Filmkomponist Ennio Morricone "Charles Bronson war zugedröhnt von meiner Musik"

Er hypnotisierte Killer und machte die Maultrommel cool. Doch Soundtrack-Legende Ennio Morricone ist mehr als "Spiel mir das Lied vom Tod": ein umtriebiger Avantgardemusiker. Im Gespräch lüftet er Geheimnisse seiner Arbeit und erklärt, wieso es mit Stanley Kubrick nicht klappte.

Ein Interview von Marc Hairapetian

AP

Die Soundtracks zu Italo-Western wie "Spiel mir das Lied vom Tod" oder "Für ein paar Dollar mehr" machten Ennio Morricone zur Legende. Der 1928 geborene Römer arbeitete in seiner über 50-jährigen Karriere mit fast allen Hollywood-Größen zusammen und erhielt einen Oscar für sein Lebenswerk. Zuletzt schrieb er die Musik zu Tarantinos "Django Unchained". Was weniger bekannt ist: Neben der Filmarbeit komponierte der Workaholic Hunderte weitere, oft avantgardistische Werke. Bis heute greifen viele Musiker auf die Arbeit von Morricone zurück.

SPIEGEL ONLINE: Signor Morricone, Sie haben in 52 Jahren 500 Filmsoundtracks geschrieben. Eigentlich kann es kaum einen Regisseur geben, mit dem sie noch nicht gearbeitet haben. Wer fehlt in ihrer Sammlung?

Morricone: Mit Stanley Kubrick hätte ich gerne zusammengearbeitet! Er rief mich Anfang der siebziger Jahre an, fragte, ob ich die Musik zu "Uhrwerk Orange" schreiben wolle. Am Telefon waren wir uns eigentlich über alles einig. Kubrick konnte wegen seiner Flugangst nicht nach Rom kommen, also habe ich alleine angefangen. Irgendwann hat Kubrick dann bei Sergio Leone angerufen, um zu fragen, ob ich mit dem Job zufrieden bin. Leone antwortete: "Ja. Auch wenn er derzeit viel um die Ohren hat. Er arbeitet parallel an meinem Score zu 'Todesmelodie'". Daraufhin hat Kubrick nie wieder angerufen. Tja, er drehte nur alle drei bis fünf Jahre einen Film, ich hingegen schrieb zu der Zeit jährlich 15 Soundtracks. Aber ich muss neidlos anerkennen, dass Walter Carlos mit seinen wuchtig-hypnotischen Synthesizer-Klängen den Nagel auf den Kopf getroffen hat.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Film, für den sie lieber nicht den Soundtrack komponiert hätten?

Morricone: Für Pier Paolo Pasolinis "Die 120 Tage von Sodom". Es war zwar wichtig, einen Film über die Verbindung von Vergewaltigung, Folter und Mord in einem faschistischen Marionettenstaat zu machen, aber ich habe ihn mir nie wieder angesehen.

SPIEGEL ONLINE: Bekannt wurden sie vor allem durch ihre Zusammenarbeit mit Sergio Leone. Stimmt es, dass er Sie die Musik schon vor dem Dreh komponieren ließ, um die Schauspieler am Set in die richtige Stimmung zu versetzen?

Morricone: Ja, wir haben herumexperimentiert, um den Soundtrack zu finden, während der Film noch in der Entstehung war. "Spiel mir das Lied vom Tod" haben wir den Schauspielern beim Dreh in Orchesterlautstärke vorgespielt. Das erklärt auch, warum Charles Bronson manchmal wie hypnotisiert durch die Szenerie wandelt. Er war betört, fast zugedröhnt von meiner Musik, diesem absichtlich etwas schiefen Mundharmonikaspiel und der sägenden E-Gitarre.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also mit ihrer Musik die Filme in ihrer Entstehung beeinflusst?

Morricone: Ja. Wenn man die Musik vorher hört, kann man gewisse Szenen etwas länger oder kürzer drehen. Die Musik bringt etwas zum Ausdruck, was im Film normalerweise nicht zu sehen oder hören ist. Deswegen hat mich Leone auch immer als seinen musikalischen Drehbuchautor bezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Bei ihren bevorstehenden Deutschland-Auftritten könnten sie angesichts ihres Gesamtwerks praktisch wochenlang spielen. Wie haben sie eine Auswahl getroffen?

Morricone: Ich spiele Kompositionen, von denen ich weiß, dass sie dem Publikum gefallen, wie "Für ein paar Dollar mehr" oder "Es war einmal in Amerika", aber ich will auch Stücke spielen, die mir gefallen und die ich dem Publikum näherbringen will.

SPIEGEL ONLINE: Welche Musik wollen sie denn den Zuschauern näherbringen?

Morricone: Na ja, es betrübt mich, dass man mich hierzulande fast nur nach Leone und Italo-Western befragt, dabei machen diese Soundtracks nur acht Prozent meines Schaffens aus. Ich habe viel mehr Filmmusiken komponiert für große und wichtige Regisseure wie Gillo Pontecorvo oder Giuliano Montaldo. Auch die sogenannte Musica Assoluta, die absolute Musik, die ich jenseits der Soundtracks komponiert habe, liegt mir sehr am Herzen. Für die Deutsche Grammophon habe ich Aufnahmen avantgardistischer Musik gemacht, die viele gar nicht kennen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Filmmusik-Liebhaber halten den Score zum Gangsterfilm "Der Clan der Sizilianer" von 1969 für ihre beste Arbeit. Welche Erinnerungen haben sie an die Arbeit an dem Film?

