren Jugendzimmer-Computern Musik produzieren. Mittlerweile machen die drei Chicos aufwändige Videoproduktionen im Boygroup-Stil.
Coupé Decalé: "Wir wollen den Platz haben."
Angesichts des interkontinentalen Soundfile-Hin- und Hergeschiebes ist ein Projekt wie "New Black Couper Decaler électronique" die Ausnahme: Das Album ist analog und face-to-face durch das Zusammentreffen von Musikerinnen und Musikern aus Abidjan und Hamburg entstanden. Seit 2005 arbeiten die Theatermacher Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen mit Tänzern und Performern aus der Elfenbeinküste zusammen. Sie stießen dabei auf ein Genre, das um 2003 in der ivorischen Community von Paris entstanden war: Ein hibbeliger triolischer Riddim, über den die MC's virtuos und unter ausgiebigem Einsatz der Harmonisierungssoftware Autotune über ihren vermeintlich glamourösen Lebensstil singen - und dabei von der Bühne gerne mal Geld ins Publikum werfen.
"Hey Schatzi, why that hard?" fragt sie an einer Stelle. Die Antwort gibt "Gadoukou la Star" in dem Track "Places" - dankenswerterweise im Booklet übersetzt: "Hey, das ist Afrika, das ist eine Angelegenheit, wo es um Platz geht", shoutet der ivorische Sänger. "Platz ist alles, nur Platz - und abgesehen davon: Wir wollen den Platz haben."
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