Musik mit Bildkraft Vorhang auf fürs große Streicher-Kino!

Morricone, Rota, Schostakowitsch: drei Garanten für klangmächtige Leinwandepen. Weitere Entdeckungen aus ihrem Werk lohnen, wie zwei frische Aufnahmen zeigen.

OUTHERE MUSIC

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Das hypnotische Pfeifen, der Sog der Melodie, der peitschende Rhythmus: Als Ennio Morricone die Musik zu Sergio Leones Western "The Good, the Bad and the Ugly" beisteuerte, schuf er als Musikpionier einen Soundtrack, der dramaturgisch maßgeblich den Erfolg eines Leinwandepos prägte. Die Musik sprach wie ein Extra-Schauspieler, sie kommentierte, trieb die Handlung, zeichnete Höhepunkte und malte Stimmungen aus wie nie zuvor. Als weiterer Streich aus der Zauberwerkstatt Morricones wirkte dann seine Musik zu "Once Upon a Time in the West" noch stärker: Nach diesem Film konnte niemand mehr eine Mundharmonika hören, ohne an Charles Bronson und Henry Fonda zu denken. Was für ein Innovator - und er konnte noch viel mehr.

Meisterwerke für Leone und Pasolini

Ein fleißiger Komponist in Sachen Bühne und Film war der 1928 in Rom geborene Ennio Morricone schon immer. Nach seinem Studium am berühmten Konservatorium von Santa Cecilia in seiner Heimatstadt definierte er soundtechnisch mit den Kompositionen für Sergio Leones "Dollar"-Filme das Genre des Italo-Westerns, in "Teorema" prägte er Pasolinis Meisterwerk musikalisch, von "Sacco und Vanzetti" bis "Ein Käfig voller Narren" reicht die stilistisch breite Palette seiner über 500 Kinowerke.

Aber der Kino-Magier schrieb auch für den Konzertsaal: Solowerke, Konzerte, Vokalkompositionen, sogar Kantaten und Messen. Grenzenlos war und ist Morricones musikalische Entdeckerlust. Der Dirigent und Komponist Luigi Piovano spielte mit den Streichern des Santa-Cecilia-Ensembles jetzt Morricones intime "Musik für 11 Violinen" ein, dazu seine "Meditation für Cello und Streicher".

Die Komposition für 11 Violinen ertastet mit zarten Glissandi pastose Stimmungslagen, kein Vergleich mit Morricones breitem Emotionspinsel bei seinen Kinodramen. Die Solisten treten dann schon eher markant und ausdrucksstark mit melodischer Kraft auf, doch am Leinwandwerk sozialisierte Morricone-Fans könnten sich mit dem eher experimentellen Zuschnitt schwertun.

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"La Strada" machte Rota berühmt

Der 1911 in Mailand geborene Nino Rota wurde bekannt durch seine Filmmusiken zu Fellinis "La Dolce Vita" (1960), Coppolas "Der Pate" (1972) und natürlich Fellinis Klassiker "La Strada" (1954). Dazu kamen Dutzende weitere Soundtracks sowie vielfältige Kammermusik und Konzerte. Rota starb 1979 im Rom.

Nino Rotas auf der CD interpretiertes "Konzert für Streicher" fünf Sätzen reflektiert eher den Zugriff und die melodiöse Kraft seiner Leinwandwerke. Füllige Tutti-Passagen gleiten hinüber zu liedhaften Momenten, die an die wirkungsvollsten Motive seiner Fellini-Kompositionen erinnern. Hier ist Rota mit der griffigen Suggestion seiner Musik ganz bei sich selbst: Absolut und losgelöst vom Sujet - aber die themenbezogenen Stücke Rotas führten wie die Morricones nach den Filmen ohnehin ein musikhistorisches Eigenleben.

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Plakative Musik: Mehr als Filmmusik von Morricone und Rota

Der Interpret hinter all diesen unterschiedlichen Preziosen ist Luigi Piovano. Kongenial muss man in diesem Falle sagen, denn auch die hier vertretenen Werke des vielseitigen Komponisten Nicola Piovani sprechen eine individuelle, vielgliedrige Sprache voller Emotion und Melancholie, die keine Umwege zum Ohr des Publikums macht. Zweimal steht Piovanos Cello im Vordergrund, dazu gelingt dem Komponisten Piovani ein verträumter Walzer, dessen Titel "Das Leben ist schön" an den Benigni-Film gleichen Titels gemahnt, für den er geschrieben wurde und der nachdenkliche wie ermunternde Motive vereint.

Hemmungslose Kraft und zarter Impressionismus

Ganz großes Kino allerdings fährt die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz auf, die Dmitrij Schostakowitschs Soundtrack "The Gadfly" (Die Stechfliege) von 1955 ausgegraben hat. Auch Schostakowitsch (1906-1975) komponierte mit immensem Fleiß, wobei er auch für mehr als zwei Dutzend Filmmusiken Zeit fand. Dass ihm seine Leinwandkompositionen mehr als bloße Auftragswerke und Pflichtübungen waren, belegen die farbigen und stilistisch vielfältigen Ideen, die er mit "The Gadfly" realisierte. Hemmungslose Kraft und zarteste, fast impressionistische Stimmungsbilder stehen nebeneinander.

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Die fabelhafte Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter ihrem englischen Dirigenten Mark Fitz-Gerald stürzt sich voll hörbarer Begeisterung in diesen Strudel aus Emotionen und wilden Ausbrüchen, dezenten Abtönungen und grellen Farben, mit denen Schostakowitsch einige Register seiner vitalen Gestaltungskraft zieht. Fast meint man, den Überschwang der Gefühle zu spüren, endlich dem Druck von Stalins Kulturdiktatur entkommen zu sein. Klassische Tänze ("Contredanse") fügen sich nahtlos mit freien Impressionen ("Bazar") zusammen, während immer wieder wilde Ausbrüche ("The Cliffs") Akzente setzen. Eine wunderbare Spielwiese für einen freien und smarten Geist wie Schostakowitsch, perfekt gestaltet vom Rheinland-Pfälzischen Klasse-Orchester.



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