Elektrorocker Rummelsnuff Popeye der Techno-Szene

Springerstiefel, Muskelberge, martialisches Gehabe - die Auftritte des Berliner Elektrorockers Rummelsnuff sind was für Hartgesottene. Doch die Alarmglocken brauchen nicht zu schrillen: Der Hüne will nur spielen - ein Rechter ist er nicht.

Von Christoph Cadenbach


An diesen Muskeln kann man nicht vorbeischauen: Der Brustkorb, dick und hart und vorstehend wie bei den Spielzeugfiguren von He-Man, bei denen man sich schon als Kind gefragt hat, wie so etwas anzutrainieren ist. Die Oberarme dieses Kerls sehen aus, als hätte man Pampelmusen unter die Haut genäht. Dazu trägt er Unterhemd und eine Kapitänsmütze auf dem kahlen Schädel. In Springerstiefeln stapft der Kraftprotz über die kleine Bühne des Kreuzberger Clubs Schwuz. "Du ein Mann, ich ein Mann, beiden juckt das Fell", grölt er in sein Mikrofon, während vor ihm ähnlich hünenhafte Typen Arm in Arm dastehen und mitsingen. "Zum Kampfe aber schnell", dröhnt es aus vereinten Kehlen. Die Popkultur trägt manchmal seltsame Früchte. Der Berliner Elektrorocker Rummelsnuff ist ein besonders exotisches Exemplar.

Einen Tag später, im piefigen Restaurant eines Ostberliner Hotels. Rummelsnuff stellt sich als Roger Baptist vor, 41 Jahre alt, geboren in Großenhain bei Dresden. Er wirkt kleiner als auf der Bühne. Unter seinen Fingernägeln klebt schwarzer Dreck. Wahrscheinlich Reste des Motoröls, das er sich gestern Abend auf die Muskeln geschmiert hat, passend zum Kapitänsoutfit. Im Interview rutscht er verlegen auf seinem Stuhl hin und her, sucht mit den Augen die Zimmerdecke ab nach passenden Worten. Besonders häufig findet er sie nicht. Sein Körper, dieses Muskelgebirge, wirkt nun wie ein Panzer, nicht mehr wie Schmuck.

Dick-Schädel aus Stahl

Zwischen Roger Baptist und Rummelsnuff klafft eine Lücke auf. Warum kriegt einer, der auf der Bühne eine inszenatorische Treffsicherheit an den Tag legt, die ganz und gar augenfesselnd ist, im Gespräch die dicken Backen nicht auseinander? Dabei gebe es eine Menge zu bereden, über die Kunstfigur Rummelsnuff und all deren Merkwürdigkeiten.

Zuerst einmal die Musik. Stampfende Technobeats und Synthie-Melodien, die manchmal nach Game-Boy, manchmal nach Leierkasten klingen und über die Baptist seine sonore Stimme legt. Aus seinen Texten trieft die (Ost-)Nostalgie, er erinnert an jugendliche Saufgelage mit "Früchtebrand aus Bruderland" ("Sliwowitz") und besingt die Bergwerkromantik der "Eisenkumpel", nimmt aber auch politische Reizwörter in den Mund: Trieb und Kraft, Mut und Geist, Kampf und ein "Schädel aus Stahl".

"Wenn du nur die Texte hörst, kann es leicht missverständlich werden. Dämliche Deutsche denken: Da kommt 'nen Rechter", sagt Alfred Hilsberg. Der Punkbiograf hat Baptist auf seinem Label ZickZack unter Vertrag genommen und ihn zum Interviewtermin begleitet. Baptist schweigt, Hilsberg redet. Den braunen Konnotationen würde im Kontext der Boden entzogen, sagt er.

Der Kontext, dass sind neben den Live-Auftritten die Musikvideos, und auch sie spielen mit einer Ästhetik, die an die Zeichensprache totalitärer Regime erinnert. Der übergesunde Bodybuilder-Körper wird wie in den Filmen Leni Riefenstahls zur Show gestellt. In einem Clip drohen die sechs Ringe des Berliner Olympiastadions, dem alten Nazibau, hinter seinen breiten Schultern ("Ringen"). Das Seefahrermotiv im schwarzweiß Video zu "Halt durch!" erinnert an "Panzerkreuzer Potemkin", den Eisenstein im Stile russischer Propaganda gedreht hat.

Dennoch hat Hilsberg Recht. Zwar muss die martialische Inszenierung der Rummelsnuff Figur auch als Verkaufsstrategie mitgelesen werden: Musiker von Laibach bis zum Deutsch-Rapper Fler sind ja mit der Ausstellung des eigenen Körpers und rechter Provokation recht erfolgreich (bei Fler ist diese Provokation plump kommerziell, bei Laibach zumindest subversiv gemeint). Böse sein will man Baptist deshalb aber nicht. Denn im Gegensatz zu diesen Musikern wird das rechte Antlitz seiner Kunstfigur tatsächlich konterkariert.

Im Video "Ringen" beispielsweise, in dem sich Baptist mit einem ähnlich massigen Fleischberg von Mann eng umschlungen auf einer Kampfmatte wälzt. Nackt. Im Off rumpelt Baptist dazu die Zeile: "Mein Nacken zwischen Beinen klemmt." Das ist dann doch zu schwul für einen Rechten. In anderen Clips trägt Baptist zwar Army-Hose und Combat-Boots, gleichzeitig aber auch eine schwarze Gummimütze mit einer Art Mickey-Mouse-Ohren auf dem Kopf. Rummelsnuff mutiert zur Comicfigur, zu einem schwulen Popeye.

Ein glatter Monolith

In Berlin wird er dafür von der schwulen Techno-Subkultur als skurrile Nacht-Ikone gefeiert. Neben dem Indie-Club Schwuz tritt Baptist vor allem im Berghain auf und arbeitet zudem als Türsteher dieser Techno-Institution. Der toughen Gay-Szene zugehörig fühlt er sich aber nicht. "Ich bin schon so rumgelaufen, als ich noch nicht wusste, dass es Darkrooms gibt", sagt Baptist. Unverhofft wortreich ist seine Aussage, begreiflicher macht sie sein Projekt aber nicht.

Rummelsnuff verwehrt sich einfach der Erschließung - wie ein glatter Monolith, an dem Erklärungsversuche abperlen wie Öltropfen auf den Plastikmuskeln einer Spielzeugfigur. Wahrscheinlich fasziniert diese Ein-Mann-Freak-Show aber gerade deshalb, weil sie in der Popwelt so ungreifbar alleine dasteht.


Rummelsnuff: "Halt durch!" ist bei ZickZack erschienen.

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