Elektro-Musik in der Krise Die Rettung liegt im Lied

Ein Gespenst geht um in deutschen Discotheken: Vor zehn Jahren galt elektronische Musik als Sound der Zukunft. Heute kämpfen DJs, Produzenten und Künstler mit der Langeweile, einem schwindenden Markt und dem Verlust ihres jugendlichen Images.

Von Ulf Lippitz


Elektroniker Nieswandt: "Wir haben gewonnen, nun gucken wir doof"

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Die Revolution am DJ-Pult hat ein Ende in Gemächlichkeit gefunden. Ob rumpelnde Klang-Frickeleien, aufgeblasene Trance-Hymnen oder plumpe Elektro-Coverversionen für die Charts - bahnbrechende Innovationen fehlen, ein neuer Konsens-Sound ist nicht in Sicht. Die elektronische Musik steckt in einer tiefen Krise.

Das Dilemma zieht sich durch alle Pop-Nationen. In den USA spielen sich die musikalischen Neuerungen woanders ab: bei Hip-Hop-Produzenten wie The Neptunes oder Dr. Dre zum Beispiel. Dance Music fristet ein kümmerliches Schattendasein. In Europa ist es kaum besser: Aus den Kellern von Paris eroberten vor sieben Jahren Daft Punk, Laurent Garnier und Bob Sinclair die internationalen Hitparaden. Doch auch an der Seine herrscht mittlerweile Grabesstille an den Reglern und Knöpfen.

Im Mutterland der Open-Air-Raves, in Großbritannien, sinkt der Absatz von einst profitstarker Dance Music ins Bodenlose. Elektronische Klänge machen nur noch ein Prozent des Umsatzes der Albenverkäufe aus. Selbst Klassik und Jazz verkaufen sich besser bei den Briten. Szene-Stars wie The Prodigy und Fatboy Slim hinkten mit ihren letzten Platten den prognostizierten Erwartungen weit hinterher. Beim Brit Award, dem Pendant zum deutschen Echo, wird es 2005 erstmals seit zwölf Jahren keine Kategorie "Bester Dance Act" geben. Dafür wird der Preis "Bester Live Act" eingeführt. Ironie des Schicksals: Gegen die Posen der Rocker rebellierte die DJ-Kultur in den achtziger Jahren - und hat vorläufig verloren.

Französisches Gotan Project: Schlurfende Beats zu traditionellem Tango
Arte

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Und bei uns? In Deutschland verleiht die Phonoakademie immerhin noch einen Echo für den besten Dance-Künstler. Echo-Sprecher Hartmut Spiesecke weist darauf hin, dass es 2003 sogar einen leichten Umsatz-Anstieg gegeben habe. Knapp sieben Prozent des Gesamtumsatzes macht die Tanzmusik hierzulande aus, im Gegensatz zu Großbritannien wird allerdings das Boom-Genre HipHop in die Zahlen eingerechnet. Spiesecke meint deshalb auch: "Das Repertoire-Segment hat den Höhepunkt im Zehn-Jahres-Vergleich hinter sich."

Die Misere am Markt schlägt sich in den privaten Biografien der DJs nieder. Philippe Cohen Solal rollt mit den Augen, wenn er erzählt, wie er früher Nächte durchtanzte, zehn Stunden im Londoner Club "Ministry of Sound", ohne Unterlass House oder Techno, selbst zu Hause war keine andere Musik gestattet. Das ist vorbei. "House und Techno sind vollkommen langweilig geworden", sagt der Mittdreißiger. Musikalisch werkelt der Pariser DJ inzwischen an früher verpönten Baustellen: Zusammen mit zwei Kollegen hat er das Gotan Project gegründet und experimentiert erfolgreich an einer Vermischung von schlurfenden Beats und traditionellen Tango-Rhythmen.

