Elton John singt für Clinton "Ich liebe dich, Hillary"

Glanz, Glamour, Geld: Einen Abend lang wurde die alte Clinton-Ära noch einmal wiederbelebt. Pop-Ikone Elton John gab in der Radio City Music Hall ein Spenden-Konzert für Hillary Clinton, bei dem sich Stars und Wahlhelfer zur trotzigen Durchhaltepose vereinten.

Von , New York


Es war einmal ein Präsident, der brachte Glanz, Glamour und Geld ins Weiße Haus. Bill Clinton hieß der, er hatte viele Freunde in Hollywood, und die Partys im East Room waren rauschend. Staatsmänner und Stars gaben sich die Klinke in die Hand.

Es war die Blütezeit der Baby Boomer. Und für einen Abend wurde sie gestern noch mal wiederbelebt - samt der Hoffnung auf eine baldige Renaissance. Sir Elton John, die alternde Ikone der Baby Boomer, ließ sich dazu vom Pop-Olymp in die Politik herab, um ihr ein wenig von seinem Elfenstaub zu verleihen: Mit einem Konzert in New Yorks Radio City Music Hall trommelte er für Hillary Clintons Präsidentschaftskandidatur - und sammelte so 2,5 Millionen Dollar für ihre Wahlkampfkasse.

"One Night Only" hieß der Event - eine einmalige Benefiz-Gala, um Clintons Finanzen aufzubessern. Doch für die Promis und das Fußvolk, die sich hier im weltgrößten Theatersaal zur trotzigen Durchhalte-Pose vereinten, wurde er schnell mehr: eine wehmütige Zeitreise in die erste Clinton-Ära, die das aktuelle Wahldrama erst vergessen machte - und dann doch immer wieder heraufbeschwor.

Schon Stunden vorher stehen sie Schlange, entlang der West 50th Street bis hinüber zur windigen Rockefeller Plaza. "Nichts mag ich lieber, als für eine gute Freundin eine Party zu schmeißen", hat Sir Elton in der E-Mail-Einladung an die Clinton-Fans geschrieben.

Binnen einer Stunde waren denn auch alle 6000 Karten ausverkauft: 125 Dollar für die billigsten Plätze oben im Rang, 2300 Dollar (die gesetzliche Höchstgrenze für Spenden) fürs Parkett, ganz vorne bei den Honoratioren.

Finanziers statt Fabrikarbeiter

"Keiner kann Hillary stoppen", sagt Edmund Jones, der mit seiner Mutter aus Pennsylvania angereist ist, dem nächsten Vorwahlstaat. Jones trägt einen "Hillary"-Button, Mutter Edna trägt ein "Hillary"-T-Shirt. "Pennsylvania", postuliert sie, "wird Hillary zum Sieg führen."

Doch die armen Arbeiter, als deren Vertreterin sich Clinton in Pennsylvania gerne gibt, fehlen an diesem Abend. Stattdessen tummelt sich im gold-roten Foyer der Music Hall die Crème-de-la-crème der Clinton-Geldgeber - die einen in Abendgarderobe, die anderen leger im Popkonzert-Outfit der nicht mehr ganz so taufrischen Generation (Jeans, T-Shirt, Sakko).

Immobilienmogul Steve Rattner. Multimilliardär Ronald Perelman. Ex-Botschafter Carl Spielvogel. Bankiersgattin Lynn Forester de Rothschild. TV-Produzentin Susan Thomases, eine von Clintons engsten Freundinnen. Die spendabelsten werden im Programm verewigt. "Endlich mal was anderes als ein Musical", seufzt eine hochtoupierte Society-Lady.

Zur Einstimmung gibt's Brezeln (vier Dollar) und Champagner (9,50 Dollar, in der Plastikflöte), und der Vorwahlkampf selbst bleibt nur diskret angedeutet: "Hillary for President", sanft auf die Plüschtapete projiziert. Ansonsten fehlt jeder Hinweis.

Und doch, so ganz wegdenken lässt sich die Aktualität natürlich nicht. Secret-Service-Agenten lauern hinter den Marmorsäulen. Jeder Besucher wird durch eine elektronische Sicherheitssperre bugsiert, jede Gucci-Tasche durchstöbert. Was den Beginn des Konzerts um eine halbe Stunde verzögert.

Die Realität darf draußen bleiben

Schließlich springt Clintons Wahlkampfchef Terry McAuliffe auf die gigantische Bühne. Der Mann im Hintergrund, nun im Rampenlicht. Er trägt eine knallgelbe Krawatte, krächzt heiser, hat einen hochroten Kopf, reißt die Augen auf. "Hillary Clinton", verspricht er, "wird bis nach Denver ziehen" - zum Wahlparteitag also - "und die Kandidatin der demokratischen Partei werden." Jubel, erwartungsgemäß, man ist ja unter sich. Die Realität darf draußen bleiben.