Morricone: Henri Verneuil war einer der ersten Regisseure, die eng mit mir zusammenarbeiten wollten. Er half mir, meine anfängliche Unsicherheit zu überwinden. "Der Clan der Sizilianer" war eine ziemlich mühselige Arbeit. Ich versuche immer, Elemente einzubauen, die mich selbst interessieren. Ich erzähle Ihnen jetzt ein Geheimnis: "Der Clan der Sizilianer" basiert auf der Neunten von Johann Sebastian Bach. Und deren Hauptmotiv besteht nur aus diesen vier Tönen (singt sie vor). Aus diesen vier Noten habe ich das Thema vom "Clan der Sizilianer" gemacht. Das hört sich einfach an, aber allein das hat mich über einen Monat Arbeit gekostet. Über Bach legte ich ein sizilianisches Motiv, ich ließ zwei Melodien gegeneinander ankämpfen, weil der Sizilianer-Clan nach dem Juwelenraub mit dem französischen Banditen Roger Sartet aneinandergerät. Doch wissen Sie, was den Soundtrack bis heute zu einem meiner erfolgreichsten macht?

SPIEGEL ONLINE: Dass Sie für orchestrale Scores ungewöhnliche Mittel wie Pfeifen, Maultrommel oder E-Gitarre eingesetzt haben?

Morricone: Genau. Gerade die Maultrommel verleiht dem Soundtrack etwas Lässiges, das durch das E-Gitarren-Riff unterstützt wird. Ich setzte auch einen Synthesizer ein, als sich Alain Delon am Strand raubtierartig auf die sich in der Sonne rekelnde Irina Demick stürzt. Das wollte ich mit einer explosiven, erotisch aufgeheizten Musik unterstreichen.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen sie die Inspiration für ihre Musik?

Morricone: Johann Sebastian Bach und Anton Webern, der Schöpfer der atonalen Musik, sind immer eine große Quelle der Inspiration für mich gewesen. Von Webern kam bei aller Melodiösität meiner Musik das etwas sperrige und außergewöhnliche Element in meine Soundtracks. Vielleicht macht diese Kombination meinen Erfolg aus, weil meine Musik nicht zu poliert auf Wohlklang getrimmt ist, sondern auch Ecken und Kanten hat.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie eigentlich mit dem gleichen Ehrgeiz an einen Soundtrack heran, wenn Ihnen ein Nachwuchsregisseur nur ein geringes Honorar bieten kann? Sind Sie da noch Idealist?

Morricone: Es ist nie vom Geld abhängig. Mein Job war und ist immer an der Seite des Orchesters. Das war schon so, als ich als Theater- und Rundfunkkomponist begann und danach für das Fernsehen arbeitete oder Popsongs schrieb. Mir ist wichtig, dass ich bei einem Film musikalisch etwas zu sagen habe und mich stets verbessern kann. Natürlich will ich Geld verdienen. Ich habe mich auch immer bezahlen lassen, mal mehr, mal weniger. Aber der Hauptgrund ist die Liebe, die ich für die Musik empfinde. Deswegen komponiere ich auch heute noch mit 85 Jahren. Wird mir viel Zeit gegeben, nehme ich sie mir. Wird mir nur wenig Zeit gelassen, arbeite ich schneller. Zur Not arbeite ich ganze Nächte durch.

SPIEGEL ONLINE: Wo schreiben sie ihre Soundtracks am liebsten?

Morricone: Schlicht und ergreifend bei mir zu Hause. Aber die besten Ideen kommen mir oft beim Autofahren. Dann parke ich schnell irgendwo und mache mir Notizen.

SPIEGEL ONLINE: Ärgert es sie eigentlich, dass Ihre wohl berühmtesten Soundtracks wie "Zwei glorreiche Halunken" oder "Der Clan der Sizilaner" keine Preise erhalten haben und Sie trotz fünf Nominierungen bisher "nur" einen Ehren-Oscar entgegennehmen durften?

Morricone: In den sechziger und siebziger Jahren waren Italo-Western und französische Gangsterfilme zwar international erfolgreich, wurden aber von der Filmkritik als Genre-Filme abgetan und deswegen nicht berücksichtigt. Meine erste Oscar-Nominierung erhielt ich immerhin schon 1979 für Terrence Malicks "In der Glut des Südens". Den ersten Preis in meiner Heimat, den David Di Donatello, gewann ich hingegen erst 1988 für Giuliano Montaldos "Brille mit Goldrand".

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch einen Tipp für junge Filmkomponisten?

Morricone: Ganz viel lernen bei guten Komponisten und immer ein bisschen angeben. Damit holt man sich das Selbstbewusstsein, um protzige und richtig starke Musik zu komponieren.


Ennio Morricone live: 11. Februar - Berlin, 13. Februar - Zürich, 16. Februar - Wien, 7. April - München, 14. April - Köln



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Shlabotnik 27.12.2013
1. Die Neunte von Bach
Wahnsinn, dass man heute noch auf unentdeckte Werke alter Meister stoßen kann. Was immer er gemeint hat - oder was immer in der Übersetzung schief ging: Morricones Thema basiert auf einem Präludium für Orgel in a-moll, BWV 543.
saltwater 27.12.2013
2. Morricone
Großer Mann. Bitte noch viel viel mehr!
vcproepper 02.01.2014
3.
sehr lustig... die Neunte von Bach... tststs...
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