Neues Album "Revival" Eminem und der vergeigte Elfmeter

Wer, wenn nicht Rap-Superstar Eminem hätte das Album zur Spaltung der US-Gesellschaft abliefern können? "Revival" ist jedoch leider - ein Desaster.

Brian Kelly/ Shady Records/ Universal

Wenigstens muss man es nicht selbst aufschreiben, die bitterste Erkenntnis übernimmt Eminem dankenswerterweise selbst.

"It's the curse of the standard/ That the first of the Mathers discs set", rappt er auf "Walk On Water", der pianogetragenen ersten Single mit Gastsängerin Beyoncé von seinem neunten Album "Revival": An den Standard, den er mit seinem großen Durchbruch-Album, der "Marshall Mathers LP" von 2000, setzte, wird er, verflucht noch mal, nicht wieder heranreichen. Es gab eine Zeit, sinniert er weiter, "als ich die Welt bei den Eiern hatte und sie mir aus der Hand fraß. Und jetzt machen sich alle über mich lustig und rümpfen die Nase."

Das kann man im Grunde nur abnicken. Der Rapper aus Detroit, Michigan mag zwar weiterhin der meistverkaufte Vertreter seines Genres sein, hat aber spätestens seit seinem Comeback von 2009 nur noch Ausschussware produziert. Die Zeiten, als er mit "The Slim Shady LP", "Marshall Mathers" und seinem charakteristischen Industrietacker-Flow der wichtigste Rapper der frühen Nullerjahre war? Längst vorbei. Heute agiert Eminem wie ein Leistungssportler nach dem dritten Kreuzbandriss - er ist seit Jahren auf vergeblicher Formsuche.

Trotzdem ließ "Walk On Water" aufhorchen, obwohl der Track bestenfalls mittelmäßig ist. Der 45-Jährige schien es durchaus bierernst zu meinen mit dem Neuanfang. Das bestätigte auch eine übersteuerte Marketing-Kampagne, die "Revival" als eine Art Medikament anpries, inklusive eigener Website und anderen Werbe-Gags, die Fachleute um 2005 mal für angesagt hielten.

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Eminem: Revival rückwärts

Der größte Coup aber: Eminems zur Verleihung der BET Awards erschienener Diss gegen Präsident Donald Trump, der den Rapper über Nacht wieder zum nationalen Gesprächsthema machte. Weil er den Trump-Unterstützern unter seinen Fans wort- und gestenreich den Finger zeigte, einerseits. Andererseits, weil damit die berechtigte Frage aufgeworfen wurde, warum ausgerechnet Eminem sich mit dem Battle-Track zum Advokaten der Black Community aufschwingt. Ein weißer Mann also, der sich, könnte man argumentieren, auf dem Rücken schwarzer Kultur ein komfortables Leben erwirtschaftet hatte - und jetzt auch noch ihren Protest besetzt.

Eine Restspannung baute sich auf: Würde der alte Reim-Haudegen etwa doch noch ein bedeutendes Spätwerk veröffentlichen? Gar die toxische amerikanische Gesellschaftsbrühe ordentlich aufrühren?

Erstes Fazit, nach 78 unglaublich drögen Minuten "Revival": nope, absolut nicht.

Zwar gibt es eine Handvoll dezidiert politischer Songs auf "Revival", wie etwa "Untouchable", der die vielfältigen Fäulnisse der US-Gesellschaft jeweils aus weißer und schwarzer Perspektive beschreibt und am Ende zur bitteren Einsicht kommt: "No matter how many lives you ruin/It's for the red, white and blue."

Und auch Nummern wie "Offended", "Like Home" (mit Alicia Keys) oder "Framed" bemühen sich redlich, die aktuelle amerikanische Irrationalität zu vertonen. Letzteres wartet übrigens mit einer kontroversen Zeile zur First Daughter auf: "But dog how the fuck is Ivanka Trump in the trunk of my car", rappt Eminem darin: Wie zur Hölle kommt denn Ivanka, vermutlich nach Mafia-Art gemeuchelt, in seinen Kofferraum? Ein Aufmerksamkeitsgarant, klar. Aber muss man Protest wirklich mithilfe von Bildern misshandelter Frauen ausdrücken?