Die Realität: Das sind die jüngsten Umfragen (zu Ungunsten Clintons). Da ist die dumme Kolumbien-Connection, der Freihandelsdeal, über den Chefstratege Mark Penn stolperte und in den nun auch Bill Clinton verwickelt ist. Da ist der chronische Geldmangel, den auch die 2,5 Millionen Dollar dieses Abends nur vorübergehend beheben werden.

"Schickt Geld übers Internet!", ruft Bill Clinton denn auch, als er mit Hillary und Chelsea auf die Bühne schreitet.

Die Kandidatin selbst, ihre Stressfalten mit Make-Up übertüncht, dankt dem "großen Menschenfreund" Elton John und auch "seinem Partner David Furnish". Sie fasst sich kurz, denn "dies ist kein Abend für politische Reden". Stattdessen zitiert sie einen Hit des Stars aus dem "König der Löwen", ausgerechnet: "Can you feel the love tonight?" Und beantwortet diese Frage gleich selbst: "Yes!"

Sir Elton hat sich herausgeputzt, wie immer. Schwarzer, paillettenbesetzter Gehrock, rotes Hemd, rote Stiefel, rote Brille, ein schweres Diamantkreuz auf der Brust. "Ich bin immer ein Hillary-Unterstützer gewesen", sagt er. (Schon 1998 sang er bei einem Staatsbankett im Weißen Haus.) "Niemand ist qualifizierter, Amerika anzuführen." Und die Kritiker? "Ich sage, zur Hölle mit ihnen! Ich liebe dich, Hillary!"

Soundtrack einer Generation

Und dann verwandelt er diese Saal füllende Abendgesellschaft in eine intime Soirée: Nur er, sein Konzertflügel und seine Stimme, schwächer als früher, doch immer noch unverkennbar. Er beginnt mit "Your Song", den er der früheren First Lady widmet: "My gift is my song, and this one's for you." Danach die "Ballad Of The Boy In The Red Shoes", sein Protest gegen Ronald Reagans Aids-Politik, und "Daniel", das Klagelied auf den Vietnamkrieg.

Nostalgische Töne, irgendwie. Hits der Siebziger, Achtziger, Neunziger, als Musik noch Musik war - zumindest nach Meinung dieses Publikums. Bessere Zeiten, so oder so. Sie wiegen sich im Takt, singen leise mit. Der Soundtrack einer Generation: Hillary Clinton und Elton John sind derselbe Jahrgang, 1947.

Er serviert die alten Nummern, doch die Tagespolitik bleibt nie fern. "Ticking" - über einen einsamen Jugendlichen, der zum Killer wird - "ist heute so relevant wie damals." Selbst "Philadelphia Freedom", Johns Ode an die Tennisspielerin Billie Jean King, wird schnell zur Hymne auf Clintons nächsten, großen Vorwahltest - derweil King selbst, die heute für Clinton wahlkämpft, hinter der Bühne zuhört: "Oh Philadelphia freedom, shine on me."

Manche Songs schreibt er sogar eigens um. Etwa "Crocodile Rock": "I remember when rock was young / Me and Hillary had so much fun." Bei "Rocket Man" springt Clinton schließlich selbst auf, hüpft und klatscht im Takt wie ein Teenager: "It's lonely out in space / On such a timeless flight." Ja, so könnte man auch die Desolatheit des Wahlkämpfers beschreiben.

Sir Elton lässt sich nicht lumpen. Zwei geschlagene Stunden singt und spielt er wie ein Wilder. Und auch wenn die letzten Songs des Abends mehr Tempo haben, bleibt doch das schwere Gefühl der Melancholie: Die meisten Texte handeln von Verlust, Abschied, Trauer. Ein Omen?

Nein, zumindest nicht, wenn es nach ihm geht. Seine Zugabe ist programmatisch. Ein alter Hit als neuer Wahlkampfsong: "I'm still standing."

Ich stehe noch. Das passt - und bleibt im Ohr. Und so summen es einige auch leise weiter, als Clinton sie mit "God bless you!" verabschiedet, und sie langsam zurück ins Foyer strömen und von dort in den Nieselregen hinaus, der Manhattans Midtown in einen sanften Nebel gehüllt hat.

Eine paar Ecken weiter, an den gläsernen Studios von NBC News, flackern die letzten Schlagzeilen über die elektronische Leuchtzeile: "Obama legt in Pennsylvania zu."



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