Elektropop-Rebell Nachlader Konsequent inkonsequent

Protestsongs können auch Spaß machen: Unter dem Namen Nachlader rebelliert der Berliner Musiker Daniel Baumann mit geschliffenen Texten und tanzbarem Elektropop gegen Egowahn und deutsche Verkrampftheit.

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Musiker Baumann: "Man ist ja kein Uno-Botschafter"

Musiker Baumann: "Man ist ja kein Uno-Botschafter"

Daniel Baumann ist ein eher unscheinbarer Typ. Seine dunklen Haare sind zu einer jener Gerade-aus-dem-Bett-Frisuren drapiert, wie sie in den Berliner In-Vierteln gerne getragen werden. Anfang der Neunziger hätte man so eine Gestalt einen Slacker genannt, einen Herumhänger in schlabberigen T-Shirts und Jeans, der selbstvergessen in den Tag hineinlebt.

Doch im 21. Jahrhundert darf man sich auf Äußerlichkeiten nicht mehr verlassen: Baumann ist alles andere als ein Schluffi. Unter dem Projektnamen Nachlader hat der 31-Jährige vor kurzem seine wahre Bestimmung gefunden: Er schreibt deutsche Texte voll verbaler Nadelstiche und Musik, die den Synthiepop der Achtziger mit modernen Elektro-Elementen zu einem tanzbaren Gemisch verbinden.

Nachladers vor kurzem veröffentlichtes Debüt-Album "Bock auf Aphorismen" irritiert nicht nur durch seinen merkwürdigen Titel, es passt so wenig in vorhandene Schubladen, dass viele Rezensenten aus der Elektroclash-Szene sich pikiert auf ihren Genre-Snobismus zurückzogen und hinter dem Pop-Appeal der Platte Verrat und Ausverkauf vermuteten. Aber auch der Pophörer könnte sich überfordert fühlen, denn die ebenso eigenwillige wie eingängige Musik des Albums ist weder alternativ, noch Mainstream; weder Berliner Agitpop, noch Neueste Deutsche Welle. Allein der Bandname ist klassischer Indie-Chic: Nachlader ist ein Begriff, den ehemalige Besitzer des Commodore-64-Computers noch gut kennen dürften.

Nachlader Baumann: "Es ist längst salonfähig geworden, ein Egomane zu sein"

Nachlader Baumann: "Es ist längst salonfähig geworden, ein Egomane zu sein"

Die Erfolgschancen Baumanns in den Charts dürften dennoch eher gering ausfallen, dabei offenbart sich hinter den harmlos anmutenden Blubberbeats ein Songschreiber, der einen Protestsong mit ein paar mehr oder minder sinnvoll zusammengesetzten Sätzen ganz unbeschwert unters Volk jubeln kann.

Mit spitzer Zunge und feiner Ironie seziert der ehemalige Student der Kulturwissenschaften und langjährige Nomade des Berliner Szene-Untergrunds am liebsten den Narzissmus und die Selbstbezogenheit seiner Mitmenschen: "Bei Bewusstsein doch ohne Verstand / inkonsequent und latent militant / nicht weit gedacht doch dafür amüsant", ätzt er in "An die Wand", seiner Abrechnung mit der trägen Generation Golf. Das Thema Arbeitslosigkeit bringt er in einem monotonen Singsang namens "Arbeitsgeld" ganz zeitgemäß neokonservativ auf den Punkt: "Geld ohne Arbeit sofort / Arbeit ohne Geld niemals."

In Baumanns amüsanter Assoziations-Rhetorik reimt sich Individuum auf Vakuum, manchmal auch einfach nur auf "schrummschrumm". Bei Zeilen wie "Kontrolle ist ein Wanderschuh / Ich trug ihn einst, jetzt trägst ihn du", ächzt es zwar ein bisschen im sprachlichen Gebälk, doch die ungewöhnlichen Klagelieder bleiben stets sympathisch und verströmen eine besänftigende Naivität. "Ich kehre zurück zu den einfachen Dingen / Man muss ja nicht immer Protestlieder singen", formuliert Baumann das Nachlader-Credo in einem Song.