Aber auf "Revival", und das ist wohl das vernichtendste Urteil für diese 19 neuen Tracks, ist sogar ein solcher Fehlgriff letztlich egal. Emsig arbeitet sich das Album an dem ab, was man vor 20 Jahren für innovativen Rap hielt. Die hauptverantwortlichen Produzenten Dr. Dre und Rick Rubin haben Eminem dafür ein verblüffend gestriges Klangerüst ins Studio gezimmert, das klingt, als hätten sich die Beastie Boys auf "Licensed To Ill" nicht an Punk und Hardcore orientiert, sondern an einer "Rock Classics"-Doppel-CD aus dem örtlichen Einkaufszentrum.

"Remind Me" sampelt allen Ernstes den alten Arrows-, bzw. Joan-Jett-Hit "I Love Rock 'N' Roll," und schafft das Kunststück, den ohnehin ausgeleierten Song mit neuem Refrain noch nerviger zu machen: "I love you, because you remind me of me". "In Your Head" hingegen zitiert, kein Witz, "Zombie" von den Cranberries. Weitere Tiefpunkte: "Need Me" (feat. Pink), das klingt, als wollten die beiden sich einen soliden vorletzten Platz beim Eurovision Song Contest sichern. Oder "Chloraseptic" (feat. Phresher), auf dem Eminem versucht, die sogenannten Mumble-Rapper in die Pfanne zu hauen. Wohlgemerkt, nachdem er im Song davor ("Believe") einen Flow der aktuellen Rap-Superstars Migos aus Atlanta kopiert hatte.

Das alles wirft natürlich Fragen auf: Konnte niemand der 20 beteiligten Produzenten dieses Desaster verhindern? Mal kurz fallen lassen, dass es vielleicht nicht so fresh wirkt, einen Neuanfang mit denselben Stargästen zu unternehmen, mit denen man sich schon vor Jahren die Billboard-Top-Ten teilte? Und überhaupt: Wie konnte Eminem diesen Elfmeter so verschusselt am Tor vorbei auf die Tribüne hämmern?

Denn die Ausgangslage ist eigentlich ideal für einen wie ihn: Amerika versinkt in der Spaltung, Intoleranz und Rassismus sitzen personifiziert im weißen Haus, die Öffentlichkeit ist aufgeheizt wie nie. Hätte da nicht gerade Eminem, der profilierteste Choleriker im Musikgeschäft, ein Mann mit Wurzeln im White Trash und in schwarzer Kultur zugleich, jeden denkbar relevanten Gast einladen können? Hätte nicht gerade er eine breite Allianz von Künstlern gegen Donald Trump anführen können? Um schwarzen und weißen Protest im Mainstream zusammenführen?

Stattdessen verfestigt "Revival" bloß eine Gewissheit: Eminem war nie ein Künstler, der viel zu sagen hatte. Vielmehr waren seine Texte Lehrstücke darin, auf sehr clevere und talentierte Weise Belangloses zu ventilieren. Die wichtigen Themen lagen diesmal auf dem Tisch. Die Chance, daraus mehr als wurstiges Nichts zu machen, seiner Karriere tatsächlich einen neuen Spin, ein dringend nötiges "Revival" zu gönnen, diese Chance hat Eminem leider vertan.

Eminem: "Revival" (Interscope/Universal) ist am 15. Dezember erschienen.