New Yorker Scissor Sisters: Softrock mit Synthesizer-Melodien

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In New York arbeitet das DJ-Duo A Touch Of Class ebenfalls an der Auflösung alter Dogmen: "Wir treten in die Post-Club-Culture-Phase ein", glaubt Oliver Stumm, eine Hälfte des Projekts. "Club-Kultur im konventionellen Sinne hat seine Zeit hinter sich. Der DJ spielt keine zentrale Rolle mehr, die Beat-orientierte Musik ist nicht mehr der Fokus, die Fähigkeit zu mixen wird sekundär."

Stumm meint, dass vor allem die nach wie vor gut entlohnten Superstar-DJs dazu beitragen, Hierarchien aufzubauen, Kanäle zu verstopfen und eine Stimmung der Apathie zu fördern. Er nennt das "Ibiza-Kultur" - eine Verflechtung von Promotern, DJs und Plattenfirmen, die jeden Sommer auf der Baleareninsel House-Musik und Rauschmittel konsumieren. Doch auch für die Dance-Schickeria dreht sich der Wind allmählich: Renommierte Clubs wie das "Cream" in Liverpool schlossen ihre Pforten, Szene-Postillen wie "Muzik" oder "Frontpage" wurden eingestellt. Ehemals reine Dance-Labels wie Ministry of Sound veröffentlichen plötzlich Platten des Indie-Poppers Stephen Duffy oder der deutschen Popband Klee.

Der Kölner DJ, Produzent und Journalist Hans Nieswandt formuliert zugespitzt: "Die Revolution hat gesiegt, wir haben gewonnen, nun gucken wir doof." Er sieht zwar eine Akzeptanz-Schwelle überwunden, aber elektronische Musik erlebe momentan einen "backlash" - eine gesunde Gegenreaktion auf 15 Jahre Acid, House und Techno. "Es war nötig", sagt er. "Es wurde einfach langweilig, am Anfang des Abends zu wissen, wie die Musik sein wird - entweder eine endlose Aneinanderreihung von achttaktigen Disco-Loops oder Klickerklacker-Pattern."

Britische Elektroniker Chemical Brothers: Unterstützung vom Rapper

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Die Rettung liegt im Lied - jenes teuflische Vehikel, von dem sich die Elektro-Produzenten 1988 endgültig lossagen wollten. "Aber heute stellt sich der Überraschungsmoment eher durch einen unerwarteten Song als durch einen Sound ein", meint Nieswandt. Auf seiner neuen Platte "The True Sound Center" wimmelt es von niedlichen Popsongs, die auf solider elektronischer Grundlage stehen. Auch A Touch Of Class sehen im Lied die Zukunft. Die New Yorker haben auf ihrem Label im letzten Jahr eine Band veröffentlicht, die allein in Großbritannien eineinhalb Millionen Platten verkaufte - die Scissor Sisters. Ihr Erfolgsrezept: Softrock im Siebziger-Jahre-Stil mit Synthesizer-Melodien.

Das britische Elektro-Duo The Chemical Brothers verfährt nach dem Motto "If you can't beat them, join them". Auf der ersten Single ihres neuen Albums "Push The Button" ist der Rapper Q-Tip zu hören, der Song erinnert an die klackenden Beats einer Neptunes-Produktion, darüber legten die zwei Soundtüftler ein arabisch anmutendes Sample. In diesem Kontext wirkt Techno plötzlich wieder sehr menschlich.

Rap und Rock haben nun einmal die Vormachtstellung in der Jugendkultur. Wer auf dem Markt elektronischer Musik überleben will, versucht es mit Guerilla-Konzepten wie die in Köln residierende Firma Kompakt: Sie produziert minimalen Techno am Markt vorbei und verkauft Vinyl-Pressungen in rauen Mengen. Ein Image-Problem kann jedoch auch die Kompakt-Mannschaft nicht lösen: die Altersstruktur. Hans Nieswandt weiß: "House oder Techno haben inzwischen das Image, etwas für ältere Herrschaften zu sein." Die Kids toben längst woanders.

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