Tatsächlich geht es dem Ex-DJ, der nach eigener Aussage schon mit sechs die ersten englischen Liedtexte schrieb, ohne die fremde Sprache zu beherrschen, nicht um den moralischen Zeigefinger: "Es ist völlig in Ordnung, sich die Platte anzuhören und einfach Party zu machen", erklärt er im Interview. "Man ist ja kein Uno-Botschafter. Wer will, kann sich aber auch mit den Texten auseinandersetzen. Die politische Botschaft ist aber eben nicht alles, in erster Linie bin ich Musiker."

Vor allem auf der Bühne wirft sich der sonst so sanft wirkende Baumann gekonnt in Popstar-Pose. Begleitet von eigener Gitarre sowie seinen festen Mitstreitern Serge Kool (Rap, Keyboards, Bass) und Svensson (Drums), entfacht er zuckend und zappelnd einen ekstatisch treibenden Elektropunk-Sound, der primär schweißtreibend ist.

Nachlader-CD "Bock auf Aphorismen": Merkwürdiger Titel, wortgewandter Protest

Nachlader-CD "Bock auf Aphorismen": Merkwürdiger Titel, wortgewandter Protest

Die Inspirationen für seine Texte erhält er weniger durch sein persönliches Umfeld ("Das sind inzwischen auch eher so lockere Typen"), als durch das akribische Beobachten der Umwelt: "Man kriegt das ja allein schon mit wenn man fernsieht", erklärt er. "Es gibt in letzter Zeit immer mehr Fernsehwerbungen, wo die Helden Arschlöcher sind. Zum Beispiel dieser eine Spot für eine TV-Zeitschrift, wo die Frau ihren Typen einfach in die Tiefe stürzen lässt, weil sie lieber einen Film gucken will. An so etwas merkt man, dass es längst salonfähig geworden ist, ein Egomane zu sein." Vor 20 Jahren, als Baumann aufwuchs, sei das noch anders gewesen, "da galt es noch als gut, Leuten zu helfen, also hilfsbereit zu sein, während es jetzt Konsens ist, zu sagen, ich interessiere mich eigentlich hauptsächlich für mich und jeder muss gucken, wo er bleibt".

Symptome für den Verfall der Nächstenliebe sieht der Nachlader, der den Begriff "wertekonservativ" gar nicht so abschreckend findet, überall: "Diese Metrosexualität zum Beispiel, über die so viel geschrieben wird, Männer, die sich eincremen und mit ihrem Körper beschäftigen", das seien "alles so Auswüchse". Statt immer nur dem medial befütterten Zwang zur Selbstverwirklichung nachzugeben, sollten sich die Leute "auch mal mit anderen beschäftigen, das macht den Menschen ja auch aus", findet Baumann.

Aus seinem Album spricht daher eine Lebenseinstellung, deren Ausformulierung, wie er zugibt, "hart an die Grenze zur Plattitüde stößt": "Alles wäre einfacher, wenn die Menschen ein bisschen entspannter wären und die Dinge nicht mehr ganz so ernst und wichtig nehmen würden. Da geht's nicht darum, wichtige Probleme unter den Tisch fallen zu lassen, sondern darum, auch mal den eigenen Horizont zu verlassen und sich generell nicht so unter Druck zu setzen." Das sei zwar undeutsch, "aber nicht unmöglich".

Ein bisschen naseweis und träumerisch klingt das alles, doch Baumann ist sich bewusst, dass auch er selbst nicht frei von gewissen Egoismen ist. Nach mehreren Jahren des Herumprobierens mit einer Band, "bei der man ständig zu viele Kompromisse schließen musste", nabelte er sich im vergangenen Jahr ab, um als Nachlader endlich sein eigenes Ding durchzuziehen. Ein Befreiungsschlag, räumt Baumann grinsend ein, die pure Selbstverwirklichung. Konsequent inkonsequent sozusagen.



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