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Eminems Wahlaufruf: "Dieses Monster, dieser Feigling"

Von Daniel Haas

Eminem gilt als der große Rabauke der Rap-Musik. Mit krassen Provokationen schockte er Politiker und Interessenverbände und begeisterte die Fans. Eine aufrüttelnde Gesellschaftskritik hätte man ihm kaum zugetraut. Doch jetzt erschien in Amerika das Video zu "Mosh": ein Anti-Bush-Statement mit enormer kreativer Sprengkraft.

 Comic-Figur Eminem im Video zu "Mosh": Wahlhilfe für die MTV-Generation
Screenshot www.gnn.tv

Comic-Figur Eminem im Video zu "Mosh": Wahlhilfe für die MTV-Generation

Auf seinen Konzerten ließ er Mitschnitte von Kongressanhörungen und Nachrichtensendungen einspielen, die ihn als degeneriert, asozial und frauenfeindlich beschreiben. In seinem Video "Without Me" erschien er als Osama-Bin-Laden-Parodie mit Turban und Bart. Kein Zweifel: Eminem, 30, einer der erfolgreichsten Rapper aller Zeiten, hat keine Angst vor politischen Provokationen.

Politik statt Pose

Man kann über die kulturkritischen Qualitäten Eminems streiten, über die kreative Sprengkraft seines neuen Videos "Mosh" hingegen nicht. Der von Ian Inaba gedrehte Clip wurde mit perfektem Timing eine Woche vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl lanciert, seit drei Tagen läuft "Mosh" im US-Musikfernsehen. Statt marktgängiger Ghetto-Posen und dem Genre-üblichen Geprotze mit Frauen, Autos und Schmuck präsentiert Amerikas streitbarster Rapper hier ein Comic-Szenario, in der alle relevanten Themen vor der Wahl zum Ausdruck kommen.

Rapper Eminem: Marsch aufs Weiße Haus
AP

Rapper Eminem: Marsch aufs Weiße Haus

Die Einschränkung der Bürgerrechte, symbolisiert durch den Afroamerikaner, der von New Yorker Polizisten vergewaltigt wurde; die krasse soziale Ungerechtigkeit, dargestellt im Bild der allein erziehenden Mutter, die ihre Wohnung verliert, während der Präsident im Fernsehen die nächste Runde seiner desaströsen Steuerpolitik eröffnet; der junge Soldat, der, frisch aus dem Irak-Krieg zurückgekehrt, schon an der Haustür den Wiedereinberufungsbefehl entgegennehmen muss: Dies alles addiert der furiose Video-Clip zu einem Panorama des politischen und kulturellen Elends auf.

Am Ende marschiert Eminem mit desertierten Soldaten, verzweifelten Müttern und Tausenden von wütenden Jugendlichen aufs Weiße Haus. "Lasst uns diese Massenvernichtungswaffe zerstören, die wir unseren Präsidenten nennen", rappt der als Marshall Mathers III geborene HipHop-Star im Finale, zuvor schmähte er den Präsidenten als "Monster" und "Feigling". Das letzte Bild ist entsprechend direkt: "Vote" - "Wählt!", ruft der Rapper seine Anhänger auf.

Den Wählern eine Stimme

Verfluchte Eminem früher seine Mutter, seine ehemalige Frau, die Medien oder Pop-Pazifisten wie Moby, hat sich Amerikas Rap-Enfant-terrible mit "Mosh" an die Spitze jenes politischen Engagements gestellt, mit dem HipHop-Stars versuchen, Amerikas Jugend an die Wahlurnen zu bringen. So setzte Def-Jam-Gründer Russell Simmons beim diesjährigen HipHop-Gipfel in New York die Wahlen ganz oben auf die Agenda. Bei dem Kongress, der jugendliche Fans zur richtigen Wahl bewegen soll, sprachen neben Eminem auch Rap-Mogul Sean "P. Diddy" Combs und Motown-Chef Kedar Massenberg.

Szene aus "Mosh"-Videoclip: Panorama sozialen Elends
Screenshot www.gnn.tv

Szene aus "Mosh"-Videoclip: Panorama sozialen Elends

Der Appell ans politische Bewusstsein der Fans ist nicht neu im HipHop. In den achtziger Jahren beriefen sich Rap-Stars wie Public Enemy oder KRS One auf die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung und machten HipHop zu einem "CNN der Schwarzen", wie Public-Enemy-Frontmann Chuck D damals formulierte.

"Mosh" kann als politische Agitation mit den Mitteln des Videoclips gelten. Eminems Rap hat die wütende Energie einer Malcolm-X-Ansprache; die Bilder entfalten die Bedrohlichkeit eines Bürgerkriegsgeschehens. George W. Bush mag Amerika vor die Wahl stellen, die Rap-Gemeinde hat ihre Stimme bereits gefunden.

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