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31. August 2018, 16:11 Uhr

Eminems Wut-Album

Zurück in Pestform

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Ohne Ankündigung hat Eminem sein zehntes Album veröffentlicht. Auf "Kamikaze" schimpft der Leistungsrapper frei von der Leber weg - gegen den Hip-Hop-Nachwuchs, Donald Trump und vor allem gegen Journalisten.

Er habe dieses Projekt nicht zerdenken wollen, kommentiert Eminem sein am Freitag überraschend erschienenes zehntes Album auf Twitter. Und hätte damit die Sache kaum besser auf den Punkt bringen können. Denn "Kamikaze" ist vor allem eins: ein vertonter Wutanfall ohne Netz und doppelten Boden, frei und unzensiert von der Leber geschimpft.

Das beginnt schon im Opener "The Ringer". Zu apokalyptischen Beats aus der Hand von IllaDaProducer schießt der 45-Jährige am Rande der Atemnot in unzähligen Zeilen gegen tatsächliche und imaginierte Gegner, Kritiker, Konkurrenten und Neider - in Eminems Kopf umfasst das augenscheinlich die halbe Welt. Denn nach fünf Minuten und 38 Sekunden liegt der body count, also die Zahl der Empfänger von verbalen Schellen, auf "Kamikaze" bereits auf Rekordkurs. Lil' Yachty, Lil' Xan, Lil' Pump, Iggy Azalea, Vince Staples, 21 Savage, US-Vizepräsident Mike Pence, dessen Chef Donald Trump und viele andere bekommen ihr Fett weg.

Betrachtet man Hip-Hop als Leistungssport, ist das imposant. Trotzdem kommt Eminem in dieser Tirade aber nicht ohne einen bedenklichen Fehltritt aus: Nachdem er sich gegen Ende des Songs Trump zur Brust genommen hat, stellt er klar, dass es um den eigentlich gar nicht gehe: "My beef is more media journalists". Die Presse ist also das Problem, die sein letztes Album "Revival" Ende vergangenen Jahres teilweise harsch zerrissen hatte. Für sich genommen ist das okay. Aber Sekunden nach einem Diss gegen einen Präsidenten, der die freie Presse regelmäßig als "the real enemy of the American people" brandmarkt? Eher unglücklich, um es freundlich auszudrücken.

Es bleibt im Verlauf der 45 Minuten nicht die einzige Äußerung mit fadem Beigeschmack. "Normal", ein Giftbrief an seine Ex, wandelt etwa wuttrunken auf einem schmalen Grat zwischen Misogynie und allgemeiner Betonköpfigkeit: "Why can't you bitches be normal? / Always gotta be so extra / Why you always need a lecture?", rappt Eminem da. Sicher, alle Frauen sind schwierig, komisch und brauchen unablässig eine Ansage. Alles klar.

Grenzüberschreitung als Stilmittel

Dabei ist es allerdings wichtig, sich daran zu erinnern, dass Eminem Grenzüberschreitung schon immer bewusst als Stilmittel eingesetzt hat und seine gallige Sprache ein potenter Faktor in seiner Erfolgsgeschichte ist. Und mal ehrlich: Ein Eminem mit einem Ruhepuls von 200 war schon immer der beste Eminem.

Und "Kamikaze" liefert jede Menge davon. Die Frage, ob es sinnvoll ist, sich dermaßen über ein paar schlechte Kritiken aufzuregen, einmal hintangestellt, führt die geballte Wut tatsächlich zu einer Art überfälligem Neustart. Völlig unverständliche, offenbar irgendwelchen Verkaufskalkulationen geschuldete Synapsenverknoter wie das unsägliche "Remind Me", das den längst vergärten Arrows-, bzw. Joan-Jett-Schwank "I Love Rock 'n' Roll" verwurstete, oder "Need Me" (feat. Pink), das unter normalen Umständen wohl schon beim ESC-Vorentscheid gescheitert wäre, fehlen diesmal glücklicherweise gänzlich.

Stattdessen verlässt sich Eminem immer noch auf seinen unvergleichlichen Flow, irgendwo zwischen einem führerlosen Presslufthammer und einem in dreifacher Geschwindigkeit abgespielten Schluckauf, - und reicht damit in seiner unerbittlichen Direktheit stellenweise an die Klasse seines frühen Outputs heran. Ein Song wie das starke "Lucky You" (feat. Joyner Lucas) beweist, dass dem Dino in Sachen Reimform und Vortrag immer noch nur Wenige etwas vormachen. Und liefert nebenbei auch noch eine der besten Punchlines der letzten Zeit: "What's scary is you prolly can compare me to your car / 'Cause I'm barely gettin' started."

Ein altes Eisen rappt

An anderer Stelle schleicht sich sogar so etwas wie Selbstkritik in den cholerischen Anfall: "I regret it that I did it / I done won a couple Grammys but / I sold my soul to get 'em", rappt Eminem im selben Song. "Stepping Stone" hingegen formuliert ein emotionales Entschuldigungsschreiben an seine ehemalige Crew D12 und nimmt sich dem oft formulierten Vorwurf an, er habe die Gruppe in den späten Neunzigern als Sprungbrett für seine eigene Karriere benutzt: "May end up running back into them all / I never meant to use you all as my stepping stones", singt er da.

Auf ganzer Länge ist "Kamikaze" tatsächlich Eminems bestes Album seit "The Eminem Show" (2002). Sein claim back to fame, könnte man sagen. Allerdings kann auch eine Platte in neuerlicher Bestform 2018 nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass hier ein altes Eisen rappt. Sicher, Eminem reimt, schimpft und disst weiterhin besser als die meisten. Allerdings eben auch in den Codes einer Zeit, als man noch pro Minute gerappte Silben verglich wie die PS-Zahlen getunter Autos.

Das zeigt sich paradoxerweise gerade in seinen unzähligen Disses gegen die junge Trap-Generation auf "Kamikaze": Schon klar, niemand dieser Lil-Künstler könnte ein Battle gegen Eminem gewinnen. Dafür haben sie gerade mit ihrer Indifferenz gegenüber zweifelhaften Traditionen Hip-Hop aus der Falle seines eigenen Konservativismus geführt - und damit letztendlich weg von einer alten Ikone wie Eminem.

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