insgesamt 27 Beiträge
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start.today 16.12.2017
1. naja
"Ein weißer Mann also, der sich, könnte man argumentieren, auf dem Rücken schwarzer Kultur ein komfortables Leben erwirtschaftet hatte - und jetzt auch noch ihren Protest besetzt." Könnte "man" tatsächlich so argumentieren, oder hat es vielleicht eher nicht so viel mit hautfarbe zu tun, ob man gegen trump sein darf? Ist "man", wenn man so argumentiert, nicht wahrscheinlich eher nur ein fauler schreiber, der meinungen aus leicht erzürnbaren twitter accounts oder vice arikeln kopiert, ohne groß darüber nachzudenken ?
remixbeb 16.12.2017
2. start.today
Danke. Dieser Widerspruch ist mir auch aufgefallen. Ich war noch nie ein großer Eminem Fan, auch wenn ich seit meiner Jugend Hip-Hop / Rap höre. Aber dieser Komplett-Verriss des neuen Albums scheint mir auch etwas zu viel des Guten. Mir scheint eher, dass da irgendwelche Hoffnungen beim Schreiberling nicht erfüllt wurden und deshalb die negative Rezension.
CoraU 16.12.2017
3. naja
Da hat das neue Werk einfach irgendwie die Erwartungen des Autors nicht getroffen. Mehr nicht. Mir gefällt´s prima.Hat auch lange genug gedauert.
540flair 16.12.2017
4. absolute Frechheit eines Reviews
Dennis Pohl, wo soll ich ansetzen um zu erklären, warum ihr Review eine Frechheit ist ? Zuerst könnte man anführen, dass das Album keinen Titel mit dem Namen "Undefeated" enthält, Sie spielen wahrscheinlich auf "Untouchable" an. Immerhin scheinen Sie den Inhalt dieses Songs noch periphär tangiert zu haben. Respekt. Zur Promotion des Albums per BET Awards : ein "weißer Mann also, der sich, könnte man argumentieren, auf dem Rücken schwarzer Kultur ein komfortables Leben erwirtschaftet hatte" ... auf dem Rücken? Haben Sie eigentlich sich eigentlich in irgendeiner Form damit beschäftigt, was Eminem veranstalten musste, um überhaupt von Dre unter Vertrag genommen zu werden? ... Absolute Falschaussage. "auf dem Rücken". Nächster Absatz: "Framed" ist frauenfeindlich ... JA ACH WAS der Song spielt auf den Relapse-Sound an, der vom Horrorcore lebt, alle Aussagen auf diesem Track sind SARKASTISCH! Meine Güte, soll man am Ende jedes Eminem - Songs erwähnen, dass der Inhalt nicht ernst gemeint ist? Es gibt einen Song namens "FACK" und trotzdem trat Eminem mit Elton John auf, um Stan zu performen. Um den Rest ihres "Reviews" zu zerlegen fehlt mir leider die mentale Durchhaltekraft. Immerhin haben Sie erkannt, dass "Need Me" ein schwacher Song ist. Als Letztes: "Vielmehr waren seine Texte Lehrstücke darin, auf sehr clevere und talentierte Weise Belangloses zu ventilieren" ... Wenn Ihnen die Themen von Eminem (Beziehungen zu Kim, Hailie, Drogenprobleme, Rassismus, "Frauenfeindlichkeit") nicht zusagen, sollten Sie die nächsten Musikreviews vielleicht einem Ihrer Kollegen überlassen. Um das Ganze mal in Perspektive zu setzen: Ihr Artikel enthält wahrscheinlich weniger Wörter als "Castle" & "Arose" (diese beiden Songs hängen zusammen, falls Ihnen das bei solch einem tiefgründigen Review entgangen sein sollte), welche durch Storytelling und absolute Rap-Oberklasse bestechen. Dafür haben Sie eine gehörige Portion "Belangloses" mehr in diesen Artikel gepackt, als auf Em's gesamtem neuen Album zu hören ist. PS: Ich habe diesen Account nur erstellt, um diese Frechheit eines Reviews mit angebrachter Kritik zu versehen. LG
stranzjoseffrauss 16.12.2017
5. Um das Jahr 2002 hat auch SPON noch ordentliche Arbeit geleistet
man erinnert sich noch an reflektierte Reviews wie bspw. für das damalig aktuelle Album von Andrew W.K. Aber leider stimmt die Tendenz des Revival-Verrisses, und was mich am aktuellen Eminem-Album am meisten ärgert ist Schwerfälligkeit des Gesangs und die teilweise billig klingende Instrumentalisierung, als hätte er sich an Trio anno 1981 orientiert.
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